Um ein mumifiziertes Leichenteil in der Dorfkirche von Lunow (Barnim) ranken sich viele Legenden: Die Hand im Samtbeutel

LUNOW. Die Luft ist kühl und feucht auf dem Friedhof von Lunow. Noch wärmt die Frühlingssonne nicht, die auf die alten Gräber scheint. Die Steine reichen bis ans Gemäuer der Dorfkirche, deren alte Holztür laut knarrt. Sie geht wie im Film nur widerwillig auf."Solange die Überlieferung zurückreicht, ist sie schon da", sagt Pfarrer Berg, als er seine Kirche betritt. "Früher wurde in der Sakramentsnische die geweihte Hostie aufbewahrt. Nach der Reformation hatte der Platz dann in den evangelischen Kirchen seine Funktion verloren", sagt er und nimmt aus der unscheinbaren Ecke neben dem Altar einen zerfledderten Samtbeutel. Das ist schon lange sein Platz, vielleicht mehr als 200 Jahre. "Einige meinen, dass es ein Klingelbeutel aus dem Barock ist", sagt Berg und holt eine Hand daraus hervor.Der Daumen ist abgefallenBraun wie Papier ist die Hand, zerfasert und schon ein wenig kaputt. Der Daumen ist abgefallen, ein Fingerglied liegt noch im Beutel, die Knochen schimmern durch. "Keiner weiß, wie alt sie ist oder wie sie in die Kirche kam", sagt der Pfarrer und legt die verdorrte Hand auf den Altar. Legenden aber gibt es viele. Die Hand von Martin soll es sein, dem Sohn vom Pfälzer-Jakob. Martin, so erzählt man es zumindest aufsässigen Kindern, soll vor langer Zeit die Hand gegen seinen Vater erhoben haben. Er verdrosch den Alten, bis der betäubt zu Boden sank, tags darauf fand man ihn tot den Sohn, der Vater lebte noch ein Weilchen. Und als man den Martin dann begraben hatte, wollten nicht alle seine Teile unter der Erde bleiben. Als Strafe und Mahnung, so heißt es, ragte seine rechte Hand aus dem Grab empor, denn er hatte gegen das vierte Gebot verstoßen: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir s wohlergehe und du lange lebst auf Erden". Immer wieder hätte man versucht, die widerspenstige Hand mit Erde zu bedecken. Doch nichts half, also wurde sie schließlich abgehackt und als Mahnung in der Kirche aufbewahrt."Na ja, es hat wohl eher mit mittelalterlichen Rechtsbräuchen zu tun", sagt Pfarrer Berg. Er glaubt, dass es die Hand eines Verurteilten Diebes oder Falschmünzers sein könnte, die zur Strafe abgehackt wurde. "Vielleicht wurde sie wirklich zur Abschreckung aufbewahrt", sagt er. "Das war wohl Brauch."Symbol des ganzen MenschenFrüher hatte die Hand tatsächlich große Bedeutung, galt sie doch als das natürlichste und einfachste Zeichen, um einen Menschen zu symbolisieren. Manchmal wurde ihr sogar magische Wirkung zugeschrieben und in der Rechtsprechung spielte sie bis ins 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle, wovon noch heute Sprichwörter und Redewendungen wie "aus der Hand geben" oder "Handschlag" zeugen. So war das Abhauen der rechten Hand übliche Strafe für diverse Vergehen, genau wie das Aufbewahren derselben zur Abschreckung. Die dafür notwendige Gerichtsbarkeit hätte das Dorf auf Grund seiner Größe schon früh besessen, sagt Berg. Doch es gibt noch eine zweite Deutung für die Lunower Hand."Der Knochen ist nicht gesplittert, wie es beim Abhacken passieren müsste", sagt der Pfarrer. Tatsächlich wurde die Haut am Handgelenk wohl sauber abgetrennt, die sichtbaren Handwurzelknochen scheinen unversehrt und ohne Kratzer. Die Hand könnte somit auch ein "Leibzeichen" sein. Wollte man im Mittelalter einen Mörder anklagen, brachte man zum Beweis der Tat ein Teil des Toten vor Gericht. Ein Finger oder auch die Hand dienten als Verkörperung des Opfers, dessen Leichnam konnte dann bestattet werden. Noch um 1700 waren solche Leibzeichen üblich, später wurde daraus das so genannte Corpus Delicti.Wie und warum dieses aber in die kleine Feldstein-Kirche von Lunow gelangte, ist völlig unklar. Die Kirchenchronik verbrannte 1945 zusammen mit dem Pfarrhaus. "Mein Vorgänger war ein eifriger Historiker, der hat es aber auch nicht herausbekommen", sagt Pfarrer Berg. Seit 1250 gibt es die Kirche, wie lange die verdorrte Hand schon darin liegt, weiß niemand. "Wissenschaftlich auf ihr Alter untersucht wurde sie noch nie", sagt Berg. Auch der barocke Klingelbeutel sei nur ein vages Indiz, da er älter, aber auch ebenso gut jünger sein könnte als sein Inhalt. "Es ist nicht einmal klar, ob der Samtsack wirklich ein Klingelbeutel ist."MUMIFIZIERUNG Wasserentzug verhindert die Fäulnis // Die Mumifizierung von Körpergewebe entsteht durch Wasserentzug. Statt zu faulen, trocknet das Gewebe aus.Dieser Prozess geschieht auf natürliche Weise, wenn etwa heißes Klima oder ständige Frischluftzufuhr herrscht.Künstliche Mumifizierung erreichten die alten Ägypter durch Behandlung mit Natron, das austrocknet, und Harz, das die Fäulnis hemmt.Das Dorf Lunow liegt am Rande des Nationalparks Unteres Odertal.Geöffnet ist die Kirche normalerweise, solange es hell ist. Sonst müssen sich Besucher im Pfarrhaus melden.Die mumifizierte Hand in der Lunower Kirche soll Besuchern bald ganzjährig gezeigt werden, wenn möglich, unter ...

BLZ
12 Min

LUNOW. Die Luft ist kühl und feucht auf dem Friedhof von Lunow. Noch wärmt die Frühlingssonne nicht, die auf die alten Gräber scheint. Die Steine reichen bis ans Gemäuer der Dorfkirche, deren alte Holztür laut knarrt. Sie geht wie im Film nur widerwillig auf."Solange die Überlieferung zurückreicht, ist sie schon da", sagt Pfarrer Berg, als er seine Kirche betritt. "Früher wurde in der Sakramentsnische die geweihte Hostie aufbewahrt. Nach der Reformation hatte der Platz dann in den evangelischen Kirchen seine Funktion verloren", sagt er und nimmt aus der unscheinbaren Ecke neben dem Altar einen zerfledderten Samtbeutel. Das ist schon lange sein Platz, vielleicht mehr als 200 Jahre. "Einige meinen, dass es ein Klingelbeutel aus dem Barock ist", sagt Berg und holt eine Hand daraus hervor.Der Daumen ist abgefallenBraun wie Papier ist die Hand, zerfasert und schon ein wenig kaputt. Der Daumen ist abgefallen, ein Fingerglied liegt noch im Beutel, die Knochen schimmern durch. "Keiner weiß, wie alt sie ist oder wie sie in die Kirche kam", sagt der Pfarrer und legt die verdorrte Hand auf den Altar. Legenden aber gibt es viele. Die Hand von Martin soll es sein, dem Sohn vom Pfälzer-Jakob. Martin, so erzählt man es zumindest aufsässigen Kindern, soll vor langer Zeit die Hand gegen seinen Vater erhoben haben. Er verdrosch den Alten, bis der betäubt zu Boden sank, tags darauf fand man ihn tot den Sohn, der Vater lebte noch ein Weilchen. Und als man den Martin dann begraben hatte, wollten nicht alle seine Teile unter der Erde bleiben. Als Strafe und Mahnung, so heißt es, ragte seine rechte Hand aus dem Grab