Vor ein paar Tagen erzählte mir Tino, der Jäger, mit leuchtenden Augen von seinem 18 Wochen alten Deutschdrahthaar Orkas. Wie klug dieses Tier doch sei. Neulich sei er mit dem Hund zur Jagd gewesen, musste ihn jedoch wegen seines noch jungen Alters im Auto lassen. Nun musste der Hund nach drei Stunden des Wartens pinkeln. Und da Orkas ein intelligenter Hund sei, habe er nicht etwa einfach ins Auto gepinkelt, sondern sich bis zum Fahrersitz gerobbt und dort auf die Hupe gedrückt. Die Wildschweine waren dann zwar weg, aber immerhin – Tino konnte seinem Hund Erleichterung verschaffen, und sein Auto blieb auch sauber.
Und nun fragte mich Tino, der Jäger, ob ich ihn und Orkas nicht mal mit zur Jagd begleiten möchte. Ich ging kurz in mich. Immerhin esse ich Fleisch, nicht zu viel, und wenn, dann achte ich darauf, dass es aus artgerechter Haltung kommt. Letztlich ist es dann nur konsequent, es sich selbst zu beschaffen.
Das Tier muss gleich richtig getroffen werden
Das Experiment startet gegen 17 Uhr an einem wunderbar sonnigen Sonnabend im Mai. Tino packt Waffe, Hund, Ferngläser für uns beide, Patronen und Messer in sein Auto, dann geht es Richtung Petzow. In diesem verträumten kleinen Ort gibt es ein Jagdrevier in einer stillgelegten Apfelplantage. Tino parkt den Wagen, schultert die Waffe, instruiert Orkas, dass er diesmal etwas aushalten müsse und nicht das Wild mit Hupen verscheuchen solle. Danach gehen wir leise flüsternd in Richtung des Hochstandes – Wildtiere verfügen über ein sehr gutes Gehör.
Wir klettern auf den Hochsitz, dessen Inneres wesentlich kleiner ist, als es von außen den Anschein macht. Um uns herum eine überbordende Natur mit knorrigen Apfelbäumen, Schilf, das sich leise im Winde wiegt, und viele Schneisen, die ein gutes Schussfeld bieten. Tino erklärt mir, dass sich im hohen Gras vielleicht Wildschweine oder Rehe aufhielten. Und da, bei der Baumgruppe, sei ein guter Ort für Damwild oder Rehe.
Dann sagt er, dass es besonders wichtig sei, das Tier gleich richtig zu treffen. Mit einem Blattschuss durch das Schulterblatt am besten. Dann werde die Lunge zerfetzt, und das Tier wäre sofort tot. Zerfetzt. Tot. Wörter, die mir ins Gedächtnis rufen, warum wir hier sitzen. Wir machen kein Picknick. Wir sind hier, um ein Tier zu töten.
19 Uhr. Immer noch schönster Sonnenschein. Ein Fasan poltert in unser Sichtfeld. Er buhlt um die Aufmerksamkeit der Hennen, übersehen kann man ihn nicht. Schießen darf man ihn nicht. Fasane haben jetzt Schonzeit und dürfen nur im Flug geschossen werden. Mit einer Schrotflinte, ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Glück für den stimmgewaltigen Vogel, dessen Werben kurz darauf ein Ende findet – eine Henne erhört ihn, und es kommt zur Paarung.
Abtauchen ist eine kluge Entscheidung
Kurze Zeit später stößt mich Tino an. Ein einjähriger Damhirsch trottet langsam aus dem hinter uns gelegenen Waldstück. Ein großes, schönes Tier. Leider haben wir in diese Richtung kein Schussfeld. Aber vielleicht läuft er ja noch ein Stück weiter, sodass er ein gutes Ziel abgibt.
Eine Stunde später. Der junge Hirsch hat sich dazu entschieden, wieder im Wald abzutauchen. Kluge Entscheidung, wie ich finde. Es ist so schön, hier auf dem Hochsitz, vier Meter über der Erde, zu sitzen und den Blick über die üppige Natur schweifen zu lassen. Diese Ruhe, die nur vom Zwitschern der vielfältigen Vogelarten überdeckt wird, ist einfach herrlich.
Das Warten auf dem Hochsitz hat nichts mit Langeweile zu tun. Hier kann man ganz eins mit der Natur werden, Gerüche und Geräusche aufnehmen. Ich beginne zu verstehen, dass neben dem Jagderfolg auch diese Stimmung zählt. Tino schwärmt von nächtlichen Wildschweinjagden im Winter, wenn der Mond durch hohe Tannen auf den schneebedeckten Waldboden scheint. Nun ja, vier Stunden bei minus 15 Grad auf dem Hochstand ausharren ist mit Sicherheit nicht nur schön.
20.30 Uhr. Wir erleben ein strahlendes Abendrot. Sonst ist es, bis auf das Vogelgezwitscher, sehr ruhig. Tino ist etwas verwundert – er hatte fest damit gerechnet, dass wir etwas erlegen würden, wenn das Tier denn den zu dieser Zeit geltenden Standards entspricht. Ricken dürfen nicht geschossen werden. Was wir schießen könnten, wären Schmalrehe, also einjährige weibliche Tiere und Rehböcke. Zwischen den Apfelbäumen hoppelt ein großer Feldhase in unser Blickfeld. Auch er darf derzeit nicht geschossen werden. Wir schauen ihm zu, wie er in aller Ruhe frisst.
Ein Rehbock tritt ins Schussfeld
Kurz nach halb zehn wird es merklich dunkler, und Tino sagt: Wir bleiben noch zehn Minuten, dann gehen wir. Für eine Nachtjagd sind wir nicht ausgerüstet, dafür bräuchte man auch einen voll ausgebildeten Jagdhund, der dem Wild nachgeht. Orkas ist dafür noch nicht weit genug.
Doch dann hören wir ein Knacken und Knirschen hinter den Apfelbäumen. Ein Rehbock tritt mitten ins Schussfeld. Ich bin erstaunt, wie klein das Tier ist, doch Tino versichert mir, dass es ein ausgewachsener, mehrjähriger Bock ist. Nun geht alles ganz schnell – und gleichzeitig doch wie in Zeitlupe. Ich lege die Ohrenschützer an. Wir schweigen, die Bewegungen laufen wie abgesprochen. Der Jäger ist hochkonzentriert, visiert den Bock an, versichert sich, ob es das richtige Tier zum Schießen ist.
Ist es.
Der Schuss zerfetzt die Stimmung – schlagartig schweigen alle Vögel. Es ist still. Der Bock ist getroffen, die Wucht des Einschlags in seinen Körper lässt ihn kurz durch die Luft wirbeln. Es sieht aus wie ein makabrer Totentanz, den er für sich selbst aufführt. Der Tod trifft den Rehbock völlig aus dem Nichts, als er den Kopf senkt, um zu fressen.
Der Jäger und ich warten noch ein paar Minuten, bevor wir zu dem Tier gehen. Das gebietet der Respekt. Der Rehbock soll in Ruhe sterben dürfen.
Tino hat einen Kammerschuss gelandet, wie wir dann sehen: Die Kugel dringt hinter dem Schulterblatt ein und durch Lunge und Herz wieder aus. Das Tier ist sofort tot.
Der Bock liegt auf der Seite, bis auf das kleine Einschussloch hinter der Schulter ist er unversehrt. Ich beuge mich hinab, schaue in die schönen großen Augen, streiche behutsam durch das weiche, warme Fell des Tiers – und habe fast das Gefühl, als ob es noch atmet.
Dampf der Innereien im Schein der Taschenlampe
Nun müsse der Rehbock aufgebrochen werden, sagt der Jäger. Der rabiate Ausdruck erweist sich leider als völlig zutreffend. Geübt setzt Tino sein Messer ein: Ein paar Schnitte am Hals, die Speise- und Luftröhre liegen frei und werden herausgezogen. Ich bin ganz nah dran, da es stockdunkel geworden ist und ich dem Jäger mit der Taschenlampe Licht spenden muss. Ein weiterer Schnitt – Tino lässt sein Messer durch die Bauchdecke gleiten. Noch ein Schnitt – die Organe quellen heraus, die Bauchdecke ist komplett geöffnet, das Reh liegt wie ein Exponat aus dem Biologieunterricht vor uns. Tino trennt die Organe heraus, erklärt mir, was wir da sehen: Pansen, Nieren, zerfetztes Herz, Lungen. Mit blutigen Händen deutet er auf die Leber und kündigt an, dass wir sie uns später schmecken lassen werden.
Die Innereien des Bocks dampfen im Schein der Taschenlampe. Mit einem Ruck entfernt Tino sie aus dem Körper. Das Reh liegt vor uns auf dem Rücken, und nun sehe ich, wo all das Blut ist, das ich schon eher erwartet habe. Es hat sich im Tier gesammelt, sodass es nun vor uns liegt wie eine rot gefüllte Suppenterrine. Der Jäger erklärt mir, dass wir den Bock jetzt ausbluten lassen müssen. Dafür hängt ihn über die Leiter, die zum Hochsitz führt. Danach füllt er die Innereien in einen Beutel, denn sie müssen vergraben werden. Die Leber und die Nieren werden in einen anderen Beutel gepackt und im Rucksack verstaut.
Nun ist es so weit – der Bock ist ausgeblutet. Tino legt ihn über seine Schultern und trägt ihn zum Auto. Das Tier kommt erstmal für ein paar Tage in einen Wildkühlschrank.
Beim Auto angekommen, begrüßt uns Orkas ziemlich freudig. Diesmal musste er nicht hupen.
Zu Hause bereitet der Jäger die Leber zu. Waschen, zerkleinern, ab in die Pfanne. Zwiebeln dazu, Salz und Pfeffer drüber. Ein Genuss, der seinesgleichen sucht. Vor vier Stunden hat dieser Rehbock noch Gräser gefressen.
Und, werde ich nach diesem Erlebnis zur Vegetarierin? Nein. Aber ich werde viel öfter daran denken müssen, dass das Schnitzel auf meinem Teller nicht immer ein Schnitzel war, sondern ein Tier, das geatmet und Schmerzen gefühlt hat.
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