Unterwegs in Tel Aviv und Jerusalem

Reise in ein Israel ohne Palästinenser

Unsere Autorin unternimmt eine organisierte Reise durch Israel. Ihr wird die Schönheit des Landes gezeigt, der Fortschritt, der militante Friedensstaat, die Sonne, die Meere, die Glitzersilhouetten von Tel Aviv und Haifa. Was nicht vorkommt: Bethlehem. Hebron. Die Siedler. Der Konflikt.

Birgit Walter
8 Min
Vor der Klagemauer in Jerusalem drängen sich insbesondere an Sonnabenden orthodoxe Juden.

Vor der Klagemauer in Jerusalem drängen sich insbesondere an Sonnabenden orthodoxe Juden.

© REUTERS/Pablo Sanchez Lizenz

Und? Hat die Reise Ihren Blick auf Israel verändert? Der Fragebogen, der den eingeladenen Journalisten am Ende vorgelegt wird, ist neugierig, gründlich und direkt. Was wäre das für eine Reise, die den Blick nicht verändert? Der neunzehnte Familienausflug an die Ostsee vielleicht. Aber wer wie die meisten von uns zum ersten Mal ein Land besucht, sozusagen als Anfänger in Israel, für den ist alles neu.

Uri Sharon, deutscher Vertreter des israelischen Tourismus-Ministeriums gibt auch noch mit auf den Weg: Wer einmal dort war, kommt wieder. Fast die Hälfte der Deutschen bucht eine weitere Reise. Sie müssten nur die erste Hemmschwelle überwinden und selbst erleben, dass Israel ein ganz normales Land ist.

Ein sicheres Land – hochmodern, unfassbar schön, mit drei Meeren zur Auswahl. Dass da keine Raketen herumfliegen. 2012 war ein touristisches Rekordjahr mit 3,5 Millionen Besuchern. Bei knapp acht Millionen Einwohnern und nach einem Jahrzehnt ohne Terroranschläge bleibt offenbar trotzdem noch Platz nach oben, und bitte nicht nur für die allgegenwärtigen Kreuzfahrtschiffler.

Das Ministerium verspricht „das etwas andere Israel“, seine überraschenden Seiten. Wer wisse denn, dass der USB-Stick hier erfunden wurde oder die Kirschtomate, dieser Exporthit? Gut, das überrascht. Dass die Israelis ihren Gästen aber ein Israel ohne Palästinenser präsentieren würden, auch. Es dämmert allmählich. Eigentlich erst, als zwei Tage vor Reisebeginn das Programm eintrifft.

Reise ins Niemandsland

Gewiss, das Land hat seinen Besuchern mehr zu bieten als das tränentreibende Jerusalem, die Partyzone Tel Avivs und endlose weiße Strände. Wer das Wichtigste schon kennt, findet weitere Touristenziele. Er blickt in der südlichen Wüste Negev etwa in den schaurig schönen Krater von Maktesh Ramon. Im Norden kann er Millionen Kraniche beim Rasten beobachten und sich in Jeep-Safaris durchrütteln lassen. Der See Genezareth mit den Golan-Höhen dahinter dürfte seit Jesu Zeiten als Ausflugsziel nicht an Pracht eingebüßt haben. Alles schön.

Andererseits hat Israel eben kein Problem damit, seine Besucher nach Hause zu schicken, ohne dass sie Sehnsuchtsorte wie Bethlehem gesehen hätten, Jericho und Hebron. Oder doch wenigstens den berühmten Felsendom mit der Goldkuppel in Ost-Jerusalem. Die Wege in diese Gebiete sind von Soldaten verstellt, unser Reiseführer als jüdischer Israeli darf dort gar nicht hin, wie ihm auch Ziele wie Libanon oder Iran untersagt wären. Er fühlt sich zuständig für unsere Sicht auf sein Land, die israelische Sicht.

