Wir haben noch keine Erklärung, wie das passieren konnte. Aber wir schauen nicht tatenlos zu. Wenn wir mit solchen barbarischen Handlungen nicht einverstanden sind, müssen wir Gesicht zeigen.
Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Vätergruppe mit gewalttätigen Männern gemacht?
Viele waren tickende Zeitbomben, als sie zu uns kamen. Sie kannten nichts anderes als immer nur stark zu sein. Dann sehen sie bei uns, dass jemand heult wie ein kleines Kind. Da kommt die Erkenntnis, wir sind gar nicht so stark, wie wir angegeben haben. Wir haben auch schwache Seiten. Die Männer lernen damit umzugehen, Gefühle zu zeigen und über ihre Probleme zu reden.
Das kann nicht jeder Mann.
Das ist eine Kettenreaktion: Alle erzählen von ihren Stärken und Schwächen. Warum soll ich mich selbst da zurückhalten?
Ist reden also Ihr Erfolgsrezept gegen Gewalt?
Ja. Die Männer in der Gruppe haben der Gewalt abgeschworen. Sie haben mitbekommen, dass man mit Schlägen nichts erreicht, auch wenn sie selbst so groß geworden sind. Aber wir erreichen längst nicht jeden Familienvater. Bisher gab es keine Angebote.
Werden Migranten wegen der Tat des Orhan S. jetzt stigmatisiert?
Das Thema Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Gewalt kennt keine Ethnie und keine Religion. Sie hat mit Sozialisation und Kindheit zu tun. Wir müssen jetzt rauskriegen, was ist schief gelaufen in der Erziehung dieses jungen Mannes, wo wurden entscheidende Fehler gemacht.
Das Gespräch führte Stefan Strauß.
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