Am 18. Januar 2012 kontaktierte ein amerikanischer Journalist namens Clayton Swisher das Institut de radiophysique der Universitätsklinik in Lausanne. Er teilte den Wissenschaftlern des renommierten Schweizer Instituts mit, er arbeite für den englischsprachigen Nachrichtensender Al-Dschasira mit Sitz in Doha, Katar, und handele im Auftrag von Suha Arafat, der Witwe des Palästinenserführers, der über sieben Jahre zuvor in einem Militärkrankenhaus in der Pariser Banlieue gestorben war. Der Amerikaner bat um eine forensische Untersuchung.
Swisher ist Insidern kein Unbekannter. Er hat vor zwei Jahren die „Palestine Papers“, veröffentlicht, eine hochbrisante Sammlung von 1600 Dokumenten aus dem Umfeld der israelisch-palästinensischen Friedensgespräche im vorigen Jahrzehnt, die belegen, wie weit die Palästinenser den Israelis entgegenkamen und wie letztere mit immer neuen Maximalforderungen die Verhandlungen torpedierten.
Zwei Wochen nach der ersten Kontaktaufnahme, am 3. Februar, kam Swisher persönlich nach Lausanne. Er übergab dem Institut medizinische Gutachten und Röntgenaufnahmen der französischen Ärzte. Und er brachte auch eine Reisetasche mit Wäsche und persönlichen Utensilien, die der Verstorbene bei der Einlieferung ins Militärkrankenhaus getragen oder mitgebracht hatte: Jogginganzüge, Mützen, Unterhosen, Zahnbürsten. Suha soll all diese Habseligkeiten ihres Gatten sieben Jahre in einem Pariser Tresor weggesperrt haben.
Die Schweizer machten sich noch am selben Tag an die Arbeit. Ihre geheimen Untersuchungen liefen unter dem Code „Monsieur Louvet“ – als Etienne Louvet figurierte Arafat in den Patientenlisten des französischen Krankenhauses.
Anfang Juli 2012 strahlte Al-Dschasira eine sensationelle Nachricht aus: An Zahnbürste, Unterwäsche und Krankenhausmütze Arafats hätten die Forensiker hohe Konzentrationen eines radioaktiven Stoffes festgestellt. „Ich kann Ihnen versichern“, so zitierte der Sender François Bochud, den Direktor des Institut de radiophysique in Lausanne, „dass wir eine unerklärte, hohe Menge von Polonium-210 in den Hinterlassenschaften von Herrn Arafat gemessen haben.“
Nun bestand Suha auf einer Exhumierung der Leiche Arafats. Jahrelang hatte sie eine solche hartnäckig verweigert. Im November des vergangenen Jahres wurde das Grab in Ramallah schließlich geöffnet. Unter Aufsicht des Mufti von Jerusalem und unter Beobachtung europäischer Experten entnahmen palästinensische Ärzte Gewebeproben des Verstorbenen und schickten diese an Forensiker in Russland, Frankreich und der Schweiz.
In drei Monaten würden sie die Resultate ihrer Untersuchungen vorweisen, kündigten damals die Schweizer Wissenschaftler an. Es hat genau ein Jahr gedauert. Am Mittwoch berichteten Al-Dschasira und die britische Tageszeitung Guardian über den 108 Seiten dicken Bericht aus Lausanne. Am Donnerstag meldeten sich die Forensiker auch selbst zu Wort.
„Man kann nicht sagen, dass das Polonium die Todesursache war“, sagte Institutsdirektor Bochud, „man kann es aber auch nicht ausschließen. Unsere Resultate unterstützen nachvollziehbar die Vergiftungsthese.“ Sein Kollege, der Chefforensiker Patrice Mangin meinte: „Man absorbiert nicht aus Versehen oder mit Absicht eine Dosis Polonium.“ Klar ist bislang also nur, dass noch gar nichts klar ist.
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