Adams ist das Schwergewicht unter den amerikanischen Komponisten, und gleichzeitig eine Ausnahmeerscheinung, weil seine durch und durch amerikanische Musik doch auch die europäische Entwicklung des letzten Jahrhunderts in sich aufnimmt, zwischen Struktur und Ausdruck komplexe Vermittlungen sucht und niemals nur banale Hörgewohnheiten bedient. Dabei zielt Adams durchaus auf ein breites Publikum und entsprechend breitwandig ist auch ein Gutteil seiner insgesamt nicht sehr zahlreichen Kompositionen.
Mit Humor und Ironie
Die erste Herausforderung der Musik von John Adams ist eine für die Musiker, denn sie ist schwer zu spielen. Das teilt sie mit anderer neuer Musik. Aber was in einem Stück wie der 1992 entstandenen „Chamber Symphonie“ dazukommt, ist, dass die rhythmische Komplexität, mit der sich die Stimmen ineinander verhaken, ganz locker klingen muss. Bei Adams ist Komplexität fast immer auch mit Humor und Ironie verbunden. So nimmt er in der „Chamber Symphonie“ Arnold Schönberg und die Ausdrucksanstrengung in dessen „Kammersymphonie“ aufs Korn, ebenso wie die Musik klassischer amerikanischer Zeichentrickfilme mit ihrer grellen Gestik.
Die jungen Musiker der Orchester-Akademie der Philharmoniker spielen das unter Leitung des Komponisten mit hinreißendem Elan, und man glaubt Adams gerne, was er in der Umbaupause im Kammermusiksaal als witziges Kompliment vor den Zuhörern loslässt: Früher wären die Musiker vor dem dritten Satz immer krank vor Panik gewesen, „but these young players just take it for breakfast“.
Der amerikanische Geist
Zuvor hatten die Orchester-Akademisten drei Stücke jüngerer amerikanischer Komponisten gespielt, die auf ganz unterschiedliche Weise auch die Situation einer neuen Musik spiegelten, die die Aufmerksamkeit des Publikums sucht. Ohne Dirigenten erklangen die zwischen zwei Streichergruppen effektvoll hin- und herflutenden Tango-Floskeln in Osvaldo Golijows „Last Round“, einer Hommage an Astor Piazzolla. Eher müde wirkte dagegen die leidenschaftslose Süffigkeit in dem Klavierkonzert „The Blind Banister“ des 1985 geborenen Timo Andres, dessen Name in der amerikanischen Szene im Moment hoch gehandelt wird und der selbst mit dandyhafter Eleganz den Solo-Part spielte.
Andrew Norman, Jahrgang 1979, macht die Suche nach dem eigenen Ton zum Thema in „Try“, das mit harten, schrägen Klangverdichtungen immer wieder neu ansetzt, am Ende aber in sanften Klavierarpeggien ausschwingt. Komplexität erscheint hier allenfalls als Zwischenzustand, als Ausgangspunkt einer Flucht. „He is not afraid to make noise“, bemerkte Adams dazu in seiner Moderation, die in ihrer Lockerheit und Offenheit einen amerikanischen Geist nach Berlin brachte, der im Moment besonders guttut, aber indirekt auch darauf verwies, in welch unterschiedlichem Rahmen neue Musik dort wahrgenommen wird.
Unbekannte Literatur
Die größte Herausforderung dieser Komponisten-Residenz bei den Philharmonikern lag aber tags darauf in der Aufführung von Adams„ 2012 vollendetem Großwerk „The Gospel According to the Other Mary“. Zweieinhalb Stunden reine Spieldauer umfasst das zweiteilig angelegte Oratorium, für das Adams langjähriger Mitarbeiter Peter Sellars Bibelworte und religiös-sozialkritische Texte vor allem amerikanischer Autorinnen ineinander verschränkte, besonders eindrucksvoll in den Berichten persönlichen Widerstands der amerikanischen Sozialistin Dorothy Day und den bekenntnishaften Texten der Dichterin Louise Erdrich – für uns auch der Blick in ein Panorama amerikanischer engagierter Literatur, das so gut wie unbekannt ist.
Im ersten Teil wird die Geschichte des Lazarus und seiner beiden Schwestern Maria Magdalena und Martha überblendet mit Szenen aus dem Gefängnis und den Erfahrungen aus sozialen Hilfsprojekten. Im zweiten Teil, der den ersten spiegelt, landet man dann bei dem bekannten Passionsgeschehen auf Golgatha.
Fieberhafte Erregtheit
Vielleicht liegt es auch an dieser Zweiteilung, dass nach der Pause die Spannung abzufallen scheint, die den ganzen ersten Teil hindurch etwas Ungeheuerliches, Großartiges, geradezu Überwältigendes besitzt. Die Mittel, die Adams benutzt, sind enorm, aber auch unerwartet vielschichtig. Die fieberhafte Erregtheit, mit der das Stück völlig überraschend einsetzt, wird immer weiter gesteigert, aber auch konterkariert durch abgründig fahle Stimmungen bei der Begegnung mit dem toten Lazarus. Grandios ist dann dessen erster Auftritt als Wiederauferstandener, eine wütende Anklage Gottes, von einem, der aus der Totenwelt zurückkehren durfte.
Der Rundfunkchor hat in sehr charakteristischen Chorstücken dankbare Aufgaben, die er mit Bravour bewältigt. Etwas schwerer mit dem robusten, aber zunehmend sinnlicher gestalteten Orchestersatz tun sich zunächst die Philharmoniker unter Simon Rattles Leitung. Hinreißend ist die Solistenriege, die mit dem Stück seit der amerikanischen Uraufführung vertraut ist, zwei Mezzosopranistinnen, deren erstaunliche Tiefe Adams reichlich ausnutzt (Tamara Mumford und Kelley O’Connor), der brennende Tenor des Lazarus (Peter Hoare) und das Terzett der drei Countertenöre, in dem die Stimme des Evangelisten und Erzählers hier aufgespalten wird.
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