Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj trennt sich nach nur rund sechs Monaten von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Der 35-Jährige bestätigte seinen Abgang am Mittwochabend selbst in einem Beitrag in sozialen Medien. Zuvor hatte der Kyiv Independent unter Berufung auf einen mit der Entscheidung vertrauten ukrainischen Beamten berichtet, Selenskyj habe Fedorow nach einem Treffen mit der militärischen Führung entlassen.
„Es war eine große Ehre, dem ukrainischen Volk als Verteidigungsminister zu dienen“, schrieb Fedorow. Er werde weiter an dem Ziel arbeiten, Russland durch technologische Überlegenheit, schnelle Innovationen und eine bessere Organisation zu besiegen.
Formal muss das ukrainische Parlament einer Neubesetzung des Ministerpostens zustimmen. Als möglicher Nachfolger gilt Innenminister Ihor Klymenko. Ein Abgeordneter von Selenskyjs Regierungspartei Diener des Volkes sagte dem Kyiv Independent, Klymenko sei das Verteidigungsministerium angeboten worden. Dessen Sprecherin Mariana Rewa erklärte, der Minister sei von dem Vorschlag überrascht worden. Man warte nun auf die formelle Nominierung durch den Präsidenten.
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Konflikt mit Armeechef Syrskyj soll eskaliert sein
Nach Angaben des Kyiv Independent steht hinter Fedorows Ablösung ein Konflikt mit dem ukrainischen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj. Abgeordnete und politische Beobachter beschrieben die Auseinandersetzung als Streit zwischen dem jungen, technikorientierten Minister und Vertretern einer stärker sowjetisch geprägten militärischen Führung.
Ein Abgeordneter aus Selenskyjs Partei sagte dem Portal, der Konflikt zwischen Fedorow und Syrskyj habe „alle Grenzen überschritten“. Der Politologe Wolodymyr Fesenko erklärte, nicht alle im Militär seien mit Fedorows Plänen für einen grundlegenden Umbau des Verteidigungsministeriums einverstanden.
Selenskyj hatte sich am Mittwoch mit Fedorow und Syrskyj getroffen. Auf Fragen nach einer möglichen Ablösung des Ministers antwortete der Präsident zunächst ausweichend. Die Streitkräfte müssten geschlossen handeln und „auf derselben Seite“ stehen, sagte er. Als vorrangige Aufgaben nannte er die Zusammenarbeit zwischen Armee und Ministerium, die Rekrutierung neuer Soldaten und den Schutz des ukrainischen Luftraums.
Mehrere Abgeordnete aus Regierung und Opposition kritisierten den erneuten Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Fesenko warnte, ein Minister dürfe nicht alle sechs Monate ausgetauscht werden. Ein erneuter Führungswechsel werde unabhängig vom Nachfolger zusätzliche Unruhe erzeugen.
Fedorow nennt Erfolge und unerledigte Reformen
Fedorow war erst Anfang 2026 zum Verteidigungsminister ernannt worden. Zuvor hatte er seit 2019 das Ministerium für digitale Transformation geleitet. Seine Berufung ins Verteidigungsressort war auch von Teilen der Opposition unterstützt worden. In den vergangenen Monaten versuchte er, Beschaffung, Drohneneinsatz und militärische Verwaltung stärker zu digitalisieren.
In seiner Bilanz führte Fedorow mehr als 20 Projekte an. Als wichtigsten Erfolg bezeichnete er die Sperrung der Starlink-Satellitenverbindungen für russische Truppen. Zudem verwies er auf den Ausbau der ukrainischen Drohnenproduktion, neue Ausschreibungen für militärische Ausrüstung und die Operation „Logistics Lockdown“, mit der russische Nachschubwege in den besetzten Gebieten angegriffen werden.
Nach Angaben des Nachrichtenportals Ukrainska Prawda erklärte Fedorow, die Ukraine habe innerhalb von vier Monaten mehr Drohnen beschafft als im gesamten Vorjahr. Zudem seien neue Programme für Abfangdrohnen, Glasfaser-Drohnen, unbemannte Bodenfahrzeuge und Angriffe tief hinter der Front aufgebaut worden.
Der scheidende Minister räumte zugleich ein, drei zentrale Ziele nicht erreicht zu haben. Der Umbau des Verteidigungsministeriums nach Nato-Standards und „gesundem Menschenverstand“ sei unvollendet geblieben. Auch die vollständige Umstellung der Beschaffung auf wettbewerbliche Ausschreibungen und eine stärkere Verantwortungskultur innerhalb des Ministeriums seien nicht gelungen.
Fedorow schrieb, sein Team hätte entschlossener gegen Mitarbeiter vorgehen müssen, die Veränderungen blockierten. Die neue Struktur sei zwar gestartet worden, viele Prozesse seien jedoch noch nicht abgeschlossen.
Ukraine: Sorge vor Rückkehr alter Strukturen
Der Oppositionsabgeordnete Jaroslaw Jurtschyschyn erklärte gegenüber dem Kyiv Independent, Fedorow verliere sein Amt wegen seines Konflikts mit Syrskyj, dem alten Armeesystem und Personen, die mit Korruption im Verteidigungsbereich verbunden seien. Für diese Behauptung legte er keine Belege vor.
Auch Jurij Hudymenko, Veteran und Leiter des öffentlichen Antikorruptionsrats beim Verteidigungsministerium, hatte die Gegensätze zwischen Fedorow und Syrskyj bereits im Juni beschrieben. Beide betrachteten die Probleme der ukrainischen Armee aus „grundsätzlich unterschiedlichen Perspektiven“, sagte er dem Nachrichtenportal NV.
Ob Fedorow eine andere Aufgabe innerhalb der Regierung übernehmen soll, ist bislang offen. In seinem Abschiedstext kündigte er lediglich an, seine bisherige Mission fortzusetzen. „Mehr wird folgen“, schrieb er.
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