Nach der Freilassung der OSZE- Militärbeobachter regiert in der Ostukraine weiter die Gewalt. Mit Kampfhubschraubern und Panzerfahrzeugen gingen Regierungstruppen am Sonntag erneut gegen prorussische Separatisten vor. Der „Anti-Terror-Einsatz“ werde fortgesetzt, kündigte Innenminister Arsen Awakow in Kiew an.
Moskau befürchtet eine Großoffensive der ukrainischen Sicherheitskräfte, wie Außenminister Sergej Lawrow am Telefon seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte. Das russische Außenministerium klagte die OSZE an: Man könne nicht glauben, dass die Organisation nicht informiert sei über das „Blutvergießen, das schießende Truppen an unbewaffneten Menschen“ anrichteten. Der Westen müsse seinen Einfluss geltend machen, damit „das Regime in Kiew“ seinen Einsatz beende
Nach acht Tagen Geiselhaft war das in Slawjansk gefangene OSZE-Team am Sonnabend freigekommen. Die Männer, unter ihnen vier Deutsche, landeten an Bord einer Bundeswehr-Maschine in Berlin. Fünf Ukrainer, die das Inspektorenteam begleitet hatten, wurden in Kiew abgesetzt. Der Leiter der Mission, Oberst Axel Schneider, äußerte sich erleichtert. Es sei immer bedrohlicher geworden. Nach Beginn der Offensive von Regierungseinheiten am Freitag „kam sprichwörtlich das Feuer von Handwaffen und von Artillerie immer näher.“
Demonstration für die Einheit
In der ukrainischen Millionenstadt Odessa kam es am Sonntag zu Zusammenstößen zwischen prorussischen Demonstranten und der Polizei. Nach einer Kundgebung von rund 2000 Gegnern der Regierung in Kiew hätten moskautreue Aktivisten den örtlichen Sitz der Miliz gestürmt, berichteten Medien aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Die mit Knüppeln bewaffnete Menge habe ein Tor durchbrochen und die Freilassung von Gesinnungsgenossen gefordert, hieß es. Spezialeinheiten hätten die Menschen zunächst zurückdrängen können.
Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk machte bei einem Besuch in Odessa Russland für die jüngsten Straßenschlachten mit mindestens 46 Toten in der Stadt verantwortlich. Es habe sich um einen „organisierten Angriff auf das Volk“ gehandelt, sagte der prowestliche Politiker. „Es war Russlands Absicht, in Odessa zu wiederholen, was sich im Osten des Landes ereignet“, meinte Jazenjuk.
Inzwischen lassen sich die tragischen Ereignisse von Odessa nach Augenzeugenberichten in den Grundzügen rekonstruieren. Die Gewalteskalation wurde nicht nur durch politische Rivalitäten verursacht, sondern nach übereinstimmenden Berichten begann es mit einem Umzug von Fußballfans.
In der Innenstadt von Odessa hatten sich am Freitag zunächst Anhänger des Heimvereins Tschornomorez mit den Gästefans des Clubs Metalist Charkiw getroffen. Die 1500 Fußballfans zogen gemeinsam zum Stadion. Der Marsch war eine Demonstration für die Einheit der Ukraine. „Wir haben überhaupt keine Demonstration geplant. Wir haben diese Versammlung nicht organisiert“, betonte Natalia Petropawlowska, eine der Anführerinnen der proeuropäischen Proteste in Odessa.
Der Fanumzug in den Nationalfarben blau und gelb, die gleichzeitig das Wappen von Metalist Charkiw zieren, wurde von mehreren hundert prorussischen Demonstranten angegriffen. Die Angreifer waren bewaffnet, manche trugen Skimasken oder Helme, wie Augenzeugen berichteten. Bei den folgenden Auseinandersetzungen wurden mindestens vier Menschen erschossen und etwa zehn weitere verletzt.
Tausende gedenken der Opfer
Ein Augenzeuge namens Bogdan berichtete: „Die Polizei hat nichts unternommen. Aber die Fans haben zurückgeschlagen. Sie waren in der Überzahl und sie schrecken vor Schlägereien nicht zurück.“ Es habe die Menge nur weiter aufgebracht, dass sie „beschossen und geschlagen wurden“, sagte die Aktivistin Petropawlowska. Die Nachricht von den Straßenkämpfen machte per Handy und in den sozialen Netzwerken schnell die Runde. Der Zorn entlud sich nach dem Spiel bei einem Angriff auf ein Zeltlager von prorussischen Demonstranten vor dem Gewerkschaftsgebäude. „Es war eine wütende Menge, die sich rächen wollte“, schilderte Petropawlowska.
Das Lager sei in Brand gesetzt worden. Die prorussischen Aktivisten hätten Schutz in dem Gewerkschaftsgebäude gesucht. Petropawlowska räumte ein, dass aus der Menge Molotow-Cocktails auf das Gebäude geschleudert wurden. Die gegnerischen Demonstranten hätten aber ebenfalls Brandsätze geworfen und vom Dach des Hauses auf die Menge geschossen. Die meisten der 38 Opfer erstickten, weil die Feuerwehr viel zu spät eingriff. Vor dem ausgebrannten Gewerkschaftsgebäude versammelten sich am Sonntag Tausende Menschen, um der Opfer zu gedenken. (dpa, Reuters, AFP)
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