Etwas mehr als eine halbe Stunde nach Trainingsende kommt Leonardo Bonucci in den Medienraum des 1. FC Union Berlin hereinspaziert. Mikrofone und Kameras stehen schon seit etlichen Minuten bereit, heute spricht der italienische Verteidiger zum ersten Mal öffentlich, seit ihn die Köpenicker kurz vor dem Ende der Sommertransferperiode verpflichtet haben. Ein Übersetzer ist mit Bonucci am Telefon verbunden und erkundigt sich über die Lage vor Ort, viel wird er heute nicht sagen. „Ich höre schlecht“, ertönt aus dem Handy des Europameisters. Das war’s dann auch.
„Sollen wir die Fragen auf Englisch oder Deutsch stellen?“, fragt ein Reporter den Abwehrspieler. „Deutsch, oder Englisch … Probieren wir es“, lächelt Bonucci. Man sieht es dem Europameister von 2021 an, dass ihm zumindest dieser Moment ein paar Sorgen bereitet hat. Auf Englisch erklärt Bonucci, wie der Transfer zu den Köpenickern im Sommer abgelaufen ist. Das interessiert alle Anwesenden. Kein einwandfreies Englisch, aber immerhin. Der 36-Jährige schafft es, sich mit den Journalisten zu verständigen, und die Fragen prasseln nach und nach auf ihn ein.
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Am Sonntag verfolgte der Neu-Köpenicker den Berlin-Marathon mit seiner Familie live an der Strecke. „Es war eine wunderschöne Erfahrung, die ich davor nie erlebt hatte“, sagt der Unioner. Danach flog seine Familie auch schon wieder zurück nach Turin. Seine Frau und die Kinder zurückzulassen, sei für ihn besonders schwierig. „Jetzt bin ich aber hier, will hart trainieren und schnell wieder fit werden“, erklärt Bonucci. Mit Trainer Urs Fischer verständige er sich auf Italienisch, das hilft bei der Eingewöhnung und der Kommunikation.
Leonardo Bonucci: Ein italienischer Tourist in Berlin
Leonardo Bonucci antwortet bei seiner ersten Medienrunde in Köpenick ziemlich gelassen, Termine wie diesen kennt er aus der Heimat. Seine Augen kneift er schelmisch zusammen, wenn er ab und zu wegen einer Nachfrage lächeln muss. Als ihm eine Frage auf Italienisch gestellt wird, strahlt er. „Endlich!“, freut sich der ehemalige Juventus-Profi. Das hatte er nicht erwartet. Aktuell wohnt er in Berlin-Mitte und bewegt sich dort zu Fuß. „Ich gebe ein bisschen den Touristen, um die Stadt zu erkunden“, sagt der Abwehrspieler. Er fange gerade an, die Stadt in sein Herz zu schließen, erzählt er.
Nach der Niederlage gegen die TSG 1899 Hoffenheim sei er von der Reaktion der Fans äußerst erstaunt gewesen. Wie sie trotz des Endergebnisses weiter gesungen und das Team unterstützt haben, hat bei Bonucci Eindruck hinterlassen. „So was ist in Italien nicht üblich“, sagt der amtierende Europameister. Zu Robin Gosens habe er gesagt, dass die Fans der Eisernen „verrückt“ seien. Bonucci meint das aber ausschließlich positiv. „Das Wichtige ist nicht der Sieg oder die Niederlage, sondern der 1. FC Union Berlin.“ Auch sein Sohn habe die Stimmung sehr genossen. Die Atmosphäre bei seinem Debüt an der Alten Försterei, so viel ist seit dem Wochenende klar, wird Bonucci nie vergessen.
Wie kam Bonucci zum 1. FC Union Berlin?
Am liebsten, verrät Leonardo Bonucci den Journalisten, hätte er seine Karriere bei Juventus beendet, seiner großen Liebe. Aber: Der Trainer und der Verein hatten andere Pläne. „Alles änderte sich dann in kurzer Zeit“, berichtet Bonucci. Interesse weckte der Europameister bei mehreren Vereinen – trotz seines mittlerweile gehobenen Alters. Lazio Rom stand kurz vor einer Verpflichtung. „Der Druck war sehr hoch“, sagt Bonucci. Es sei nicht leicht zu spielen, wenn alle Augen auf einen gerichtet sind. Auch aus Saudi-Arabien erhielt der Italiener eine Anfrage.
„Das war nichts für mich“, erklärt Bonucci. Er habe im Gegensatz zu vielen anderen Weltklasse-Spielern dankend abgelehnt. Der 36-Jährige weiß, dass er noch auf Topniveau spielen kann, und trotzdem war er sich zu Beginn nicht sicher, ob er nach Berlin kommen sollte. „Es war die größte Veränderung meines Lebens und meiner Karriere“, erzählt Bonucci. Sein Transfer von Juventus Turin zum 1. FC Union Berlin bezeichnet der Italiener als „etwas verrückt“. Er fühlte aber auch den Drang, aus seiner Komfortzone rauszukommen. Das erklärt er gleich zweimal, um seinen Worten noch mehr Bedeutung zu verleihen.
Nach 20 Jahren im italienischen Fußball brauchte er Abwechslung. Denn: „Nach meiner Karriere als Fußballspieler will ich als Trainer arbeiten.“ Der Italiener hat ziemlich klare Vorstellungen von seiner Zukunft. Er will große Leistungen bei Union vollbringen und es dazu noch in den Kader der Nationalmannschaft für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland schaffen.
In Berlin will der Abwehrrecke ein zweites Zuhause finden. Mehr noch. „Ich will eine neue Sprache kennenlernen, eine neue Kultur und einen neuen Lebensstil“, sagt Bonucci. Natürlich werde er Juventus Turin nie vergessen, aber sein Fokus sei jetzt einzig und allein auf den 1. FC Union Berlin gerichtet. Die Fans der Eisernen werden das gerne hören!
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