KOLOBRZEG. Die Aufregung um Erika Steinbach hat sich gelegt. Zurückgeblieben ist ein Desaster, vor dem der Bund der Vertriebenen (BdV) steht. Seine Präsidentin ist nach ihren jüngsten antipolnischen Attacken in der CDU weitgehend isoliert. Zugleich steht das in Berlin geplante "sichtbare Zeichen gegen Vertreibungen" in der von Steinbach mit angeregten Form vor dem Ende. Immer häufiger ist in der Hauptstadt das Wort vom notwendigen konzeptionellen Neuanfang zu hören. Und auch der BdV insgesamt sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Was wird, wenn die Generation der direkt Betroffenen ausstirbt, die Flucht und Vertreibung miterlebt hat, ist offen.In dieser Situation drängen Teile der Basis nach vorn. "Wir müssen die Polen mit ins Boot holen", lautet das Rezept von Ernst Schroeder. Der 70-Jährige ist Vorsitzender des Heimatkreises Kolberg, einer Unterorganisation der Pommerschen Landsmannschaft im BdV - kaum mehr als ein Rädchen im großen Verbandsgetriebe. Doch Schroeder sorgt für Bewegung. Am Wochenende organiserten er und seine Mitstreiter in der polnischen Ostseestadt Kolobrzeg das erste binationale Kolberger Heimattreffen. "Noch vor zehn Jahren", erinnert sich Schroeder, "war das undenkbar." Damals habe es die klare Beschlusslage gegeben: "Keine Feier mit den Polen."Partner von PankowGeholfen haben Schroeder Männer wie der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Pankow, Alex Lubawinski (SPD), und der Kolberger Stadtpräsident Janusz Gromek. Lubawinski fädelte eine Kommunalpartnerschaft Pankow-Kolberg ein und organisiert regelmäßig Jugendreisen nach Polen. Gromek seinerseits fuhr vor wenigen Jahren, als in Warschau die Kaczynski-Zwillinge regierten und Stimmung gegen Deutschland machten, zu einem Vertriebenentreffen nach Lübeck und distanzierte sich dort von der eigenen Staatsführung. "Das hat bei unseren Leuten das Eis gebrochen", sagt Schroeder.Doch wie weiter mit dem BdV? Die Berliner Publizistin Helga Hirsch machte Schroeder und seinen Mitstreitern in Kolobzeg Mut. "Enge Beziehungen zum Herkunftsort werden von Generation zu Generation weitergegeben", sagte sie bei der zentralen Podiumsdiskussion mit deutschen und polnischen Politikern, Journalisten und Historikern am Wochende in Kolobrzeg.Hirsch pflegt seit Langem gute Beziehungen zu Erika Steinbach. Auf die BdV-Präsidentin will auch Schroeder nichts kommen lassen. Sie sei es schließlich gewesen, die den Verband von den "Ewiggestrigen auf dem rechten Flügel befreit hat". Tatsächlich hatte sich Steinbach von der sogenannten Preußische Treuhand, die im Namen von Vertriebenen Entschädigungsansprüche an Polen richtete, distanziert.Grenzüberschreitende PerspektiveUm die Zukunft zu gewinnen, seien nun aber weitere Schritte nötig, fordert Schroeder. Was der 70-Jährige meint, zeigt in Kolobrzeg eine zu dem Heimattreffen eröffnete deutsch-polnische Dauerausstellung zur Geschichte der Stadt. Das Pommersche Landesmuseum in Greifswald ist daran beteiligt. Dort wiederum arbeiten - anders als beim "sichtbaren Zeichen" in Berlin - polnische Historiker mit. "Die Polen interessieren sich enorm für die deutschen Spuren in der Region", sagt Schroeder und zeigt dem BdV eine grenzüberschreitende Perspektive auf: "Letztlich werden es die ,bösen Polen' sein, die die Erinnerung an die deutsche Geschichte wachhalten."
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