Ukraine

Zwischen Lachen und Weinen

Nach der Flucht Janukowitschs bestaunen die Ukrainer seinen prunkvollen Landsitz, sie trauern um die Toten der letzten Tage und empfangen eine kämpferische Julia Timoschenko.

Stefan Scholl
5 Min

Tausende Kiewer spazieren durch die Landschaft, bestaunen den wunderschönen Blick auf den Dnepr, die Hunde- und Badehäuser, und die künstlichen Seen. „Sieht fast aus wie Janukowitsch selbst“, lacht jemand über den riesigen schmiedeeisernen Frosch, der auf einer Steininsel thront. „Das ist wie Versailles“, ruft Istwan, 23, IC-Fachmann, erst gehörte es dem König, dann dem Volk.“ Zwei ältere Frauen beraten, ob man aus diesem postmodernen Lustgarten einen Freizeitpark oder ein Erholungsheim für Kinder machen sollen. Janukowitsch? „Janukowitsch hat die Wahl. Der kommt nicht mehr wieder. Datscha oder Leben.“

Janukowitschs Regime ist gestürzt, der Präsident ist aus Kiew geflüchtet, ein Großteil der Abgeordneten seiner „Partei der Regionen“ ist zur Opposition übergelaufen und hat am Samstag für seine Absetzung und neue Präsidentschaftswahlen im Mai gestimmt. Und für die sofortige Freilassung von Julia Timoschenko, Janukowitschs alter Widersacherin. 2011 hatte er die Ex-Regierungschefin wegen angeblichem Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt lassen. Jetzt ist Timoschenko frei, Janukowitsch selbst aber droht ein Prozess, vor allem wegen des Schiessbefehls für die Kalaschnikow- und Scharfschützen, die am Donnerstag Dutzende Aufständische in Kiew getötet haben.

„Wenn wir ihn erwischen, kommt er nicht lebend davon“, sagt Igor, 52, Inhaber einer Installationsfirma, der mit seinem Kleinbus aus Meschigore im Stau zurück nach Moskau steht. Auf dem Beifahrersitz liegt ein Stahlhelm sowjetischen Designs. Igor ist auch Aktivist des „Automaidans“, jener Autofahrer, die mit ihren Wagen gegen Janukowitsch gekämpft haben, die immer wieder versuchten, Polizeikasernen und –kolonnen zu blockieren. Janukowitsch habe genug Verbrechen und Gaunereien für 1000 Jahre Haft begangen, sagt er und grinst. „Ich war schon 2007 in Meschigore, als alles noch gebaut wurde. Wir haben hier das Internet verlegt. Auf das Geld dafür warte ich bis heute.“

Wieder einmal scheint ganz Kiew auf den Beinen zu sein. Hunderttausende sind auf dem Maidan oder auf dem Weg dorthin. Die Menschen haben sich blaugelbe Bändchen an die Kragenknöpfe gebunden, sie lachen und dann weinen sie wieder, wenn ein Sarg mit einem der Gefallenen zur Bühne getragen wird, wo katholische wie orthodoxe Priester einträchtig beten. Und dann singen sie wieder die Nationalhymne, deren Text in der vergangenen Woche so blutige Wirklichkeit geworden ist: „Wir geben Leib und Seele für unsere Freiheit.“

Die Straßenkämpfer in ihren schmutzigen Tarnjacken, Kugelwesten, Stahlharnischen und Helmen sind in dieser Masse feiernder „Zivilisten“ plötzlich in der Minderheit. Aber nicht alle wochenlang angespannten, konzentrierten Kriegerminen haben sich jetzt entspannt. Noch bewachen sie ihre Barrikaden, noch gehen wilde Gerüchte, noch gestern erwarteten viele eine mörderischer Attacke russischer Elitesoldaten in ukrainischen Polizeiuniformen, die angeblich vor Tagen in Sewastopol ausgeschifft worden seien.“

Aber der Sieg, an den sie nicht so recht glauben wollen, hat schon jetzt viele neue Väter und Kinder. Junge Männer schlendern in US-Helmen und farblich passenden, Panzerwesten herum. Und im Gegensatz zu den klobigen, von Schmutz und Asche geschwärzten Stiefeln und Sportschuhen der wirklichen Helden ist ihr Outdoor-Schuhwerk blank geputzt. Teenager brüllen sich in einer Seitenstraße die Parole des Maidans zu: „Ruhm der Ukraine!“ rufen sie und antworten sich selbst „Ruhm den Helden!“

Und der Sieg hat auch schon eine Mutter. „Julia, Julia“-Rufe schallten über den Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews, als die aus der Haft entlassene Julia Timoschenko am Samstagabend vor den dort versammelten Oppositionsanhängern erschien. Im Rollstuhl ließ sich die 53-Jährige auf die Bühne schieben. „Ihr seid Helden. Ihr seid die Besten der Ukraine“, rief sie unter Tränen. Wenige Stunden zuvor befand sich Timoschenko noch in einem Gefängniskrankenhaus in der ostukrainischen Stadt Charkow. Nach ihrer Freilassung ließ sich umgehend in die Hauptstadt bringen.

Angesichts der Meldungen über Straßenschlachten, getötete Demonstranten und Krisengespräche war Timoschenko zuletzt etwas aus dem Blickfeld geraten. Dabei verlor sie während ihrer zweieinhalbjährigen Haft nichts von dem Kampfgeist, der sie zu einer Galionsfigur der sogenannten Orangen Revolution im Jahr 2004 gemacht hatte. Präsident Juschtschenko machte sie damals zur Regierungschefin, doch bald kam es zum Zerwürfnis. Timoschenko verließ die Regierung, kehrte aber 2007 als Ministerpräsidentin zurück und blieb bis 2010 im Amt. Kurz darauf unterlag sie bei der Präsidentschaftswahl Janukowitsch und fand sich bald auf der Anklagebank wieder.

Mit Hungerstreiks protestierte sie gegen ihre Haftbedingungen, auch chronische Rückenschmerzen bremsten den Elan der zierlichen Frau nicht. Nun will Timoschenko wieder in der Hauptstadt mitmischen. Eine Sprecherin sagt allerdings am Sonntag, ob sie bei der für den 25. Mai geplanten vorgezogenen Präsidentschaftswahl kandidieren werde, sei noch unklar. Was die Oppositionsführer während der wochenlangen Proteste, Arseni Jazenjuk und Vitali Klitschko, davon halten würden, bleibt zunächst ebenfalls offen.

Die im Westen meist als Gallionsfigur der Opposition dargestellte Timoschenko mit ihrem markanten blonden Haarkranz polarisiert in ihrer Heimat. Kritiker sehen in ihr eine skrupellose Opportunistin ohne klare Positionen. Sie lasten ihr zudem an, dass sie in den von Korruption geprägten 90er Jahren als Chefin eines Energieunternehmens zu enormem Reichtum kam.

Dass ihr nicht nur Bewunderung entgegenschlagen wird, hat sie schon zu spüren bekommen. Mehrere Fernsehsender zeigten, wie ihr Wagen auf dem Weg vom Flughafen zum Maidan an einer Straßensperre der Aufständischen angehalten wurde. „Julia, du weißt, wer diese Revolution gemacht hat?“, riefen ihr die Männer zu. Und dann: „Und du weißt, für wen wir sie gemacht haben? Nicht für dich!“ (mit AFP)

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