Im Frankfurter Commerzbank-Tower steigt die Betriebstemperatur. In der Übernahmeschlacht hat die italienische Großbank Unicredit mit einer weiteren Attacke ihren Anteil ausgebaut. Die Unicredit gab am Mittwoch bekannt, dass sie sich mit einem neuen Übernahmeangebot inklusive Finanzinstrumenten mehr als 47 Prozent an der Commerzbank gesichert hat.
Damit steigt der Druck auf die Commerzbank, sich dem Ansinnen von Andrea Orcel, dem CEO der Unicredit, zu ergeben. Dazu müsste Orcel, so bestätigen Insider der Berliner Zeitung, allerdings seinen rüden Stil zurückfahren. Das jüngste Angebot ist aus Sicht der Frankfurter Banker jedenfalls keine vertrauensbildende Maßnahme.
Commerzbank: „Mangelnde Attraktivität des Angebots“
So teilte die Bank schmallippig mit, man habe das Ergebnis des Übernahmeangebots der Unicredit „zur Kenntnis genommen“. Insgesamt wurden demnach 17,6 Prozent der Aktien bis zum Ende der weiteren Annahmefrist am 3. Juli 2026 „angedient“. Laut der Commerzbank „beläuft sich die Summe der von institutionellen und privaten Anlegern angedienten Aktien auf weniger als 2 Prozent“. Die angedienten Aktien stammten „überwiegend von mit der Unicredit verbundenen Banken und Parteien“.
Die niedrige Annahmequote unter den unabhängigen Aktionären sei „ein Beleg für die mangelnde Attraktivität des Angebots“. Die Commerzbank wies ausdrücklich darauf hin, „dass von der Unicredit direkt gehaltene Aktien, gemeldete Derivate und angediente Aktien nicht als aggregierte Gesamtposition interpretiert werden sollten“. Es sei „weiterhin nicht transparent, in welchem Umfang geliehene Aktien angedient und welche Absicherungsvereinbarungen in diesem Kontext getroffen wurden“.
Andrea Orcel: With a little help from my friends
Solche Absprachen können problematisch sein, etwa wenn der Verdacht auf ein konzertiertes Vorgehen („acting in concert“) besteht. Daher hat die Commerzbank umgehend eine juristische Botschaft an die Bankenaufsicht Bafin geschickt. Die Bafin prüfe den Vorgang, ist aus Finanzkreisen zu hören. Denn die neuen Aktionäre laufen in Frankfurt unter „friends and family“ von Orcel: Nomura und Jefferies gehören dazu, alte Bekannte, von denen niemand weiß, welche Deals die Unicredit mit diesen Instituten insgesamt am Laufen hat.
Allerdings ist es fraglich, ob die Bafin einem gewieften Finanztechniker wie Orcel gewachsen ist. Bereits im Wirecard-Skandal war die Aufsicht hoffnungslos überfordert, wie im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu sehen war. Hinzu kommt, dass das deutsche Übernahmerecht ein angegriffenes Unternehmen weniger stringent schützt, als dies zum Beispiel in den USA der Fall wäre. Ein Insider zur Berliner Zeitung: „Es kann durchaus sein, dass so lange geprüft wird, bis die Transaktion dann längst über die Bühne ist.“ Das Problem: Orcel ist einer der versiertesten Finanzmanager in Europa. Er weiß genau, was legal ist und wo die Grauzone liegt, innerhalb derer er agieren kann.
Staatsanwaltschaft winkt ab
So ist es nicht überraschend, dass die Staatsanwaltschaft Frankfurt bereits abgewunken hat, die Sache zu verfolgen. Nach Abschluss des Prüfverfahrens habe man die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgelehnt, „da zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat nicht festgestellt werden konnten“, schrieb ein Sprecher laut dpa. Weitere Angaben könnten wegen des „noch nicht abgeschlossenen Übernahmeprozesses und damit einhergehender etwaiger Kursbeeinflussungen“ nicht gemacht werden.
Der Commerzbank-Gesamtbetriebsrat, der die Justiz eingeschaltet und eine Anzeige gegen unbekannt gestellt hatte, hatte Zweifel daran geäußert, dass die Unicredit mit ihrem Übernahmeangebot zügig Commerzbank-Aktien angedient bekam, obwohl die Offerte der Italiener lange unter dem Kurs der Commerzbank lag und Investoren ihre Anteile normalerweise erst kurz vor Fristende übertragen. Der Gesamtbetriebsrat warf der Unicredit irreführende Angaben vor.
