Die Leute sollen sich ein bisschen gruseln, während sie auf der Toilette sitzen. Ihnen soll mulmig werden bei der schwarzen Wand, auf die scheinbar ein Regenguss weißer Farbe geprasselt ist. Wie ein Gemetzel, als hätte jemand seine ganze Wut gegen die Mauer geklatscht. Sie sollen erschaudern beim harten Blick der Frau, deren Kopf mitten im Körper sitzt. Es gehe um menschliche Abgründe, sagt Sidney Arnold. Er ist der Graffitikünstler, der die Toiletten im fünften Stock gestaltet hat.
Eröffnung im April
Der 24-Jährige aus Plänterwald steht mit Atemschutzmaske vor der Wand und zieht mit der Sprühdose Linien über das Auge der Frau. Der Feinschliff. Sein Werk muss in drei Wochen fertig sein. Am 1. April eröffnet in der Nürnberger Straße 68 in Charlottenburg The Haus. 160 namhafte Künstler aus 17 Ländern haben ein altes Bankgebäude mit Sprühkunst, Installationen, Zeichnungen und Skulpturen in einen knallbunten Abenteuerspielplatz verwandelt. Etwa 10.000 Quadratmeter ist das Areal groß, in jedem der 100 Zimmer tobten sich andere Sprayer aus.
In den Fluren springen dem Betrachter Tiger entgegen oder es umschlingen ihn Tentakel. Hinter jeder Tür wartet eine neue Welt: Mal steht ein paar Füße baumhoch im Raum, mal ist der Fußboden mit Laub bedeckt und Graffiti erzählen vom Kampf der US-Indianer gegen den Bau von Öl-Pipelines. Doch der Betrachter weiß, dass alles, was ihn fesselt und rührt, in ein paar Monaten wieder zerstört wird. „Die Abrissbirne kommt, das Gebäude wird entkernt“, sagt Kimo von Rekowski. Mit seinen Kumpels Jörni und Bolle, die wie er am liebsten nur mit Vornamen angesprochen werden, bildet er Die Dixons. Das Sprayer-Kollektiv hat The Haus initiiert.
Dass alles im Sommer verschwindet, erhöht für sie die Spannung. „Die Menschen sind gezwungen, sich mit allen Sinnen auf den Moment einzulassen – auch, weil wir ihnen am Eingang die Handys abnehmen“, sagt der 32-jährige Glatzkopf. Die Macher wollen, dass ihre Besucher bloß schauen. Nachdenken. Und wirken lassen. Vergänglichkeit wird zum tragenden Element im Graffitihaus. Einzig ein Buch mit Bildern vom Hausfotografen soll die Schau dokumentieren und vor Ort zu kaufen sein. Der Eintritt ist hingegen gratis.
Sprayer gestalten ehemaliges Bankgebäude
Am letzten Wochenende vor der Schließung am 31. Mai war der Andrang in der Nürnberger Straße 68 noch mal groß.
© Markus Wächter
Einige hatten sich angesichts der langen Wartezeit Sitzgelegenheiten mitgebracht.
© Markus Wächter
Hunderte standen bei The Haus an, um das von Künstlern umgestaltete Bankgebäude zu sehen.
© Markus Wächter
Seit Dezember arbeiten Kimo und das Team an dem Kunstbau. Ein befreundeter Kulturmanager trat mit der Anfrage des Investors Pandion, dem die Immobilie gehört, an die Sprayer heran. In der Szene sind Kimo, Bolle und Jörni keine Unbekannten, ihre Agentur Xi Design setzt Streetart-Werbeprojekte um und floriert. Der Investor suchte einen Zwischennutzer für das Haus, das seit Anfang 2016 leer steht. Kimo akquirierte Künstler, suchte Sponsoren und las sich in Brandschutzbestimmungen ein.
Miete zahlt die Truppe nicht. Investor Pandion dürfte aber vom Imagegewinn seiner Liegenschaft profitieren, wenn dort im Sommer schicke Wohnbauten entstehen. Kimo würde sich mehr solcher Kooperationen wünschen. Seine Botschaft an die Immobilienwirtschaft: „Lasst uns Flächen, baut nicht überall – und arbeitet mit urbanen Künstlern zusammen.“ Kimo sieht die Sprayer nicht als Widersacher im Kampf um Berlins Freiflächen. Er will die Szene als Partner etablieren.
Ein Umdenken erhoffen sich auch Mark Marquardt und Michel Pietsch. Die beiden Künstler stehen in der dritten Etage in der kriegerischen Kulisse, die sie geschaffen haben. Bomben und Granaten fallen, mittendrin Yin-und-Yang-Zeichen. Marquardt, 38, der sich als Sprayer „Akte One“ nennt, und Pietsch, 46, der unter „Cren“ firmiert, wünschen sich mehr Anerkennung von der Stadt. Marquardt: „Es braucht Ateliers zu günstigen Mieten.“
Sprayer am Kudamm
Die beiden berichten von fehlenden Ansprechpartnern und langwierigen Antragsverfahren auf der Suche nach Wänden zum legalen Sprayen. Dass Kultursenator Klaus Lederer (Linke) die Schirmherrschaft für das Kunsthaus übernommen hat, gibt ihnen Hoffnung. Im Sinne ihres Anliegens finden die beiden es gar nicht schlecht, dass The Haus in der Nähe des Kudamms ist. In dieser anti-hippen Gegend, wo Touristen Fotos machen. Außerdem sei der Ort auch mal ein anderer gewesen. „In den 80er-Jahren nahm hier die Hip-Hop-Bewegung ihren Anfang“, erzählt Marquardt. „An der Gedächtniskirche traten die ersten Breakdancer auf, Sprayer tauschten hier Skizzen.“ In gewisser Weise kehre man also nach Hause zurück.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de