Ein Land, in dem die Westbank nicht israelisch besetztes Gebiet heißt, sondern Niemandsland. In dem die Abfertigung vor dem Einstieg ins Flugzeug schon mal volle drei Stunden dauert. In dem Fragen dazu gehören wie: „Gehören Libanesen zu Ihren Bekannten?“ (in Schönefeld) und: „Warum sind Sie hier? Wo waren Sie überall? Die Namen der Hotels bitte!“ Selbst beim Verlassen der Westbank stoppt der Van, bewaffnete Soldatinnen steigen zu und fragen barsch nach Papieren und Zielen. Israel ist das vielleicht misstrauischste Land der Welt mit den meisten Zäunen.

Bis zu den Zähnen hochgerüstet

Palästinensische Autos dürfen die besetzten Gebiete nicht verlassen, die Menschen trennt eine Mauer. Von Mauern verstehen Deutsche etwas, diese hier ist 600 Kilometer lang und wirkt. Es gibt kaum noch Anschläge. Aber wie wohnen die Palästinenser dahinter, wollen wir wissen. Schauen Sie selbst!, sagt der Guide und weist im Vorbeifahren auf eine ärmlich-vertrocknete Siedlung. Wo es sauber und aufgeräumt ist, sagt er, da wohnen jüdische Israelis. Etwa da, wo auch der wahnsinnige Wasserbedarf Hunderttausender Palmen gestillt wird.

Punkt. Wir lernen keine Palästinenser in ihren Städten kennen, wir wissen von ihrer Lage, ihrem verzweifelten Kampf um Wasser, die Abschottung der Siedler nur aus den Medien. Und trotzdem, auch trotz allgegenwärtiger Militäranlagen, verfestigt sich am Ende der Eindruck, es hier mit einem Land zu tun zu haben, das gar nicht anders kann, als sich bis zu den Zähnen hochzurüsten. Das genötigt ist, Frieden zu erzwingen. Das seine Frauen und Männer für zwei oder drei Jahre zur Armee schickt, einfach um zu überleben.

Das umzingelt von fanatischen Feinden zurückblickt auf 65 Jahre Israel und resümiert: Nur Stärke hilft, sonst verhandelt keiner mit uns. Das wie ein Friedensbollwerk hockt zwischen Ländern im Krieg. In all den Gesprächen in Kibbuzen, Kneipen und Gedenkstätten wirkt ein Satz nach wie keiner sonst: Wenn ein Land auf der Welt einen Krieg verliert, ist das schlimm für sein Volk. Wenn Israel einen Krieg verliert, ist es nicht mehr da.

Jedes Klischee stimmt

Die Menschen, denen wir begegnen, haben den Satz ehrlich verinnerlicht. Orna Shimoni steht vor Sonnenaufgang auf, um in Naharayim an der jordanischen Grenze die ausgedehnten Hügel-Gräber von sieben Mädchen zu pflegen. Als die Kinder 1997 von einem durchgeknallten jordanischen Soldaten auf einem Schulausflug erschossen wurden, war sie dabei. Dann legte sie die Gräber an. Heute ist sie über siebzig, gönnt sich aber keinen Gärtner. Sie braucht alles Geld für ihr zweites Lebensprojekt, eine millionenteure Schwimm- und Sportanlage für Behinderte und Gesunde.

Die hat ein Mahnmal in ihrer Mitte, das an die im Libanonkrieg von 1982 gefallenen Soldaten erinnert, zu denen einer ihrer Söhne gehört. Sie hat das alles aufgebaut, bezahlt aus Spenden. Der Staat Israel habe sich nicht beteiligt. Sofort, sagt sie, würde sie Land gegen Frieden tauschen. – Das kommt, glaubt der israelische Guide.

Dann entschädigen wir die Palästinenser für die Westbank mit anderem Land. Was denn, jahrzehntelang sehen wir den Konflikten beim Scheitern zu, und dann soll es einfache Lösungen geben? Ja, sagt der Guide, die Zeit arbeitet für uns. Denken Sie an die Berliner Mauer.

Die Weltgeschichte kennt Überraschungen, ja, aber die lassen oft auf sich warten. So lange, stellen wir fest, stimmt in Israel jedes Klischee – der militante Friedensstaat, die Sonne, die Meere, die Glitzersilhouetten von Tel Aviv und Haifa, das weihrauchgeschwängerte Jerusalem, das gute arabische Essen, die Juden von äthiopisch-schwarz bis russisch-weizenblond, die alle hebräisch reden und so selbstverständlich hierhergehören wie die gebildet wirkenden Herren mit Brille, die wir uns als typische Israelis so vorstellten.