empor, denn er hatte gegen das vierte Gebot verstoßen: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir s wohlergehe und du lange lebst auf Erden". Immer wieder hätte man versucht, die widerspenstige Hand mit Erde zu bedecken. Doch nichts half, also wurde sie schließlich abgehackt und als Mahnung in der Kirche aufbewahrt."Na ja, es hat wohl eher mit mittelalterlichen Rechtsbräuchen zu tun", sagt Pfarrer Berg. Er glaubt, dass es die Hand eines Verurteilten Diebes oder Falschmünzers sein könnte, die zur Strafe abgehackt wurde. "Vielleicht wurde sie wirklich zur Abschreckung aufbewahrt", sagt er. "Das war wohl Brauch."Symbol des ganzen MenschenFrüher hatte die Hand tatsächlich große Bedeutung, galt sie doch als das natürlichste und einfachste Zeichen, um einen Menschen zu symbolisieren. Manchmal wurde ihr sogar magische Wirkung zugeschrieben und in der Rechtsprechung spielte sie bis ins 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle, wovon noch heute Sprichwörter und Redewendungen wie "aus der Hand geben" oder "Handschlag" zeugen. So war das Abhauen der rechten Hand übliche Strafe für diverse Vergehen, genau wie das Aufbewahren derselben zur Abschreckung. Die dafür notwendige Gerichtsbarkeit hätte das Dorf auf Grund seiner Größe schon früh besessen, sagt Berg. Doch es gibt noch eine zweite Deutung für die Lunower Hand."Der Knochen ist nicht gesplittert, wie es beim Abhacken passieren müsste", sagt der Pfarrer. Tatsächlich wurde die Haut am Handgelenk wohl sauber abgetrennt, die sichtbaren Handwurzelknochen scheinen unversehrt und ohne Kratzer. Die Hand könnte somit auch ein "Leibzeichen" sein. Wollte man im Mittelalter einen Mörder anklagen, brachte man zum Beweis der Tat ein Teil des Toten vor Gericht. Ein Finger oder auch die Hand dienten als Verkörperung des Opfers, dessen Leichnam konnte dann bestattet werden. Noch um 1700 waren solche Leibzeichen üblich, später wurde daraus das so genannte Corpus Delicti.Wie und warum dieses aber in die kleine Feldstein-Kirche von Lunow gelangte, ist völlig unklar. Die Kirchenchronik verbrannte 1945 zusammen mit dem Pfarrhaus. "Mein Vorgänger war ein eifriger Historiker, der hat es aber auch nicht herausbekommen", sagt Pfarrer Berg. Seit 1250 gibt es die Kirche, wie lange die verdorrte Hand schon darin liegt, weiß niemand. "Wissenschaftlich auf ihr Alter untersucht wurde sie noch nie", sagt Berg. Auch der barocke Klingelbeutel sei nur ein vages Indiz, da er älter, aber auch ebenso gut jünger sein könnte als sein Inhalt. "Es ist nicht einmal klar, ob der Samtsack wirklich ein Klingelbeutel ist."MUMIFIZIERUNG Wasserentzug verhindert die Fäulnis // Die Mumifizierung von Körpergewebe entsteht durch Wasserentzug. Statt zu faulen, trocknet das Gewebe aus.Dieser Prozess geschieht auf natürliche Weise, wenn etwa heißes Klima oder ständige Frischluftzufuhr herrscht.Künstliche Mumifizierung erreichten die alten Ägypter durch Behandlung mit Natron, das austrocknet, und Harz, das die Fäulnis hemmt.Das Dorf Lunow liegt am Rande des Nationalparks Unteres Odertal.Geöffnet ist die Kirche normalerweise, solange es hell ist. Sonst müssen sich Besucher im Pfarrhaus melden.Die mumifizierte Hand in der Lunower Kirche soll Besuchern bald ganzjährig gezeigt werden, wenn möglich, unter Glas.

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