Wer im Laufe seines Lebens zwei Staatsratsvorsitzende, zwei Bundeskanzler, drei Bundespräsidenten sowie neun Chefredakteure hat sinken sehen, misst dem Erfolg im Beruf nicht mehr allzu große Bedeutung zu. Der Status des Erfolgreichen ist ja an sich schon zweifelhaft, doch nichts scheint unzuverlässiger als der Erfolg im Filmbusiness. Nicht zufällig nennt man es Traumfabrik. Da das Geschäft im Wesentlichen angloamerikanischen Ursprungs ist, gilt hier als erfolgreich, wer auf den vorderen Plätzen der "Power List", der Liste der Mächtigen angesehener angloamerikanischer Branchen- und Gesellschaftsmagazine (Premiere, Entertainment Weekly, Vanity Fair etc.) landet. Doch wie sehen diese Listen aus? Wie ein Gemischtwarenladen: Sie platzieren unterschiedslos Manager und Geldsäcke neben Kreative, Künstler neben Vermarktungskünstler. Die Aussagefähigkeit der Power-Listen ist fragwürdig; sie reihen vor allem auf, wer im Show- und Medienbiz mit Hilfe seines Geldes Kontrolle über andere ausübt. Peter Bart, Kolumnist des Fachblatts Variety, hat etliche der aktuellen Listen verglichen und herausgefunden, dass so genannte hochwichtige Personen, die es in Entertainment Weekly auf Platz eins und zwei geschafft haben, im US-Filmmagazin Premiere nicht mal unter den ersten Hundert auftauchen. Vanity Fair betitelt seine diesjährige Liste zwar "The New Establishment", setzt aber mit Summer Redstone (Viacom/CBS), Bill Gates und Rupert Murdoch drei Vertreter des alten Establishment auf die ersten drei Plätze. Premiere brachte seine Power-Liste streberhaft voreilig als erstes Magazin heraus, wobei es Jean-Marie Messier mit Platz drei ehrte - denselben Messier, den wir hier zu unserem zweitliebsten Scheiterer erwählen. (Unser liebster Scheiterer ist, schon aus patriotischen Gründen, natürlich Leo Kirch.) Messier war der französische Präsident des Medienkonzerns Vivendi Universal, dem auch die Film- und "Full-Service"-Studios Babelsberg gehören. Messier galt lange als glanzvolles Beispiel eines Global Players, bis er Vivendi Universal mit seinem ungeheuren Appetit auf Expansion und gefälschten Bilanzen an den Rand des Ruins brachte. Wie soll der Leser angesichts dieses Durcheinanders nicht an der Aussagefähigkeit der Begriffe Erfolg und Macht zweifeln? Das Wort "Erfolg" steht im Duden wohl nicht zufällig zwischen "erfinden", "erflehen" und "erforderlich" sowie "erforschbar". Das Wort "Macht" wird oben von "Machorka" (russischer Tabak) und unten von "machulle" (aus dem hebräisch-jiddischen, umgangssprachlich für "bankrott", auch für "verrückt") gerahmt. Wer diese den Erfolg und die Macht umgebenden Bedeutungen als Zeichen versteht, kann gar nicht anders als milde auf das Kinojahr 2002 zurückblicken.Da im Januar der Reigen der Filmpreisverleihungen traditionell mit dem Golden Globe eröffnet wird, woran sich im Februar die Berlinale-Bären und im März die Oscars anschließen, wollen wir heute unsere persönlichen Favoriten küren und dabei von Aktienkursen und Power-Listen absehen. Unser einziges Kriterium sei die Willkür. Der Preis für den besten Tier- und Naturfilm geht daher an "Herr der Ringe 2" - leider wurde Peter Jacksons neue Regiearbeit in seiner Bedeutung für das Genre weltweit verkannt. Unerklärlich eigentlich, denn "Herr der Ringe 2" wäre nicht nur für Alfred Brehm eine Goldgrube - mit den Varg-Wölfen von Isengard, dem birkenstockigen entischen Baumvolk, den fliegenden Drachen der schwarzen Ritter und den grässlichen Uruk-hais mit ihren beeindruckend kariösen Gebissen. Der Drüsenkitzler & Herzerweicher-Preis erster Klasse wird Aki Kaurismäki für "Der Mann ohne Vergangenheit" zuerkannt, weil er eine Barszene des Films mit einem Foto seines geliebten und leider verstorbenen Stammschauspielers Matti Pellonpää, eines großen Trinkers vor dem Herrn, geschmückt hat - wie es da an der Wand hängt, wacht es über die Säufer. Den Preis für die beste Filmfrisur würden wir gern an Salma Hayek für ihren Auftritt als Malerin "Frida" Kahlo verleihen, wenn der Film denn schon in den deutschen Kinos angelaufen wäre, was er erst demnächst tut. Zum unpraktischsten Film 2002 ernennen wir Steven Soderberghs Sinatra-Remake "Ocean s Eleven": wegen der vielen glänzenden Oberflächen, blinkenden Roulette-Tische, holzgetäfelten Räume etc. pp., an denen garantiert ständig herumgeputzt werden musste. Der praktischste Film (und ein schöner dazu) ist der deutsche Dokumentarfilm "Der Glanz von Berlin": Hier kann man eine Menge über den Status von Putzfrauen und über rationelles Saubermachen lernen. Der Preis für den besten Filmkuss 2002 geht an Kirsten Dunst und Tobey Maguire ("Spider-Man"): hängend von oben auf stehend von unten geschmatzt, das mach erst mal einer nach. Und den Preis für den attraktivsten Verlierer überreichen wir schließlich Owen Wilson ("Die Royal Tenenbaums") - ein Schlaffi erster Qualität. Wie sangen doch Fehlfarben vor wenigen Monaten: "Was hab ich denn da vorn verlorn!"Der Preis für den besten Tier- und Naturfilm geht an "Herr der Ringe 2".
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de