Ungeduld

Holm Friebe Kathrin Passig
4 Min

Frau P. berichtet, neulich habe sie während einer ereignislosen Passage beim DVD-Gucken auf dem Touchpad ihres Macs unwillkürlich die "Weiterscrollen, langweilig!"-Bewegung gemacht. Es habe natürlich nichts geholfen. Im Vergleich zum 90er-Jahre-Äquivalent, dem ungeduldigen Hämmern mit der Maus auf die Schreibtischplatte, ist dieses sanfte Zweifingerkraulen einer zu langsamen Welt schon ein Fortschritt - jedenfalls für Frau P. Aber natürlich weist es auf ein grundsätzliches Problem oder eine Wahrnehmungsverschiebung hin.Diese Einleitung war strenggenommen ein Fehler. Studien haben ergeben, dass die Augen beim Lesen von Texten - jedenfalls im Internet - dem so genannten F-Pattern folgen: Nur die Überschrift und die Anfänge einiger Zeilen werden überhaupt gelesen. Wenn aus dem ersten Absatz nicht klar hervorgeht, wovon der Text handelt, sucht der Leser das Weite. Schließlich gibt es mehr als genug Lesematerial da draußen, also warum nicht einen Artikel lesen, der sofort zur Sache kommt?Aber auch die Produzenten der Texte werden ungeduldiger. Wozu mühsam Ein- und Überleitungen schreiben? Tut es nicht auch eine Liste nummerierter Behauptungen? Nein, es muss eine vorgegebene Anzahl an Zeichen abgeliefert werden - ein Brauch, der sich auch bei Onlinemedien hartnäckig hält. Seinen Nachkommen wird man nur schwer erklären können, warum die meisten Texte bis ins frühe 21. Jahrhundert hinein unabhängig von der Komplexität ihres Inhalts eine Längenvorgabe erfüllen mussten. "Aber wenn man jetzt was ganz Einfaches zu erklären hatte?", werden sie fragen, und wir werden antworten: "Egal! Das war halt so."Aber nun ist es endlich so weit, und wir können zu Teil 1 der These kommen: Die Ungeduld nimmt zu. Und sie ist die Folge einer erfreulichen Entwicklung: Mit Ausnahme des Schlangestehens auf dem Postamt geht alles viel schneller als früher. Recherchen, für die man noch vor kurzem tagelang in Bibliotheken wühlen musste, lassen sich binnen Sekunden erledigen. Flugbuchungen, Projekte mit Australiern und Fernschachspiele wurden aufs Angenehmste beschleunigt. Je mehr ein Mensch das Internet nutzt, desto höher sind seine Erwartungen an das reibungslose Funktionieren seiner Umwelt.Zweiter Teil der These: Die schwindende Toleranz für Verzögerungen beschleunigt zwar den allgemeinen Fortschritt, zehrt aber im Einzelfall an den Nerven. Nutzer reagieren mittlerweile ungehaltener auf Ladezeiten von zwei Sekunden als früher auf Ladezeiten von 15 Sekunden. Das Wappentier der neuen Unrast ist das Kaninchen aus "Alice im Wunderland", das ständig "O weh, o weh! Ich komme zu spät" ruft. Wie es sich anfühlt, wenn man wegen der Langsamkeit eines Wählscheibentelefons Tobsuchtsanfälle bekommt, ist bei Edward M. Hallowell nachzulesen. In seinem Ratgeber "CrazyBusy" (2007) erläutert der auf Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen spezialisierte Psychotherapeut, dass die Symptome der normalen Lebensführung im 21. Jahrhundert von denen einer Aufmerksamkeitsstörung kaum noch zu unterscheiden sind. Leider ist Hallowells Buch selbst ein Beispiel für verschwenderischen Umgang mit der Zeit. Die auf 256 Seiten ausgebreiteten Beobachtungen und Ratschläge ließen sich verlustfrei auf zwei, drei Essays von Blogbeitraglänge komprimieren.Dritter Teil der These: Viele Autoren führen die fehlende Geduld mit langen Texten, Redundanzen und unnötigen - weil durch Links ersetzbaren - Erklärungen auf eine Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne zurück. Der kalifornische Online- und Offline-Journalist Robert Niles weist in seinem "Online Journalism Review"-Blog diesen Vorwurf zurück und erklärt, das Problem sei der Wettbewerb um die Zeit des Lesers: "Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist nicht verkürzt. Ein größeres Angebot führt dazu, dass wir keine Zeit mit Inhalten zubringen, die uns nicht vom Hocker reißen." Echte pathologische Unrast sieht heute dagegen so aus, wie im populären Youtube-Video "angry german kid" dokumentiert.Ende: Man könnte jetzt noch auf Georg Francks "Ökonomie der Aufmerksamkeit" und auf den Kulturpessimismus fast aller Aufmerksamkeitsforscher hinweisen. Aber zum einen ist das so umständlich, wenn man keine Links setzen kann, zum anderen wollen wir Sie auch gar nicht länger aufhalten. Sie haben sicher noch viel vor.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema