Open Source

Ukraine-Krieg: Der militärische Tunnelblick des Westens ist ein Irrweg

Europa weigert sich anzuerkennen, dass der Ukraine-Krieg eine Pattsituation erreicht hat. Unser Autor plädiert dafür, dass es seine diplomatische Tradition wieder aufleben lässt.

Dr. Michael Walter
7 Min
„Der zu beobachtende eindimensionale Fokus auf militärische Bemühungen zur Beendigung des Krieges ist ein strategischer wie humanitärer Irrweg.“

„Der zu beobachtende eindimensionale Fokus auf militärische Bemühungen zur Beendigung des Krieges ist ein strategischer wie humanitärer Irrweg.“

© Efrem Lukatsky/AP

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich im Westen eine Haltung ausgebreitet, die sich als „militärische Metaphysik“ bezeichnen lässt. Dieser Begriff wurde Ende der 1950er-Jahre von dem amerikanischen Soziologen Charles Wright Mills geprägt. Der einflussreiche Gesellschaftskritiker beklagte damit die im Zuge des Kalten Krieges zu beobachtende gesellschaftspolitische Militarisierung in den USA. In seiner Streitschrift „Die Ursachen des Dritten Weltkriegs“ kritisierte er: „Überall herrscht heute das Ethos des Krieges, seine Kategorien bestimmen die Form des sozialen und privaten Lebens.“[1] Für die politischen Eliten, so Mills, sei die militärische Konfrontation zum nahezu ausschließlichen Mittel für die Lösung der „explosiven sozialen Probleme dieser Epoche der Verzweiflung und Angst“ geworden.

Renaissance einer militärischen Metaphysik im Westen

Die Parallelen zur aktuellen Situation sind frappierend. Mehr als 60 Jahre nach Mills’ Diagnose hat die von ihm beschriebene militärische Metaphysik eine bemerkenswerte Renaissance erfahren. Denn wie auch immer sich das Kriegsgeschehen seit dem russischen Angriff auf die Ukraine entwickelt hat: Für das von den USA angeführte westliche Staatenbündnis, das der Ukraine bei ihrer Verteidigung beisteht, gab es bisher praktisch nur ein Mittel zur Lösung des Konflikts – eine immer stärkere militärische Unterstützung mit immer weitreichenderen Waffensystemen.

Open Source Newsletter
Vielen Dank für Ihre Anmeldung.
Sie erhalten eine Bestätigung per E-Mail.

Auch die deutsche Regierung und große Teile der Opposition haben sich dieser militärischen Metaphysik verschrieben. Anton Hofreiter hat im September 2022 ihr Leitprinzip auf den Punkt gebracht: „Je mehr Waffen wir liefern, desto schneller endet der Konflikt.“ In diesem Geiste hat die Ampel-Regierung seit Beginn des Krieges ihre militärische Unterstützung kontinuierlich hochgefahren. Auf Stahlhelme folgten Panzerfäuste, auf Panzerfäuste Kampfpanzer. Verteidigungspolitiker wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann oder Roderich Kiesewetter wollen noch einen Schritt weiter gehen und fordern seit Monaten vehement die Lieferung von deutschen Langstreckenraketen, die russisches Staatsgebiet erreichen können.

Diplomatische Erwägungen spielen in der öffentlichen politischen Debatte indes bislang praktisch keine Rolle, wie sich nicht zuletzt in Deutschland zeigt. Die wenigen Stimmen, die sich für diplomatische Bemühungen starkmachen, wie zum Beispiel Sahra Wagenknecht, werden entsprechend der beschriebenen militärstrategischen Geisteshaltung von Politik und Medien bisweilen als „fünfte Kolonne Moskaus“ oder „Unterwerfungspazifisten“ gebrandmarkt.

Im besten Falle besteht für die Ukraine eine Pattsituation

Mit jedem Tag, den dieser Krieg andauert, wird jedoch deutlicher: Der zu beobachtende eindimensionale Fokus auf militärische Bemühungen zur Beendigung des Krieges ist ein strategischer wie humanitärer Irrweg.

Auch wenn es keine gesicherten Zahlen gibt: Es ist davon auszugehen, dass seit Ausbruch des Krieges mehrere Hunderttausend Soldaten auf beiden Seiten ihr Leben verloren haben oder schwer verletzt worden sind. Die New York Times schätzte die Zahl im August 2023 mit Verweis auf offizielle Kreise in den USA auf rund eine halbe Million. Anders als vielerorts suggeriert, haben die Waffenlieferungen bisher keineswegs die Aussichten verbessert, das andauernde Töten und Sterben schneller zu beenden. Sie haben es vielmehr intensiviert.

Die mit westlichem Kriegsgerät angetriebene Gegenoffensive der Ukraine in diesem Jahr ist ein trauriges Beispiel dafür. Sie hat sich nicht als der erhoffte Gamechanger des Krieges erwiesen. Sie hat auf dem Schlachtfeld keine nennenswerten militärischen Fortschritte für die Ukraine gebracht. Der humanitäre Preis dafür, die russischen Verteidigungslinien zu stürmen, dürfte entsprechend hoch ausgefallen sein. Ein Preis übrigens, den amerikanische Militärplaner, darunter Verteidigungsminister Lloyd Austin, eingeplant hatten. Laut Focus hatten die Militärs im Vorfeld der Offensive mit „massiven Verlusten“ auf ukrainischer Seite gerechnet. Mittlerweile ist die Offensive zum Erliegen gekommen. Russland hat an einigen Frontabschnitten wiederum die Initiative übernommen. Im besten Falle besteht für die Ukraine derzeit eine Pattsituation.

