Jean-Luc Godard meinte, dass das Kino spätestens mit seiner Instrumentalisierung im Ersten Weltkrieg seine Unschuld verlor. Nach dieser Lesart währte die Phase der Unbeflecktheit knapp zwanzig Jahre. Sehr selten gelangen heute Werke jenes Moments zwischen 1895 und 1914 auf die großen Leinwände. Die diesjährigen UFA-Filmnächte bieten dazu nun eine Gelegenheit.
Max Mack drehte seine Krimiklamotte „Wo ist Coletti“ im Jahr 1913, sie gilt als erste abendfüllende deutsche Filmkomödie überhaupt. Bis dahin hatte der umtriebige Regisseur bereits über 20 kurze und lange Werke geschaffen. Titel wie „Dämon Eifersucht“, „Die Launen des Schicksals“ oder „Das Ende vom Liede“ (alle 1912) versprechen dramatische Verquickungen. Ob dies zutrifft, lässt sich heute nicht mehr im Kino überprüfen. Wie so viele Filme aus der Bewegtbild-Frühzeit gingen auch die meisten von Max Mack verloren, sie sind unsichtbar geworden. Es gab damals schlicht noch kein konservatorisches Bewusstsein gegenüber dem neuen Medium. Wenn die Zuschauerzahlen die Mühe nicht mehr lohnten, landeten die Zelluloid-Rollen im Müll.
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Max Mack zog für seinen Film „Wo ist Coletti“ alle Register
„Wo ist Coletti“ war ein Sensationserfolg und hat physisch wohl auch deshalb überlebt, weil er mit unzähligen Kopien auf den Markt geworfen wurde. Auch 110 Jahre nach der Premiere wirkt dieser „unschuldige“ Klassiker noch frisch. Der Handlung liegt eine Wette des Titelhelden zugrunde, dass kein Mensch in ganz Berlin in der Lage sein werde, ihn binnen 48 Stunden aufzustöbern. Falls doch, so stünden dem Bezwinger 100.000 Reichsmark zu. Im Laufe der nachfolgenden, für Coletti natürlich erfolgreichen Jagd kommen alle nur denkbaren Verfolgungsfahrten, Verkleidungen, Verwechselungen zwischen Luftschiffhafen und Tiergarten zum Einsatz. Es gibt einen Titelvorspann mit animierten Möbelstücken und Schriftsätzen, und auf dem Peak der Spannung erleben wir sogar ein Kino, in dem die begeisterten Zuschauer auf der Leinwand gerade jenen Film sehen, den wir 110 Jahre später auch sehen. Mit anderen Worten: Max Mack zog für seinen „Coletti“ alle Register und zeigt uns heute, dass sich auf dem Gebiet der filmischen Unterhaltung seither gar nicht so viel geändert hat.
Traditionsgemäß begleiten die UFA-Filmnächte ihre Aufführungen mit oft neu komponierten und stets live eingespielten Vertonungen. Für den frisch restaurierten „Coletti“ spielt das Metropolis-Orchester eine eigens in Auftrag gegebene Partitur von Richard Siedhoff. Der zweite Teil von Fritz Langs Monumentalkrimi „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1922) erlebt eine Begleitung durch Ex-Palais-Schaumburg-Drummer Moritz von Oswald am Mischpult. Und zum dämonischen Eifersuchtsdrama „Schatten“ (1923) von Arthur Robison lässt der amerikanische Orgelvirtuose Cameron Carpenter seine Hände und Füße über Tasten und Pedale jagen. Sehenswert ist diese „nächtliche Halluzination“ vor allem ihrer Darsteller Alexander Granach und Fritz Kortner wegen.
UFA-Filmnächte. 23. bis 25. August auf der Museumsinsel. Tickets gibt es hier.
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