Am einen Ende das Wasser der Spree. Rings herum Wohnblöcke. Nur in der Mitte, da ist nichts. Aus der Luft betrachtet, ist das als Cuvrybrache bekannt gewordene Areal in Kreuzberg nur eine Lücke im Gefüge der Stadt. Man erkennt keinen Sinn darin, dass diese Fläche frei ist von Bebauung. Dort befindet sich kein Park und kein Stadtplatz. Gut 10.000 Quadratmeter Fläche sind einfach leer. Allerdings hat es viele Pläne für diese Lücke gegeben. Die Geschichte der Cuvrybrache handelt vom Scheitern, im großen Stil etwas anzufangen mit diesem Areal. Es ist aber auch eine Geschichte von Menschen, die sich diesen Freiraum angeeignet haben.
Die Cuvrystraße wurde 1858 angelegt. Sie verlief über den Grund des Stadtältesten Andreas de Cuvry – daher der Name – und führte einst bis zum Landwehrkanal. Auf der heutigen Brache entstand zu Kriegszeiten ein Bunker. Später kamen Lagerhallen dazu.
Ärger um die Cuvryhöfe
Einen ersten ernsthaften Plan, an diesem Provisorium etwas zu ändern und etwas Neues zu schaffen, gab es Anfang der 90er Jahre. Damals kaufte die Bodentreuhand- und Verwaltungs-AG (Botag) das Grundstück von der Rhenus AG. Auf dem Gelände sollte Industrie angesiedelt werden. Den Plan verwarf die Gesellschaft später allerdings. Nun plante sie ein Kreuzberger Technologie-Zentrum mit Läden. Daraus wurde dann eine Warenhaus-Idee mit Parkdecks und Loft-Wohnungen im Dach: Das „Cuvry-Center“.
Diese Idee hatte allerdings nicht nur Freunde. Anwohnerinitiativen, Händler aus der Umgebung und auch das Bezirksamt leisteten Widerstand. Der Senat nahm dem Bezirk den Genehmigungsprozess schließlich aus der Hand. Aber das Unternehmen scheiterte auch finanziell. Das Areal wechselte 1998 den Besitzer und ging an das Bonner Immobilienunternehmen IVG. Nun sollten speicherartige Gebäude im Kontorhausstil entstehen, ein abgespeckte und wesentliche grünere Variante mit Hotels und Büros wurde anvisiert. Der neue Name: „Neue Spreespeicher“. Aber auch daraus wurde nichts.
2011 kaufte der Investor Artur Süsskind das Areal. Er nannte sein Projekt „Cuvryhöfe“, eine Wohnanlage mit Spreeterrasse, Kita und Supermarkt. Wieder gab es Ärger, diesmal um den Bau von Sozialwohnungen, die der Senat wollte, der Eigentümer aber nicht. Eine neue Kehrtwende vollzog sich 2016. Investor Süsskind öffnete die Schubladen und zog ein altes Projekt hervor: Die „Neuen Spreespeicher“ sollten nun doch entstehen.
120 Menschen campierten dauerhaft auf der Brache
Gebaut worden ist bis heute nie. Aber es kamen andere und verwandelten die Brache immer wieder in kleine eigenartige Welten. Jeweils solange, bis die Fläche wieder für das nächste Bauprojekt beansprucht wurde. Das Jugend- und Kulturprojekt YAAM (Young African Art Market) eröffnete am Spreeufer 1996 die erste Berliner Strandbar. 2012 wollten die Solomon R. Guggenheim Foundation und der Autokonzern BMW auf dem Grundstück ein temporäres Projekt über das Leben in Großstädten veranstalten: das „BMW-Guggenheim-Lab“.
Aber auch dagegen gab es Proteste. Das Gelände wurde besetzt. Aktivisten stellten Zelte auf. Diese Idee gefiel auch anderen. Immer mehr Zelte und Hütten kamen dazu. 2014 lebten schließlich bis zu 120 Menschen dauerhaft auf der Brache: Obdachlose, Tagelöhner aus Polen und Roma-Familien.
Künstler kamen und gingen. Der italienische Street-Art-Künstler Blu besprühte 2007 und 2008 die Brandwände der angrenzenden Wohngebäude. Beide Wandbilder zeigten weiße Figuren. Ein Bild stellte den kopflosen Oberkörper eines Mannes dar, der an den Handgelenken je eine goldene Uhr trug. Die Uhren waren als Handschellen gestaltet und mit einer goldenen Kette verbunden. Das andere Graffito zeigte zwei maskierte Figuren. Domenique Wolf, eine junge Berliner Schauspielerin und Regisseurin, inszenierte Performances in der verwilderten Szenerie. Im September 2014 räumte die Polizei das Gelände nach einem Brand. Der Künstler Blu ließ seine Bilder Ende des Jahres schwarz übermalen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de