Traum vom europäischen „Champion“
Der Übergang der angedienten Aktien und der damit verbundenen Stimmrechte an die Unicredit steht unter Vorbehalt der erforderlichen behördlichen Genehmigungen. Bis diese vorliegen, dürften einige Monate vergehen. Eine der prüfenden Institutionen ist die Europäische Zentralbank (EZB). Deren Zustimmung ist nötig, damit Orcel über die 30 Prozent gehen kann.
Diese Zustimmung gilt als ziemlich sicher, weil EZB-Chefin Christine Lagarde bereits zu Beginn der Debatte signalisiert hatte, dass das Entstehen eines europäischen „Champions“ ganz im Interesse der EZB wäre. Um die Mehrheit zu gewinnen, muss Orcel nun noch einige wenige Aktionäre überzeugen. In der Szene glaubt man, dass ein Aufschlag von 10 bis 20 Prozent auf den aktuellen Kurs ein Angebot wäre, das schwer abzulehnen ist.
Was hat sich Christian Lindner eigentlich gedacht?
Eine weitere Hürde, die zu nehmen wäre, ist die Bundesregierung. Der Bund hält 11,22 Prozent und verteidigt formal die Commerzbank noch. Ob das Bundesfinanzministerium Orcel allerdings gewachsen ist, daran gibt es Zweifel. Mit Schrecken denkt man in Frankfurt an die berüchtigte Auktion zurück, bei der das Ministerium des damaligen Bundesfinanzministers Christian Lindner eine Tranche des Bundespakts zu einem Drittel des heutigen Werts abgab – ohne zu merken, dass die Auktion eine Farce war und die Unicredit auf diesem Weg ihren Anteil aufstocken konnte. Noch heute fragen sich viele in der Frankfurter Bankenszene, wie das damals „passieren“ konnte. Orcel hat es zwar seither nicht geschafft, mit der Bundesregierung zu sprechen. Zuletzt war er am Dienstag in Berlin, der gewünschte Termin mit dem Ministerium kam jedoch nach Informationen der Berliner Zeitung nicht zustande.
Andrea Orcel fährt Doppelstrategie
Für den Unicredit-Chef ist das kein großes Problem. Er fährt eine Doppelstrategie. So kündigte er an, er werde, sobald die Anteile konsolidiert sind, den kompletten Aufsichtsrat feuern und seine eigenen Leute einsetzen, mit dem Ziel, das Management auszutauschen. Dann wäre der Widerstand gebrochen, die neue Riesenbank unter strategischer Führung aus Mailand könnte Realität werden.
Bettina Orlopp konziliant
Um die gewünschten Synergien zu heben, würden Tausende Mitarbeiter in Deutschland entlassen. Commerzbank-CEO Bettina Orlopp weiß, dass die Uhr tickt – und signalisiert Gesprächsbereitschaft mit dem Italiener. Sie sagte der FAZ: „Um Synergien mit Unicredit zu heben, brauche ich Gespräche und eine Einigkeit darüber, wie das ablaufen kann. Integrationen sind schwierig, aber absolut machbar. Ich habe das mein halbes Leben lang gemacht. Aber sie sind aus meiner Sicht unmöglich, wenn der Angang feindlich ist. Ich brauche dafür zwingend eine funktionierende Sozialpartnerschaft. Wenn ich keine konstruktiven Gespräche zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern habe, verliere ich die Belegschaft. Ich verliere das Team, das jeden Tag für unsere Kunden da ist.“
Ob die Kunden bei einer italienischen Übernahme bei der Stange blieben, ist eine andere Frage: Laut einer Befragung des Magazins Finance sagten 71 Prozent der befragten Top-Finanzentscheider deutscher Unternehmen, sie sähen eine Übernahme der Commerzbank negativ. Bei den Unternehmen mit Commerzbank-Kundenbeziehungen waren es sogar 77 Prozent. Die Bank ist laut Finance 2026 erneut zur besten Bank für Firmenkunden in Deutschland gewählt worden.
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