So einen Tag erleben Feuerwehrleute selten: Ein Großaufgebot wird zum Flughafen Tegel gerufen, weil ein Gefahrgutbehälter undicht ist. In Reinickendorf brennen zur selben Zeit mehrere Hallen eines Pferdehofs. Und an der Martin-Luther-Straße strömt Gas aus einem Hochdruckrohr. Auch die Krankenwagen des Rettungsdienstes sind mit allen möglichen Einsätzen voll ausgelastet. Und dann meldet auch noch der Deutsche Wetterdienst eine heranziehende Unwetterfront. Die Leitstelle verhängt den „Ausnahmezustand Rettungsdienst“ als auch den Ausnahmezustand Wetter“.
6 Mal Ausnahmezustand Rettungsdienst und 4 Mal Ausnahmezustand Wetter
Den Montag dieser Woche werden viele Feuerwehrleute nicht vergessen. Auch wenn Tief „Vincent“ letztlich nur für 97 wetterbedingte Einsätze wegen vollgelaufener Keller, umgestürzter Bäume oder abgebrochener Äste sorgte.
In den vergangenen Tagen haben Unwetter und zeitgleich größere Löscheinsätze die Berliner Feuerwehr an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht: Zuletzt noch einmal am Mittwochabend, als sie gegen 20.50 Uhr gerade einmal 40 wetterbedingte Einsätze zählte und den Ausnahmezustand ausrufen musste. Zum Schluss waren es 116 Einsätze.
Das ist nicht besonders viel. In früheren Jahren gab auch schon Unwetter, die 250 oder 300 Einsätze zur Folge hatten. Dass die Feuerwachen immer öfter am Limit sind und den Ausnahmezustand ausrufen, sobald 80 Prozent der Fahrzeuge im Einsatz sind, lag in den vergangenen Tagen an der Häufung besonderer Einsätze, aber auch an der angespannten Personalsituation. Keine der 34 Berliner Feuerwachen hat, wie berichtet, die geplante Soll-Stärke ihrer Einsatzkräfte. Hinzu kommt, dass die von der EU vorgeschriebene Senkung der Wochenarbeitszeit die Zahl der täglich verfügbaren Feuerwehrleute von 596 auf 500 gesenkt hat.
In diesem Jahr hat die Feuerwehr nach eigenen Angaben elfmal den Ausnahmezustand ausgerufen: Sechsmal im Rettungsdienst, viermal aufgrund von Unwetter, und einmal – am vergangenen Montag – zeitgleich aus beiden Gründen. Ausnahmezustand bedeutet, dass Notrufe nicht mehr nach der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet werden, sondern nach Dringlichkeit. Wenn ein Menschenleben bedroht ist, fahren die Retter dort zuerst hin. Wer wegen eines vollgelaufenen Kellers anruft, muss dann warten. Ist der Ausnahmezustand ausgerufen, wird die Leitstelle verstärkt besetzt, und die Freiwilligen Feuerwehren werden zur Unterstützung alarmiert.
Freiwillige Feuerwehrleute besetzen verwaiste Wachen
Manchmal ist die Feuerwehr auch kurz davor, den Ausnahmezustand zu verhängen – wie etwa am 27. Juli. An diesem Tag war zum einen der Christopher Street Day zu betreuen. Zum anderen gab es in Prenzlauer Berg zur gleichen Zeit einen Dachstuhlbrand, der 80 Einsatzkräfte band, und in Grünau brannte der Wald, wo 50 Feuerwehrleute eingesetzt waren. Freiwillige Feuerwehrleute mussten die verwaisten Wachen besetzen.
Die Personalmisere soll sich durch Neueinstellungen ändern. Im vergangenen und diesem Jahr gab es 354 neue Stellen, mehrere Hundert sind für den neuen Haushalt angemeldet. „Wir müssen durch dieses Tal durch“, sagt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. „Aber mit jedem frischen Jahrgang, der von der Feuerwehrschule kommt, werden wir die Personaldefizite weiter auffüllen.“
Rettungswagen werden jetzt als Reserve vorgehalten
Er verweist darauf, dass es im Jahr 2018 im Rettungsdienst mitunter mehrmals pro Woche Ausnahmezustand gegeben habe. Dieses Problem wurde nach seinen Worten inzwischen entschärft, indem man zehn Feuerwachen mit je einem Rettungswagen als taktische Reserve im Stadtgebiet verteilt hat und nun so flexibler reagieren kann.
Oliver Mertens, Hauptbrandmeister und Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei, ist der Meinung, dass die Talsohle wegen der bevorstehenden Pensionierungen noch nicht erreicht ist. „Wir haben zwar die Einstellungszahlen hochgefahren, aber wir sind jahrelang auf Verschleiß gefahren worden. Diese Versäumnisse lassen sich so schnell nicht wieder aufholen. Wir sind längt an der Grenze unserer vorhandenen Ausbildungskapazitäten. Das wird uns noch Jahre begleiten.“
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