Ukrainische Flaggen mit den Namen der gefallenen Soldaten.

Ukrainische Flaggen mit den Namen der gefallenen Soldaten.

© Sergei Chuzavkov/Imago

Das grundlegende Problem hat sich seit Beginn des Krieges nicht geändert: Russland hat ungeachtet aller gegenteiligen Behauptungen nach wie vor die sogenannte „Eskalationsdominanz“ in diesem Konflikt. Das Land verfügt durch die erheblich größere Bevölkerungszahl über ein deutlich höheres Mobilisierungspotenzial an wehrpflichtigen Männern als die Ukraine. Die russische Führung kämpft nach wie vor mit begrenzten Ressourcen und ist längst noch nicht „all-in“. Das heißt: Die Intensivierung der Kriegsführung seitens der Ukraine durch neue Mobilisierungswellen und leistungsfähigeres Kriegsgerät kann durch Russland prinzipiell – wie etwa durch die Teilmobilisierung im Herbst 2022 – jederzeit durch den Einsatz von mehr Ressourcen beantwortet werden. Eine Eskalationsspirale also, die viele weitere tote Soldaten zur Folge haben wird.

Zur Eskalationsdominanz gehört ohne Zweifel auch das russische Atomwaffenarsenal. Bisher gibt es keine überzeugende politische Antwort der Befürworter von westlichen Waffenlieferungen, wie unter dieser Bedingung der oft zitierte „Siegfrieden“ der Ukraine überhaupt denkbar wäre. Das hieße die dauerhafte Befreiung besetzter Gebiete einschließlich der Krim und die Kapitulation Russlands – ohne dass Russland auf seine Atomwaffen zurückgreift.

Warum es jetzt vor allem diplomatische Fantasie braucht

Was folgt daraus? Es ist offenkundig: Eine Lösung des russisch-ukrainischen Krieges kann nicht alleine auf dem Schlachtfeld gefunden werden. Die tunnelblickartigen Forderungen nach immer weitreichenderen Waffenlieferungen sind, mit den Worten des anfangs zitierten Mills, zu einem „Mittel geworden, um den eigenen Mangel an moralischer und politischer Fantasie zu bemänteln“.

Dieser gilt gleichermaßen für die USA wie für Europa. Navid Kermani hat in einer Wortmeldung in der ZEIT im September zu Recht beklagt, dass derzeit „keinerlei Friedensinitiativen“ von Europa selbst ausgehen. Dieser Befund ist vor dem Hintergrund der reichhaltigen diplomatischen Tradition in Europa geradezu bestürzend. Umso mehr kommt es jetzt darauf an, mithilfe dieser Tradition diplomatische Fantasie fruchtbar zu machen, um Wege zu finden, das seit Februar 2022 anhaltende Töten und Sterben zu beenden.

Skeptikern, die Forderungen nach mehr Diplomatie angesichts der derzeitigen Lage und der russischen Haltung als illusorisch verwerfen, sei ein Blick in die Geschichte empfohlen. So bemerkt der Politikwissenschaftler Samuel Charap vom amerikanischen Thinktank RAND Corporation in einem Artikel im New Yorker, dass viele Verhandlungen zur Beendigung von Kriegen zu einem Zeitpunkt stattfanden, als die Kampfhandlungen am intensivsten waren. Er verweist als Beispiel auf den Korea-Krieg. Obwohl keine der beiden Kriegsparteien die Forderungen der anderen Seite akzeptierte, kam es nach mehr als 500 Verhandlungssitzungen im Jahr 1953 zu einem Waffenstillstand, der bis zum heutigen Tag anhält.

Konfliktforscher wie zum Beispiel der Leiter des Instituts für Konfliktmanagement an der Europa-Universität Viadrina, Lars Kirchhoff, haben Ansatzpunkte skizziert, wie solche Verhandlungslösungen für den russisch-ukrainischen Krieg aussehen könnten. [2] Dazu gehören etwa Dialogformate, die alle relevanten Akteure – einschließlich Russland – für direkte Verhandlungen an den Tisch bringen. Dazu gehört auch die Klärung von komplexen Fragen, die über rein territoriale Fragen hinausgehen, wie zum Beispiel die Gestaltung von Militärbündnissen, und mit denen Antworten gefunden werden, die jenseits vereinfachender Moralisierungen die legitimen Interessen aller Akteure – und das heißt natürlich auch die Russlands – berücksichtigen. Denn das ist die Voraussetzung dafür, eine Sicherheitsarchitektur zu schaffen, die eine friedliche funktionale Koexistenz der Kontrahenten ermöglicht.

Sowohl im Sinne der Ukraine als auch der Weltgemeinschaft ist nur zu hoffen, dass solche Perspektiven endlich Einzug in die praktische internationale Politik erhalten und damit die fatale gegenwärtige Hegemonie der militärischen Metaphysik aufbrechen.

Michael Walter ist promovierter Soziologe und beschäftigt sich unter anderem mit machtsoziologischen und ethischen Fragen. Er ist Mitherausgeber des Standardwerks der kritischen Elitenforschung „Die Machteliten“ von Charles Wright Mills.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

[1] Charles Wright Mills: Die Konsequenz

[2] Lars Kirchhoff: Verhandlungen, Vermittlungen und/oder Waffen? Methodische Erwägungen vor dem Hintergrund des Angriffskriegs in der Ukraine. In: Konfliktdynamiken, Band 11, Ausgabe 4, 2022.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema