Unfall Invalidenstraße

Assistenzsystem hätte Folgen wahrscheinlich abmildern können

Nach dem tödlichen Unfall von Mitte sind immer noch viele Fragen offen.

Elmar Schütze
5 Min
Große Anteilnahme am Unfallort – Menschen legten bereits am Freitagabend Blumen nieder. 

Große Anteilnahme am Unfallort – Menschen legten bereits am Freitagabend Blumen nieder. 

© dpa/Paul Zinken

Grünen-Politiker fordern Verbot von SUVs in der Innenstadt

Im Gespräch ist weiterhin, dass der 43-jährige Unfallfahrer, der mit seinem rund zwei Tonnen schweren Porsche Macan an der Kreuzung Invalidenstraße/Ackerstraße vier unbeteiligte Fußgänger in den Tod riss, unter Epilepsie litt. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür bisher nicht.


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Unterdessen geht die Debatte weiter, wie solche Unfälle möglicherweise vermieden werden können. Mehrere Grünen-Politiker fordern, dass SUV wie der Porsche Macan aus der Innenstadt verbannt werden sollen. Diese Fahrzeuge gelten nicht nur als besonders unökologisch, sondern allein wegen ihres Gewichts auch als besonders gefährlich für andere Verkehrsteilnehmer.

Durch Assistenzsysteme und neue Technik hätte der Unfall anders ausgehen können

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel war am Sonnabend einer der ersten, der den Anstoß gab. Mit seinem Satz „Solche panzerähnlichen Autos gehören nicht in die Stadt“ auf Twitter traf er ein verbreitetes Gefühl. Dasselbe gilt für Florian Schmidt, Stadtrat für Stadtentwicklung in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Unfall habe Symbolcharakter. Die SUV-Technik und -Marketingstrategie sei „mitschuldig an einer Autokultur des Ich, Ich, Ich. Davon motivierte protzige Schnellfahrerei tötet.“ Seine Konsequenz: „Lasst uns diese Wagen und viele mehr von den öffentlichen Räumen entfernen.“

Allerdings deutet sich derzeit keine politische Mehrheit für einen SUV-Bann an. Weder Verkehrssenatorin Renate Günther (Grüne) noch Vertreter von SPD und Linke in der rot-rot-grünen Koalition in Berlin halten dies für sinnvoll.
Gleichzeitig weitet sich der Blick auf technische Assistenzsysteme, die den Unfall möglicherweise glimpflicher hätten enden lassen können. Solche Systeme sind in den vergangenen Jahren immer besser und umfassender geworden, sodass sie etwa beim autonomen Fahren dem Menschen jede Arbeit am Steuer zuverlässig abnehmen. Wenn erst alle Autos autonom fahren, sollen Unfälle gänzlich ausgeschlossen sein.

Doch noch agiert der Mensch. Der Unfallfahrer vom Freitagabend war nach Zeugenaussagen mit seinem Auto mit weit überhöhter Geschwindigkeit über die in diesem Moment freie Gegenfahrbahn gerast, ehe er Poller und einen Ampelmast umriss, ehe er die Fußgänger auf dem Bürgersteig erfasste.

Ein Notbremssystem ist für alle Neuwagen ab 2020 obligatorisch 

Eine der Fragen ist, ob ein Notbremssystem möglicherweise geholfen hätte. Viele Neuwagen verfügen bereits über einen solchen technischen Assistenten.

Generell ist von einem vorausschauenden Fahrerassistenzsystem die Rede, das Fahrer bei einer Notbremsung unterstützt oder selbsttätig bremst sowie die Kraftstoffzufuhr drosselt. Gesteuert werden diese Systeme über Sensoren am Auto, die permanent unter anderem den Abstand zum Vordermann aber auch zu einem Hindernis messen ebenso Beschleunigung und Lenkwinkel, ja selbst den aktuellen Lenkradwinkel und die Pedalstellungen in Rechnung ziehen.


Epilepsie und Fahrtauglichkeit

Die Regeln: „Wer eine Epilepsie hat, darf eine bestimmte Zeit nicht Auto fahren – und zwar muss in der Regel ein Jahr lang Anfallsfreiheit vorliegen, bevor man wieder einen PKW im privaten Gebrauch steuern darf“, sagt Susanne Knake, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie. Festgelegt ist das in den Richtlinien der Bundesanstalt für Straßenwesen.

Die Ausnahme: Ein etwas kürzeres Fahrverbot von drei bis sechs Monaten kommt dann in Betracht, wenn jemand einen ersten epileptischen Anfall hatte, im Anschluss aber gar keine Epilepsie diagnostiziert wird. Einmalige Anfälle können zum Beispiel durch Schlafentzug oder Infekte ausgelöst werden.

Die Therapie: Wenn tatsächlich eine Epilepsie festgestellt wird, sind die Chancen relativ gut, dass die dann verordneten Medikamente so gut wirken, dass die Betroffenen anfallsfrei bleiben. „Das ist bei etwa zwei Drittel der Patienten der Fall“, sagt Susanne Knake. Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Jahr ohne epileptischen Anfall doch wieder einen Anfall zu bekommen, liege bei etwa 20 Prozent. Ein gewisses, aber vertretbares Restrisiko bleibt also, wenn ein Epilepsiepatient Auto fährt.

Die Häufigkeit: Etwa 0,7 Prozent der Bevölkerung sind von Epilepsie betroffen. Unfälle sind aber relativ selten. Eine Analyse von 44.000 tödlichen Verkehrsunfällen in den USA ergab, dass 0,2 Prozent davon anfallsbedingt waren.

Das Risiko: Eric Schmedding von der Universität Brüssel hat in einer Studie ermittelt, dass bei Epileptikern, verglichen mit dem Durchschnitt der Autofahrer, ein 1,6-fach höheres Risiko besteht, einen schwerwiegenden Verkehrsunfall zu erleiden. Ein Handy am Steuer zu nutzen ist jedoch noch gefährlicher und erhöht das Risiko um mehr als das Vierfache. Fahrer, die älter als 75 Jahre sind, kommen auf den Faktor 3,1. Und am gefährdetsten sind Männer am Steuer, die jünger als 25 Jahre sind. Ihr Risiko für einen schweren Verkehrsunfall ist siebenmal höher. Eine andere Studie ergab: Alkohol ist zehnmal häufiger als Epilepsie bei Unfällen im Spiel. Herzinfarkte und Co. sowie Diabetes führen ebenfalls zu Unfällen, aber etwas weniger häufig als Epilepsie.  


Ein solches Notbremssystem zur Vermeidung von Unfällen ist für alle Neuwagen-Baureihen, die ab dem Jahr 2020 in der EU genehmigt werden, obligatorisch. Allein in der EU dürften dann 15 Millionen Neuwagen mit solchem Assistenten auf den Markt kommen. Alte Autos müssen dagegen nicht nachgerüstet werden.

Für den SUV sind zahlreiche Assistenten optional verfügbar 

Eine wichtige Rolle könnten auch automatische Temporegulierer spielen. Sie funktionieren prinzipiell ähnlich wie die Bremsassistenten. Sie orientieren sich an dem an Ort und Stelle geltenden Tempolimit – im konkreten Fall gilt auf der Invalidenstraße Tempo 50, auf der kreuzenden Ackerstraße Tempo 30. Sollte ein Fahrzeug das Limit überschreiten, drosselt der Assistent automatisch. Die EU führt dieses System ab dem Jahr 2022 für Neuwagen ein.
Doch was passiert mit älteren Fahrzeugen? Roland Stimpel vom Fußgänger-Lobbyverein Fuss e.V. fordert, dass diese nachgerüstet werden. Das ist in vielen Fällen technisch möglich. „In zehn Jahren müssen alle Autos solch einen Regulator haben“, sagt Stimpel.

Übrigens: Für den Porsche Macan sind zahlreiche Assistenten optional verfügbar. Der Unfallwagen wurde und wird technisch untersucht. Dabei wird auch zu klären sein, ob einer – oder mehrere – der Assistenten auf den Bordcomputer aufgespielt waren.  

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