In keinem Land der Eurozone sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich so groß wie in Deutschland. Wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, verfügt ein Fünftel der Bevölkerung über gar kein Vermögen. Wer zum reichsten ein Prozent zählt, besitzt dagegen Häuser, Aktien, Lebensversicherungen und andere Werte im Volumen von mindestens 800.000 Euro. Die reichsten zehn Prozent bringen es auf 217.000 Euro oder mehr.
Damit hat sich die soziale Schieflage seit der letzten Untersuchung 2007 stabilisiert. Die aktuelle Studie bezieht sich auf das Jahr 2012. „Insgesamt hat sich an der Vermögensverteilung im Land wenig geändert“, sagte DIW-Forscher Markus Grabka. „Die Ungleichheit verharrt auf hohem Niveau.“
Entsprechend liegt das bekannteste Maß für Ungleichheit, der Gini-Koeffizient, bei 0,78 Punkten. Auf einen ähnlich hohen Wert kommt in der Währungsunion allein Österreich. Klar darunter liegen etwa Frankreich mit 0,68, Italien mit 0,61 und die Slowakei mit 0,45. Noch tiefer als hierzulande sind die Gräben zwischen Tellerwäscher und Millionär in den USA mit 0,87. Je näher die Kennziffer bei eins liegt, desto größer die Unterschiede zwischen Arm und Reich in einem Land.
Arbeitslose müssen Vermögen aufbrauchen
Nach wie vor können die Menschen im Osten auf weit weniger Reserven zurückgreifen als die im Westen. Fast 25 Jahre nach der Wiedervereinigung besitzen Erwachsene in den sogenannten neuen Ländern im Schnitt ein Vermögen von etwas mehr als 41.000 Euro. Im anderen Teil der Republik sind es 94.000 Euro. An diesem Verhältnis wird sich auf absehbare Zeit wenig ändern, glaubt Grabka. Da Erbschaften beim Vermögensaufbau eine große Rolle spielten, würden die Unterschiede an die nächste Generation weiter gegeben.
Zu den Verlierern gehören die Arbeitslosen. Ihr Durchschnittsvermögen ist zwischen 2002 und 2012 von rund 30.000 Euro auf 18.000 Euro gesunken. Das liegt an der besseren Beschäftigungslage, durch die viele relativ gut gestellte Menschen eine Stelle gefunden haben. Im harten Kern der Langzeitarbeitslosen sind die sozialen Probleme besonders groß. Eine Rolle spielen aber auch die Hartz-Reformen. Durch die müssen die Betroffenen den Großteil ihres Vermögens aufbrauchen, bevor sie Arbeitslosengeld II bekommen. Die Folge: Fast zwei Drittel der Personen ohne Job haben keinerlei Vermögen oder sogar Schulden.
Ostdeutsche öfter verschuldet
Generell zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Verschuldung. Innerhalb eines Jahrzehntes ist der Anteil der Erwachsenen mit höheren Verbindlichkeiten als Vermögenswerten von 27,5 Prozent auf rund 32 Prozent gestiegen. Dies lässt für die Entwicklung der Altersarmut nichts Gutes erwarten. Insbesondere Ostdeutsche, warnen die Wissenschaftler, hätten der sozialen Not im letzten Lebensabschnitt mit ihrem Privatvermögen wenig oder nichts entgegen zu setzen.
Die Studie basiert auf der Befragung von 30.000 Menschen - dem Sozio-ökonomischen Panel. Die Forscher prüfen die Selbsteinschätzung aber nach. Sie erfassten Immobilien, Finanzvermögen, Versicherungen, Bausparverträge, Betriebsvermögen und Sachwerte wie Schmuck. Davon zogen sie Schulden (etwa fürs Haus) ab. Nicht erfasst sind Ansprüche an die Rentenversicherung.
Männern geht es laut der von der Hans Böckler Stiftung finanzierten Studie besser als Frauen. Besonders schlecht schneiden Alleinerziehende ab. Bei denen mit einem Kind lag das Vermögen im Schnitt bei 35.000 Euro, bei der Gruppe mit zwei Kindern bei 21.000. Aber auch bei Eltern, die zusammen leben, ist das Vermögen spürbar niedriger als bei Kinderlosen.
Zum Handeln rief der Paritätische Gesamtverband die Politik auf. „Die Vermögensschere in Deutschland ist nicht nur ungerecht und unsozial, sondern geradezu obszön“, meinte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Er appellierte an die Bundesregierung, sehr hohe Einkommen und Vermögen stärker zur Finanzierung sozialer Reformen heranzuziehen.
Gewerkschaft fordert Konsequenzen
Auch Reiner Hoffmann, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund, forderte Konsequenzen. Die Regierung muss prekäre Beschäftigungsformen zurückdrängen - der gesetzliche Mindestlohn für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist hierzu ein erster, unverzichtbarer Schritt. Aber auch die stärkere Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen gehörten auf die Agenda. Zudem könne die Beseitigung der kalten Progression helfen. Durch die steigt bei Arbeitnehmern die Steuerlast, selbst wenn Lohnerhöhungen nur die Inflation ausgleichen.
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