An diesem Abend kocht Laurent nach strengen Regeln. Fleisch und Fisch sind tabu, auch Milch und Eier kommen nicht in die Pfanne. Es ist Donnerstag und an diesem Wochentag wird in der Berliner Volxküche immer vegan gekocht. Es gibt Linsensuppe und „Kovboy Dürüm“. Laurents Brille beschlägt, als er sich über den großen Kessel beugt, um die Zutaten zu verrühren: fünf Kilo Kartoffeln, fünf Riesenzwiebeln, Mais, Bohnen und Paprika. Dazu serviert er Brot und vegane Sour Cream – aus Soja-Joghurt und püriertem Sesam.
Der 26-Jährige kocht für 30 Personen und strenger als er es für sich selbst müsste. Er ist kein Veganer, sondern Lacto-Vegetarier. Auf Käse will er einfach nicht verzichten. Seine Freundin Sandra hingegen meidet sowohl Milchprodukte als auch Eier. Zur Veganerin mache sie das aber noch nicht, sagt die 30-Jährige, die wie Laurent ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sandra isst Honig, und in ihrem Second-Hand-Laden verkauft sie auch Lederjacken. Für strikte Veganer wäre das einabsolutes Tabu.
Es gibt viele Schattierungen in der Welt der Fleischverweigerer. Neben Vegetariern und Veganern gibt es auch Pescetarier, Freeganer oder Frutarier.
Veganes Oktoberfest
Sandra ist eine typische Vegetarierin, wenn man einer Studie der Universität Jena glaubt, für die 4000 vegetarisch und vegan lebende Menschen befragt wurden. Sie ist weiblich, jung, hat studiert und lebt in einer Großstadt. Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch. Der deutsche Vegetarierbund (Vebu) geht von mehr als sechs Millionen Vegetariern in Deutschland aus. Das entspricht etwa sieben Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend. Zudem gelten 65 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer als Teilzeit-Vegetarier. Das ergab eine Forsa-Umfrage. Mehr als die Hälfte der Deutschen – das sind 42 Millionen Menschen – essen an drei oder mehr Tagen in der Woche kein Fleisch. „Tiere sind meine Freunde, und meine Freunde esse ich nicht“, sagte schon der Schriftsteller George Bernard Shaw.
Weltweit soll es eine Milliarde Vegetarier geben, 200 Millionen davon allein in Indien. Dort sind sie so zahlreich, dass McDonald’s vor kurzem ankündigte, bald rein vegetarische Restaurants eröffnen zu wollen. Laut eigenen Angaben betreibt die Fast-Food-Kette, die auch in den letzten Ecken der Welt Hamburger verkauft, in Indien bereits etwa 250 Schnellrestaurants, in denen weder Rind- noch Schweinefleisch verkauft wird. Die Zeiten ändern sich.
„Vegetarisch zu leben ist gar nicht so schwer“, sagt Sandra. Sie ersetzt Fleisch durch Tofu-Steaks oder Seitan-Geschnetzeltes. Das gibt es zwar nicht überall, aber sie fährt alle paar Wochen in einen Vegan-Supermarkt.
„Als Vegetarier kocht man bewusster – und übrigens auch günstiger“, sagt Laurent. Er lebt auch sonst „straight edge“, das heißt, er raucht nicht und verzichtet auf Alkohol. Angeblich zahlt sich das aus. Vegetarier leben nicht nur bewusster, sondern auch allgemein gesünder und länger, wie Studien behaupten. Sie bewegen sich mehr und manche Forscher behaupten gar, sie hätten besseren Sex. Einseitige Ernährung kann jedoch zu einem Mangel an Vitamin B-12 führen.
Prominente Vorbilder
Es gibt viele gute Gründe, sich für ein vegetarisches Leben zu entscheiden – Tierliebe, Protest, Lebensmittelallergien, Abneigung gegen Fleischgeschmack. Laurent und seine Freundin sind vor allem gegen Massentierhaltung und Überfischung. Wenn Laurent über Tiere spricht, redet er immer auch von Wertschätzung und Respekt.
Auch für rund 63 Prozent der Vegetarier wiegen moralischen Gründe am schwersten. Für Weideflächen und Futtermittel wird Regenwald gerodet, die Aufzucht der Tiere verbraucht viel Wasser. Laut einer Studie der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO ist die Nutztierhaltung für ein Fünftel des Treibhauseffektes verantwortlich und klimaschädlicher als der gesamte Verkehrssektor.
Deshalb engagiert sich die Vegetarier-Lobby für fleischfreie Tage. Gemeinsam mit Tierrechtlern und Umweltschützern bildet sie ein weltumspannendes Netzwerk. Bei den Kampagnen machen immer wieder Prominente mit – von „Baywatch“-Star Pamela Anderson über Paul McCartney bis hin zu Katja Riemann, Nina Hagen oder Dirk Bach.
Immer mehr Menschen gehen dafür auch auf die Straße. Erst am Samstag protestierten Hunderte Aktivisten in München gegen den Fleischkonsum auf der traditionellen Wiesn. Ein Oktoberfest feierten Vegetarier in diesem Jahr dennoch. Zur veganen Wiesn kamen etwa 600 Besucher auf den Marienplatz.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de