Überwachungskameras liefern Hinweise: Hatte der NSU in der Kölner Keupstraße Helfer?

Fast elf Jahre nach dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße, bei dem 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, sind noch immer nicht alle Hintergründe der Tat aufgeklärt. Umstritten ist insbesondere die Frage, ob die mutmaßlichen Bombenleger vom NSU, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, tatsächlich als Einzeltäter gehandelt haben, wie es die Bundesanwaltschaft im Münchener NSU-Prozess behauptet – oder ob es Helfer gab – etwa aus der Kölner ...

BLZ
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Fast elf Jahre nach dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße, bei dem 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, sind noch immer nicht alle Hintergründe der Tat aufgeklärt. Umstritten ist insbesondere die Frage, ob die mutmaßlichen Bombenleger vom NSU, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, tatsächlich als Einzeltäter gehandelt haben, wie es die Bundesanwaltschaft im Münchener NSU-Prozess behauptet – oder ob es Helfer gab – etwa aus der Kölner Naziszene.

Neue Nahrung erhält die Diskussion jetzt durch Ausschnitte von Überwachungsvideos, die am 9. Juni 2004, dem Tag des Anschlags, unweit vom Tatort entstanden sind. Es handelt sich um bislang unbekannte Aufnahmen zweier Kameras, die am Gebäude des Musiksenders Viva in der Schanzenstraße angebracht waren. Sie zeigen einen Mann und eine Frau, die sich dort auf der Straße auffällig verhalten – und zwar genau in dem Zeitraum, als die mutmaßlichen NSU-Täter in dieser Gegend unterwegs sind. Nur ein Zufall?

Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses im nordrhein-westfälischen Landtag bezweifeln dies. Sie wollen demnächst klären, warum sich die Ermittler nie darum bemüht haben, das auffällige Pärchen aus der Schanzenstraße zu finden.

An diesem 9. Juni 2004 ist es kurz nach 14.30 Uhr, als Kamera 1 einen jungen Mann einfängt, der von Norden kommend zwei Fahrräder den Gehweg auf der Schanzenstraße Richtung Keupstraße hinunter schiebt. Vermutlich handelt es sich dabei um Uwe Böhnhardt, der die später zur Flucht benutzten Fahrräder in der Nähe des Tatorts abstellt. Eine knappe Viertelstunde später kommt er wieder zurück. Die Fahrräder sind nun verschwunden, dafür hält er in der rechten Hand ein auffällig großes Stück Papier.

Ein auffälliges Stück Papier

Zehn Minuten später – es ist jetzt 14.57 Uhr, genau eine Stunde vor der Bombenexplosion in der Keupstraße – fängt die Kamera 1 ein Paar ein, das zum Viva-Gebäude schlendert. Es kommt aus der Richtung, in der zuvor Böhnhardt verschwunden ist. Die unbekannte Frau hat mittellanges, blondes Haar und trägt ein Shirt mit Spaghettiträgern. Ihr Begleiter hat ein dunkles T-Shirt an mit der Aufschrift „Costa Rica“. Beide sind etwa um die 30 Jahre alt. Beide haben Handys am Ohr.

Vor dem Viva-Gebäude bleiben sie stehen, sprechen miteinander, schauen die Straße hinauf und hinab, beobachten die Passanten. Dann geht der Mann ein paar Meter weg von der Frau, schaut in die eine Richtung, die Frau in die andere. Beide telefonieren wieder. Gegen 15.06 Uhr schließlich geht der Mann los, die Straße hinauf. Vorher hat er noch ein Papier aus der Handtasche der Frau genommen, er hält es jetzt in der Hand wie 20 Minuten zuvor Böhnhardt. Ein heimliches Zeichen?

Die Frau bleibt zurück, stellt sich an die Fassade des Viva-Gebäudes. Auch sie hält ein auffällig großes Stück Papier in der Hand. Drei Minuten später, um 15.09 Uhr, fängt Kamera 1 Böhnhardt ein. Er kommt die Straße hinunter, aus der Richtung, in die der „Costa Rica“-Mann zuvor verschwunden ist. Böhnhardt trägt in jeder Hand eine Tüte. Als er sich der Frau nähert, hebt sie kurz den Kopf und schaut ihn an. Dann tippt sie weiter auf ihr Handy.

Nur 40 Sekunden nach Böhnhardt taucht aus der gleichen Richtung kommend ein zweiter junger Mann im Bild auf, der ein Fahrrad schiebt. Es ist vermutlich Uwe Mundlos. Auf dem Gepäckträger des Fahrrads ist die Bombe platziert, die eine Dreiviertelstunde später in der Keupstraße detonieren wird. Als er an der unbekannten Frau vorbeigeht, schauen sich beide nicht an.

Kurz zuvor aber ist auf dem Film zu sehen, wie 20 Meter hinter Mundlos plötzlich der Begleiter der unbekannten Frau aus einem Torweg heraustritt. Der Mann im „Costa Rica“-Shirt schlendert hinter Mundlos her, bleibt dann aber stehen, als er seine Begleiterin erreicht. Der Mann und die Frau sprechen kurz miteinander, dann blicken sie Mundlos mit seinem Fahrrad nach und verschwinden im Viva-Gebäude.

Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich ein Bistro. Als kurz vor 16 Uhr die Bombe in der nahen Keupstraße explodiert, laufen viele Menschen, offenbar aufgeschreckt von dem Knall, aus dem Viva-Gebäude heraus. Auffällig ist, dass sich das unbekannte Pärchen nicht vor der Tür sehen lässt. Erst 20 Minuten nach der Explosion verlassen die beiden das Gebäude, schauen sich kurz um und laufen dann in Richtung Keupstraße.

Telefonieren, beobachten

Es ist nicht das letzte Mal an diesem Tag, dass die blonde Frau und der Mann im „Costa Rica“-Shirt von den Überwachungskameras in der Schanzenstraße aufgenommen werden. Abends gegen 19.30 Uhr sind sie wieder da. Wieder stehen sie vor dem Viva-Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich zu dieser Zeit viele Einsatzkräfte der Feuerwehr und der Rettungssanitäter aufhalten. Gut zehn Minuten lang telefonieren sie, beobachten Passanten und Einsatzkräfte. Um 19.42 Uhr gehen sie schließlich davon, die Schanzenstraße Richtung Norden hinauf.

Auch wenn das Gericht im Münchener NSU-Prozess weiterhin von der These ausgeht, Böhnhardt und Mundlos hätten den Bombenanschlag in der Keupstraße allein begangen, ziehen selbst Ermittler inzwischen ernsthaft die Möglichkeit in Betracht, dass die beiden in Köln Helfer gehabt haben könnten. Das geheimnisvolle Pärchen, das die Überwachungskameras in der Schanzenstraße eingefangen haben, könnte eine wichtige Spur zu diesen Helfern sein.

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