Das Leben war ein Versteckspiel: Wenn Ute Holschumacher zur Bank ging, wickelte sie ihren rechten Arm in einen Verband, um zu begründen, warum jemand für sie den Überweisungsschein ausfüllen musste. Babynahrung für ihre Tochter kaufte sie in der Apotheke, denn da wurde sie bedient und musste niemanden bitten, ihr die Etiketten auf den Gläschen vorzulesen. Der Grund: Ute Holschumacher war Analphabetin. Trotz acht Jahren Schule hatte die gebürtige Neuköllnerin weder lesen noch schreiben gelernt. Das sollte niemand wissen. „Ich ging immer angespannt durchs Leben“, sagt sie.
Heute spricht die 57-Jährige offen über diese Zeit. Die Scham und die Ausreden sind inzwischen vorbei. Vor fünf Jahren hat sie ihren ersten Alphabetisierungskurs gemacht und ist drangeblieben. Inzwischen kann sie lesen, schreiben und rechnen und begleitet Straßenaktionen des Alphabetisierungsprojekts „Alfa-Mobil“ als lebendes Erfolgsbeispiel.
Jahrelang geheim gehalten
Zufrieden lehnt sie sich im Sofa ihrer kleinen Wohnung an der Gneisenaustraße zurück. „Ich bin frei“, sagt sie. Ihr Gesicht strahlt, ihre Haltung ist selbstbewusst. Doch die Vergangenheit ist nicht vergessen: Der Vater, der trank und die neun Kinder schlug. Die Mutter, die überfordert war und sich schließlich in den 70er- Jahren scheiden ließ. Da ging Ute schon Zimmer aufräumen in Hotels, später arbeitete sie als Küchenhilfe, erst in Berlin, dann lange Jahre in Stuttgart, schließlich wieder in Berlin. Immer auf der Hut, dass jemand ihr Geheimnis entdecken könnte.
Hohn und Spott von Kollegen
Die letzte Arbeitsstelle in einer Küche führte in eine Lebenskrise. „Füll die Bestellungen aus“, verhöhnte sie eine Kollegin, die ihr Geheimnis längst entdeckt hatte. Holschumacher wurde von Kollegen in der Kantine beschimpft, erzählt sie. „Ich habe an mir gezweifelt, ich wurde krank.“ Lange Monate in einer Klinik und Arbeitslosigkeit folgten.
Die Wende brachte schließlich der Hinweis einer Mitarbeiterin im Jobcenter. Sie wies sie auf Alphabetisierungskurse hin, und Ute Holschumacher entschied sich, mit dem Verstecken aufzuhören.
Nun wurde wahr, was sie sich immer gewünscht hatte: Vorlesen können. Ende der 90er-Jahre war ihre Tochter zur Welt gekommen, doch die Kuschelrunde beim Kinderbuchschmökern vorm Einschlafen fiel aus, auch der Besuch im Zoo oder die Fahrt zum Wannsee, denn die Fahrpläne konnte Holschumacher nicht entziffern. Später las die Tochter der Mutter vor und half ihr, den Alltag zu bewältigen.
Plan der Bundesregierung bis 2026
Etwa 7,5 Millionen funktionale Analphabeten leben schätzungsweise in Deutschland. Die meisten von ihnen lesen oder schreiben immerhin mit Mühe, nur eine Minderheit kann überhaupt nicht lesen oder schreiben. Nicole Pöppel, die beim Projekt Alfa-Mobil arbeitet, nennt eine Reihe von Gründen, die dazu führen können: „Häufige Schulwechsel, ein problematisches Elternhaus, Vernachlässigung, fehlende Unterstützung beim Lesen, die psychische Belastung in der Schule.“
Die Bundesregierung hat es sich bis 2026 zur Aufgabe gemacht, die Alphabetisierung dieser Menschen voranzutreiben. Auch heute noch verlassen Jugendliche die Schule, ohne sicher lesen und schreiben zu können. Nicole Pöppel berichtet von Menschen mit Abitur, die an der Uni feststellen, dass ihr schriftlicher Ausdruck nicht ausreichend ist. „Wenn diese sich zum Beispiel in der Schule auf Mathe oder Naturwissenschaften konzentriert haben.“ Auch sie finden sich in den Kursen, die in ganz Deutschland vor allem in Volkshochschulen angeboten werden.
Tippen statt diktieren!
Pöppel sieht die Gesellschaft in der Verantwortung. „Lernprozesse sind von vielen Faktoren begleitet: von Eltern, Schule, Gesellschaft“, sagt sie. Das Vorlesen spielt nach wissenschaftlichen Untersuchungen eine besondere Rolle. „Dadurch wird das Interesse an Büchern und am eigenen Lesen geweckt“, sagt Pöppel.
Das Leben und Schreiben als Erwachsener zu lernen, erfordert viel Geduld – zunächst einmal, weil die Betroffenen häufig wenig Übung im Lernen haben. Sie müssen sich die Grundvoraussetzungen erst wieder erarbeiten. Neben Ute Holschumacher sitzt an diesem Nachmittag Siegfried Weiland, 56, den sie aus ihrem Volkshochschulkurs kennt. Weiland hatte ebenfalls vor fünf Jahren mit der Alphabetisierung angefangen, aber nach einem Jahr aufgehört. Jetzt muss er neu beginnen und das fällt ihm schwer. Holschumacher spornt ihn an:
„Du sollst keine Sprachnachrichten diktieren, sondern sie selbst tippen.“ Sie nützt jede Gelegenheit zu schreiben und zu lesen. Sie ist froh über die Chance, die sich ihr geboten hat. „Wenn das Alfa-Mobil heute anruft und mich auf Tour mitnimmt, bin ich glücklich“, sagt sie. Noch glücklicher ist sie, dass sie ihren beiden Enkeln heute vorlesen kann. Und sie fährt mit ihnen durch Berlin, wohin immer sie möchte.
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