Ukraine-Krieg

Geheime Ukraine-Gespräche in Wien: Ex-Spitzenbeamte sollen Frieden ausgelotet haben

Ein mutmaßliches Geheimtreffen zum Ukraine-Krieg sorgt für Aufsehen. Ex-Spitzenbeamte aus Russland und Europa – auch aus Deutschland – sollen in Wien über Bedingungen für Frieden gesprochen haben.

4 Min
Rettungskräfte löschten einen Brand, nachdem eine russische Bombe Saporischschja in der Ukraine getroffen hatte.

Rettungskräfte löschten einen Brand, nachdem eine russische Bombe Saporischschja in der Ukraine getroffen hatte.

© Kateryna Klochko/AP

Während an der Front weiter gekämpft wird und offizielle Gespräche stocken, suchen erfahrene Ex-Diplomaten offenbar nach Auswegen aus dem Ukraine-Krieg.

Ehemalige hochrangige Regierungsvertreter aus Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien sollen sich im Juli in Wien getroffen haben, um mögliche Bedingungen für Friedensverhandlungen auszuloten. Das berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise.

Auf informellen Wegen könnte so ein möglicher Verhandlungsprozess für einen Frieden in der Ukraine vorbereitet werden. Was ist über die Gespräche bekannt?

Wer sich in Wien getroffen haben soll

Zu der Gesprächsgruppe gehörten laut Bloomberg der frühere britische Nationale Sicherheitsberater Tim Barrow, der ehemalige deutsche Staatssekretär und Diplomat Markus Ederer sowie der französische Diplomat Pierre Vimont.

Den russischen Teilnehmer wollten die Gesprächspartner der Agentur nicht nennen. Barrow reagierte laut Bloomberg nicht auf eine Anfrage.

Offiziell bestätigt ist die Teilnahme keiner der Vertreter. Das französische Außenministerium äußerte sich gegenüber Bloomberg nicht. Das deutsche Auswärtige Amt erklärte, es habe „keine Kenntnis von den erwähnten Gesprächen“, diese seien nicht im Auftrag oder in Abstimmung mit dem Ministerium geführt worden. Ein britischer Regierungssprecher sagte, man kommentiere ehemalige Beamte nicht.

Was hinter Track-2-Gesprächen steckt

Solche Treffen sind kein Novum. Ex-Beamte und Denkfabriken loten regelmäßig in sogenannten Track-2-Gesprächen mögliche Lösungen für komplexe Konflikte aus.

Diese Gespräche sind private Initiativen ohne offizielles Mandat. Sie dienen dem informellen Austausch von Ideen, die später in Regierungskanäle zurückfließen können.

Das Wiener Treffen ging laut einer der Bloomberg-Quellen auf eine Initiative des Centre for Humanitarian Dialogue (HD) zurück, einer in der Schweiz ansässigen Denkfabrik. Ederer und Vimont sitzen im Vorstand der Organisation. HD teilte mit, man sei „stets bereit, Dialoginitiativen zu unterstützen“, und arbeite oft bewusst diskret.

Vorgeschichte in Baku?

Es ist offenbar nicht das erste Treffen dieser Art. Bereits Ende Juli hatte der aserbaidschanische Präsident Ilham Aljew von einem geheimen Treffen ehemaliger russischer und deutscher Regierungsvertreter in Baku berichtet – bei einer Pressekonferenz neben Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin, wie das Nachrichtenportal Euronews berichtete.

„Unser Staatsgebiet wurde für ein solches Treffen ohne unser Wissen genutzt“, sagte Aljew laut Euronews. Flugdaten belegten ihm zufolge jedoch, dass das Treffen tatsächlich stattgefunden habe.

Aljew nannte auch konkrete Namen: Am 12. Juli seien Ronald Pofalla und Matthias Platzeck aus Berlin angereist, zeitgleich der frühere russische Regierungschef Wiktor Subkow und der Vorsitzende des russischen Menschenrechtsrats Waleri Fadejew aus Moskau.

Merz erklärte daraufhin, er habe keine Informationen über das Treffen, betonte aber, das Kriegsende hänge allein von Russland ab.

Wie russischsprachige Medien das Thema aufgreifen

Auch in russischsprachigen Medien fand der Bloomberg-Bericht zu dem mutmaßlichen Wiener Treffen rasch Widerhall. Das Wirtschaftsportal RBC gab die Bloomberg-Meldung wieder und fasste die genannten Teilnehmer sowie den Hinweis auf die sogenannten Track-2-Gespräche zusammen. Weitere russischsprachige Portale wie Novye Izvestija und Readovka übernahmen die Bloomberg-Meldung nahezu unverändert.

Die Wirtschaftszeitung Vedomosti griff den Bloomberg-Bericht ebenfalls auf und ordnete ihn in den bisherigen diplomatischen Kontext ein. Sie verwies darauf, dass die Botschafter Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands im Juni – im Anschluss an ein Treffen mit dem russischen Vize-Außenminister Michail Galusin – erklärt hatten, Russland und die Ukraine müssten direkte Gespräche führen.

Zudem hatte Vedomosti im Juni unter Berufung auf eine Quelle aus dem Umfeld russischer Sicherheitsbehörden berichtet, Moskau sei nicht bereit, einen deutschen Vertreter unter den EU-Vermittlern zu akzeptieren – erwogen werde bei der EU womöglich ein Vertreter aus Frankreich oder Italien. Verhandlungen zwischen Moskau und Brüssel seien aus russischer Sicht jedoch erst nach einem Waffenstillstand möglich.

So steht es um die Verhandlungen

Der Stand der offiziellen Diplomatie wirkt derweil ernüchternd. Die von den USA geführten Gespräche zwischen Russland und der Ukraine stocken seit Februar – auch weil sich die US-Regierung auf den Krieg mit dem Iran konzentriert.

Russland betrachtet die USA als ihren wichtigsten Ansprechpartner in dem Konflikt. Putin habe laut Bloomberg im Juni ein Gesprächsangebot des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zurückgewiesen und fordere die Übergabe des restlichen ukrainisch kontrollierten Teils der Region Donezk – was Kiew ablehnt.

Bereits im Mai hatte Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärt, mögliche Verhandlungen würden schwierig. Als Voraussetzung nannte Moskau unter anderem den Abzug ukrainischer Truppen aus dem Donbass.

Später erklärte Putin, Russland sei bereit, auf Grundlage der in Istanbul erzielten Vereinbarungen sowie der Gespräche mit Washington in Anchorage zu verhandeln.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema