TV-Dreiteiler „Tannbach“

Die geteilte Verzweiflung

Torsten Wahl
3 Min
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) liest in der Haft heimlich Bücher, die ein Stasi-Major zu ihr schmuggeln lässt.

Hilde Vöckler (Martina Gedeck) liest in der Haft heimlich Bücher, die ein Stasi-Major zu ihr schmuggeln lässt.

© Julie Vrabelova

Sind wir im Osten oder Westen? Im ersten Teil des ZDF-Dreiteilers „Tannbach“ fällt es überraschend schwer, die Orientierung zu behalten – zumindest für jene, die vor drei Jahren den Vorgänger-Dreiteiler über das geteilte Dorf nicht gesehen haben. Das ZDF fasst die Vorgeschichte der Nachkriegsjahre nicht zusammen, sondern springt direkt ins Jahr 1960. Eine Gruppe Jungs rennt durch den Wald, eine Granate explodiert, Armisten eilen herbei, die Uniformen ähneln einander.

Ansonsten werden Ost und West im Fernsehspiel optisch stark voneinander abgesetzt. Der Osten ist meist grau und kriegszerstört, für Farbe sorgen nur rote Fahnen und Parolen. Im Westen schillert die leuchtende Reklame. In einem Dorf aber sind die Unterschiede weniger gravierend.

Das fiktive „Tannbach“ wurde dem realen Mödlareuth an der thüringisch-bayrischen Grenze nachempfunden, das tatsächlich vom Tannbach geteilt wurde. Gedreht wurde, wie bei nahezu allen historischen Filmen, in Tschechien.

Sechs Filme

Das ZDF-Projekt, das mit der jetzigen Ausstrahlung schon fast zehn Stunden Sendezeit umfasst und weiter fortgesetzt werden soll, will sich zumindest von den Ausmaßen und den Ambitionen mit der „Heimat“-Saga von Regisseur Edgar Reitz und Autor Peter Steinbach vergleichen. Zudem hatte das ZDF vor 15 Jahren schon mit dem Vierteiler „Liebesau – Die andere Heimat“ über ein Ost-Dorf Ähnliches versucht.

Um den Wiedereinstieg zu erleichtern, setzt das ZDF auf das Internet, wo alle Figuren und ihre Vorgeschichte vorgestellt, ein Stammbaum sowie ein Lageplan von Tannbach angeboten werden. In der Mediathek stehen alle sechs Filme. Trotzdem bleiben manche Entwicklungen schwer verständlich.

Anna, die überzeugte Jungkommunistin von der Ostseite, die stets so feurig für die LPG trommelt, soll also die Tochter des Grafen von der Westseite sein und weiterhin an Gott glauben? Dass sie schon drei halbwüchsige Kinder hat, ist ebenso schwer zu glauben, denn Anna wird von der Mittzwanzigerin Henriette Confurius gespielt.

Der Dreiteiler pflügt sich durch die Geschichte

Nicht nur Anna hat eine geballte Ladung Historie mitzuschleppen. So steht auf der anderen Seite Horst (Robert Stadlober), unehelicher Sohn des Obernazis und einer Zwangsarbeiterin, der am Kriegsende als SS-Mann die Gräfin erschießt, von der Mutter an die Amis verraten wird, nun beim BND eine neue Karriere beginnt und zwischendurch wegen seiner Homosexualität ins westdeutsche Gefängnis geht.

Der Dreiteiler pflügt sich durch die Geschichte, will möglichst tief graben und viel aufwerfen. Deutlich wird das Bemühen, die Dramen und Konflikte nicht nur im Osten zu verorten. So spielen hier nicht nur Stasi, SED und NVA ihre übliche Rolle, sondern stehen BND, amerikanischen Geheimdiensten und einer Nato-Geheimarmee gegenüber, die ebenso unheilvoll wirken.

„Gibt es in diesem Land irgend jemand, der nicht Grund hätte, verzweifelt zu sein?“ fragt der West-Tannbacher Graf (Heiner Lauterbach). „Alle sehnen sich nach Freiheit – und doch kommt immer wieder nur Feindschaft heraus“, resigniert im Osten der Stasi-Offizier (Rainer Bock).

Hochklassige Schauspieler 

Alle Figuren entwickeln sich nicht aus sich selbst heraus, sondern müssen Geschichte personifizieren. Nur selten redet hier einer mal vom Alltäglichen, die Dialoge, sind vor allem meist hochpolitisch. Etwas mehr Raum bekommen die Familien im Westen, die Geschlechterrollen in Frage stellen. So begehren erst Enkelin, dann Tochter und Gattin gegen den Altnazi-Patriarchen (Alexander Held) auf.

Den größten Spielraum bekommt Anna Loos, deren Ostberliner Verkäuferin den West-Tannbacher-Grafen heiratet und gewohnt selbstbewusst ihre erlernte Frauenrolle weiterführen will. Mit fortschreitender Dauer können die durchweg hochklassigen Schauspieler ihren Rollen mehr Individualität geben. Doch so heimisch wie im „Heimat“-Dorf Schabbach wird man in Tannbach nie.

Tannbach – Schicksal eines Dorfes, 8., 10. und 11. Januar, 20.15 im ZDF Infos im Netz: www.tannbach.zdf.de

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