Gelungenes Heimspiel

Hertha deckt die Schwächen des FC Bayern auf

Berlin verdient sich mit einem mutigen Auftritt ein 2:2 gegen die Münchner.

Paul Linke
4 Min
Mitspieler Karim Rekik verdrängt, Torwart Sven Ulreich überrumpelt: Salomon Kalou erzielt Herthas Tor zum 2:2.

Mitspieler Karim Rekik verdrängt, Torwart Sven Ulreich überrumpelt: Salomon Kalou erzielt Herthas Tor zum 2:2.

© imago/Camera 4

Alle kannten das Wort, aber nur wenige kannten sich mit der wörtlichen Bedeutung aus. Es geht um die Mehrfachbelastung im Fußball, also darum, wie es sich anfühlt, wenn der Pflichtspielrhythmus einem anstrengenden Zweisiebteltakt folgt; was der Körper dazu sagt, wenn da kaum noch Erholungspausen bleiben zwischen Abpfiff und Anpfiff, zwischen Vorbesprechung und Nachbetrachtung und wieder von vorn; und ein bisschen auch darum, ob ein gekränktes Ego sich meldet, wenn der Trainer an eine Muskeln und Nerven schonende Kraft der Rotation glaubt – und ein Spieler eben nicht.

Nun, nach sieben Partien in drei englischen Wochen, nach einem Sieg, vier Unentschieden und zwei Niederlagen in Liga und Europa League, ist Hertha BSC trotzdem nicht das, was ein ungewohnt mehrfach belasteter Fußballklub oft werden kann: der englische Wochenpatient. Im Gegenteil.

Die Heimkulisse am Sonntag und beim 2:2 (0:1) gegen den FC Bayern muss als Symptom dafür verstanden werden, dass nur die Fans etwas zu viel hatten von allem zuletzt. In den vergangenen zwanzig Jahren war das Berliner Olympiastadion jedenfalls immer ausverkauft und das meist Wochen im Voraus, wenn der Rekordmeister vorbeischaute. Diesmal fehlten 3 000 Zuschauer. Man könnte aber auch den Münchenern die Schuld geben, die es einfach nicht geschafft haben, ihr zweitgrößtes Heimspielstadion zu füllen.

Das leidige Thema Videobeweis

Alle Daheimgebliebenen müssen ihre Entscheidung bereuen. Es war ein Spiel, das eine überraschende Wendung nahm. Doch zunächst nahm alles einen gewohnten Lauf. Nach zehn Minuten erzielten die nur vorübergehend von Willy Sagnol betreuten Bayern ein Tor, das stark an frühere Zeiten erinnerte, an Zeiten, als der Spieler Sagnol diese schnittigen Halbfeldflanken schlug, in die dann meist Michael Ballack nur noch seinen Kopf halten musste. Wie zu Ehren ihres neuen Trainers kopierten Jérôme Boateng (mit Schnitt) und Mats Hummels (mit Haltung) diese urbayerische Spezialität – 0:1.

Tja, und jetzt wieder mal zum leider leidigen Thema Videobeweis. Zwei Spiele hat Hertha zuletzt durch Elfmeter verloren, 0:1 in Mainz, als der Schiedsrichter zunächst nichts sah und erst nach ausgiebiger Bildrecherche doch ein Foul im Strafraum erkannte. Und dann in Östersund, ebenfalls ein 0:1, als die Technik geholfen hätte, das Missverständnis aufzuklären, das zu einer sehr zweifelhaften Handspielentscheidung mit Elfmetertorfolge führte.

In der Europa League gibt es den Videobeweis nicht. In der Bundesliga seit dieser Saison bekanntlich schon, und am Sonntag kam der zum Einsatz, nachdem Javier Martínez sein langes Bein gegen Vladimir Darida ausgefahren hatte – ein Pfiff, Elfmeter! Elfmeter? Ein Pfiff, Rechteck in die Luft. Der Schiedsrichter spurtete zur Mittellinie, wo ihn die strittige Szene bereits in Repeatschleife erwartete – ein Pfiff, kein Elfmeter! Zu Recht.

Pause als Belohnung

Die Ostkurve hatte ihre Mannschaft mit einer durchaus lustigen, aber eben falschen Botschaft empfangen: „Selbst der Elch hat mehr gekämpft als ihr!“ Das galt dem, zugegeben etwas wackeligen Europatest in Schweden, aber am Kampfgeist lag es wirklich nicht. Denn auch gegen die Bayern war so gar nichts von Resignation zu spüren.

Hertha erkämpfte und erspielte sich gute Chancen, wobei die Bayern die besseren hatten. Und auch, als Robert Lewandowski vier Minuten nach der Pause das 0:2 erzielte, war Hertha weit davon entfernt, sich kampflos dem Schicksal zu fügen. Fast im Gegenzug lief Genki Haraguchi einfach los, lief rein in den Strafraum, durchquerte ihn mit Ball eng am Fuß, und am Ende bog er nach innen ab, wo er dann die gute Idee hatte, auf Ondrej Duda zu flanken – 1:2.

Die allgemeine Erwartungshaltung an dieses Spiel war ja die, dass die Bayern wütend sein würden und gewillt, ihr altes Image der Unfehlbarkeit wiederherzustellen. Aber so war es nicht. Wut schien der Antreiber auf der anderen Seite zu sein. Dazu die Entschlossenheit, aus jeder Gelegenheit, das Beste zu machen. Und so schlug Marvin Plattenhardt diesen Freistoß vor das Tor und so erzielte Salomon Kalou – nur fünf Minuten nach dem Anschlusstreffer – das 2:2. Als Belohnung bekommen die meisten eine Pause. Einige wiederum müssen zum Belastungstest namens Nationalmannschaft.

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