Superheldeneffekt

Unerwartete Begegnung mit Batman macht Fahrgäste in der U-Bahn freundlicher

Studie aus Italien: Begegnungen mit Superhelden steigern das „prosoziale Verhalten“ von Fahrgästen. Das Beste daran: Die merken das noch nicht einmal. Wie ist das zu erklären?

4 Min
Ab jetzt bitte schön freundlich!

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© IMAGO/Milo Hess

Italienische Psychologen haben in einer Feldstudie untersucht, ob unerwartete Ereignisse wie die Anwesenheit einer als Batman verkleideten Person prosoziales Verhalten fördern können. Das überraschende Ergebnis: In Anwesenheit des Superhelden boten Fahrgäste in der Mailänder U-Bahn einer scheinbar schwangeren Frau fast doppelt so häufig einen Sitzplatz an wie ohne Batman.

In 138 Versuchsdurchgängen stieg eine Mitarbeiterin des Forscherteams mit einem Bauchkissen, das eine Schwangerschaft simulierte, in die U-Bahn ein. In der Kontrollbedingung begleitete sie lediglich ein nicht-interagierender Beobachter. In der experimentellen Bedingung kam ein weiterer als Batman verkleideter Mitarbeiter hinzu, der an einer anderen Tür einstieg und sich in einigem Abstand zur „Schwangeren“ positionierte.

Versuchsanordnung in der U-Bahn von Mailand.

Versuchsanordnung in der U-Bahn von Mailand.

© Universität Mailand

Das Ergebnis: Bot ohne Batman nur in 37,66 Prozent der Fälle jemand der Frau einen Sitzplatz an, waren es mit Batman 67,21 Prozent. Eine Steigerung um fast 30 Prozentpunkte. „Ein solcher ‚Batman-Effekt‘ stützt die Hypothese, dass Störungen der Routine das Bewusstsein für die Umgebung und die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer schärfen und letztlich prosoziales Handeln fördern können“, schreiben die Forscher im Fachjournal npj Mental Health Research.

Sitzenbleiber bemerkten Batman oft gar nicht

Interessanterweise gaben in der Batman-Bedingung 43,75 Prozent derjenigen, die ihren Sitzplatz räumten, an, den Superhelden gar nicht bemerkt zu haben. Niemand brachte die eigene Hilfsbereitschaft direkt mit dessen Anwesenheit in Verbindung. Stattdessen nannten die Befragten in beiden Bedingungen Gründe wie soziale Normen, Erziehung oder Sicherheitsbedenken.

Die Forscher um Francesco Pagnini von der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen in Mailand sehen darin einen Hinweis, dass unerwartete Ereignisse die Aufmerksamkeit für die Umgebung steigern und so indirekt prosoziales Verhalten fördern können - möglicherweise, ohne dass dies den Handelnden selbst bewusst ist.

Eine alternative Erklärung wäre, dass die Superheldengestalt kulturelle Werte, Geschlechterrollen und Normen des ritterlichen Helfens in den Vordergrund rückte und so als „prosoziales Priming“ wirkte, so die Autoren. Um dies zu überprüfen, seien jedoch weitere Experimente mit unterschiedlichen Figuren nötig, die in ihrer emotionalen Valenz und symbolischen Bedeutung variieren.

Die Studie reiht sich in Forschungsarbeiten ein, die spezifische Umweltreize als Auslöser für prosoziales Verhalten untersuchen. Dazu zählen Hinweisreize, die mit romantischer Liebe oder Achtsamkeit assoziiert sind. Demnach können bereits kleine Impulse, die Routinen durchbrechen und die Aufmerksamkeit auf den Moment lenken, die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer und die Bereitschaft zu helfen erhöhen.

Positive Störungen im Alltag gezielt einsetzen

Für Stadtplaner, politische Entscheidungsträger und Psychologen könnten die Ergebnisse Anregungen liefern, wie sich öffentliche Räume und soziale Interventionen gestalten lassen, um Freundlichkeit und Kooperation zu fördern, so die Forscher. Wenn unerwartete, aber nicht bedrohliche Ereignisse die Achtsamkeit und das prosoziale Verhalten steigern können, ließen sich gezielt „positive Störungen“ in den Alltag integrieren.

Das Spektrum reiche von künstlerischen oder theatralischen Interventionen im öffentlichen Raum bis hin zu Kampagnen, die darauf abzielen, Routinen zu durchbrechen und Menschen tiefer mit ihrer Umgebung und Gemeinschaft in Kontakt zu bringen. Einschränkend weisen die Autoren jedoch darauf hin, dass die Studie auf ein spezifisches öffentliches Verkehrssystem begrenzt war und kulturelle Faktoren die Übertragbarkeit der Ergebnisse beeinflussen könnten.

Zudem bleibt unklar, ob der beobachtete Effekt spezifisch für die Figur Batman ist oder auch bei anderen unerwarteten Figuren auftreten würde. Weitere Forschung sei nötig, um die Grenzen des Effekts auszuloten und die zugrundeliegenden Mechanismen besser zu verstehen. Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich der „Batman-Effekt“ auch auf Nicht-Superhelden übertragen lässt.

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