Internet-Radio aus der Schwulenbar

Das „etwas andere“ Israel findet sich weniger bei Kratern und Kranichen, sondern an Häuserecken jenseits der Touristenzonen. In einer Schwulenbar, die drei junge Männer betreiben und vom Erlös täglich ein paar Stunden Internet-Radio mit anständiger Musik machen. Weil sie die staatlichen Sender unerträglich bieder und die privaten unerträglich kommerziell finden. Ihr Szeneviertel mit abgerissenen Kneipen, Clubs und Plattenläden liegt übrigens nicht in der Partystadt, sondern fußläufig von der Klagemauer entfernt. (Voice of Free Jerusalem, www.vofj.co.il).

Womöglich wird es auch bald von Investoren aufgehübscht. Immobilienerlöse an prominenter Stelle in Israel sollen sich denen von London nähern. Überhaupt liegt das Preisniveau so hoch wie in Deutschland, nicht aber die Einkommen. Junge Familien können die Lebenskosten trotz Jobs oft kaum noch stemmen. Patrioten wie unser Reiseleiter sind da von pragmatischer Indifferenz, empfehlen für den Anfang ein einfaches Leben in entlegenen Gegenden.

Dabei haben auch Kibbuze ihren Charakter aufgegeben. En Gedi am Toten Meer betreibt eine schicke Wellness- und Hotellandschaft in seiner Oase, hat auch den Gemeinschaftsbesitz privatisiert. Hagoshrim bei Qiryat Shemana ist ein Kibbuz mit angeschlossenem Luxushotel. Der fröhliche Rentner Yossi Tahuni, 69, hat es 1948 mit begründet.

Er sagt: „Früher gehörte alles allen. Heute muss ich beim Betreten eines Rasens damit rechnen, dass der Besitzer ruft: Hau ab, oder ich rufe die Polizei!“ Er zeigt die einfachen kleinen Holzhäuser, die einst für drei Familien reichen mussten. Sie stehen leer, wie Küche, Wäscherei, Speisesaal. „Wir haben zusammen gelebt, gegessen, getanzt. Wir waren glücklich. Heute nutzen wir nur noch das Altersheim gemeinsam. Und natürlich die Bombenkeller.“ Hier, an der libanesischen Grenze, flogen die letzten Raketen erst 2006.

Die Orthodoxen werfen gern mit Eiern

Die orthodoxen Juden im Jerusalemer Viertel Mea Shearim haben auch etwas Überraschendes: Die meisten schieben einen Kinderwagen oder haben ein Kind an der Hand. Sympathisch, problematisch aber auch. Die Mehrheit von ihnen geht nicht zur Armee, lebt von Sozialhilfe und verhütet nicht. Etliche halten selbst den Staat Israel für Gotteslästerung. Eine Minderheit von zehn bis 15 Prozent, die sich Israel leistet. Das Land ist tolerant. Die Orthodoxen dagegen werfen gern mit Eiern, wenn Säkulare neugierig gucken oder fotografieren.

Unser Guide erlaubt ein Durchfahren, nicht das Aussteigen. Er erläutert, was eine koschere Bar ist: Sie schließt Freitagabend und führt keinen Bailey’s. Ein koscheres Handy funktioniert nur von Sonntag bis Freitag, ist aber günstiger. Koscherer Wein wird im siebten Jahr nicht geerntet. Ein koscherer Fahrstuhl hält am Shabbat in jedem Stockwerk: Streng Gläubige dürfen, kein Witz, den Knopf nicht drücken. Der Vorgang zählt als Arbeit.

Wer lediglich nach Israel reiste, um zu beobachten, wie Menschen sonnabends nicht arbeiten, nicht telefonieren, nicht musizieren, nicht Auto, Fahrrad oder Fahrstuhl fahren oder ins Kino gehen, und wie sie an anderen Tagen im Roten Meer nicht untergehen, wäre schon reich beschenkt. Alles andere gibt es als Extra dazu. Nur aufgepasst bei der Reiseplanung, Bethlehem, Jericho und der Felsendom sind für uns Touristen durchaus zugänglich.

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