Verkehr

Gefährlicher Autobahntunnel im Westen Berlins: Er bleibt wohl für immer gesperrt

Die Lüftung ist defekt, Kameras gibt es nicht: Der Schlangenbader Tunnel hat Sicherheitsmängel. Nun wird immer klarer, dass dort nie wieder Autos fahren werden.

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Keine Einfahrt, nirgends. Seit dem 20. April 2023 sind die Einfahrten zum Tunnel Schlangenbader Straße im Verlauf der ehemaligen A104 gesperrt. Das wird wahrscheinlich für immer so bleiben.

Keine Einfahrt, nirgends. Seit dem 20. April 2023 sind die Einfahrten zum Tunnel Schlangenbader Straße im Verlauf der ehemaligen A104 gesperrt. Das wird wahrscheinlich für immer so bleiben.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Für Autofahrer und Anwohner kam die Sperrung völlig überraschend – für andere dagegen nicht. Seit dem 20. April ist der Schlangenbader Tunnel im Westen der Stadt aus Sicherheitsgründen nicht mehr befahrbar. Als eine ihrer letzten Amtshandlungen verfügte die damalige Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne), dass an den Einfahrten Barrieren aufgestellt werden. Bislang war unklar, wie lange der Autobahnabschnitt an der Grenze zwischen Wilmersdorf und Dahlem gesperrt bleibt. Doch jetzt zeichnet sich immer deutlicher ab, dass dort nie wieder Autos fahren werden.

Die inzwischen von der Christdemokratin Manja Schreiner geleitete Senatsverwaltung prüft weiterhin, was mit dem Teilstück geschehen sollte. Das teilte die neue Verkehrsstaatssekretärin Claudia Stutz dem AfD-Abgeordneten Rolf Wiedenhaupt auf Anfrage mit. „Demnach soll als Vorzugsvariante untersucht werden, ob die Tunnelanlage dauerhaft geschlossen bleiben kann“, so die CDU-Politikerin in der parlamentarischen Drucksache, die nun vorliegt. So klar hatte sich der Senat bisher nicht geäußert.

Ein Gutachten hat im vergangenen Jahr bestätigt, dass sich das Bauwerk in einem ernsten Zustand befindet. Nachdem die Feuerwehr bei einer Übung Anfang Juli Sicherheitsmängel festgestellt hatte, gab die Verwaltung im Oktober eine umfangreiche Überprüfung in Auftrag, die verheerende Ergebnisse erbrachte. Nach deren Auswertung verfügte die Senatorin die umgehende Sperrung.

Seit 2006 ist dem Berliner Senat bekannt, dass Handlungsbedarf besteht

„Die Ausrüstung des 1980 dem Verkehr übergebenen Tunnels hat Ausstattungsdefizite, die durch Ausfälle der vorhandenen Ausrüstung verstärkt werden“, so Staatssekretärin Stutz. So gebe es im Tunnel keine Notruftelefone, geht aus der beigefügten Aufzählung hervor. Die Anlage verfüge auch nicht über Lautsprecher, die im Notfall Informationen übermitteln könnten, und Kameras. Zudem seien die Leuchten, die auf Fluchttüren hinweisen, schlecht sichtbar, hieß es weiter. Auch hätten die Türen keine LED-Umrandung, die bei starkem Rauch hilfreich sein kann. Hinzu kommt, dass die Lüftung defekt ist. Das bedeutet für Einsatzkräfte bei Rauch ein großes Risiko.

Als noch Autos durch den Schlangenbader Tunnel fuhren. Einst galt die Anlage mit der Wohnhausüberbauung als Sinnbild der Modernität. Heute ist sie technisch veraltet.

Als noch Autos durch den Schlangenbader Tunnel fuhren. Einst galt die Anlage mit der Wohnhausüberbauung als Sinnbild der Modernität. Heute ist sie technisch veraltet.

© Picture Alliance/Bildagentur online-Joko

Dass im Schlangenbader Tunnel Handlungsbedarf besteht, ist dem Senat spätestens seit 2006 bekannt. In jenem Jahr trat die Richtlinie für die Ausstattung und den Betrieb von Tunnelanlagen in Deutschland in Kraft, die heute noch gilt. Deren Anforderungen genügte der Tunnel damals schon nicht, machte die Senatspolitikerin deutlich. Die Senatsverwaltung bereitete deshalb ein Projekt für die notwendige grundhafte Instandhaltung des Tunnels vor.

Doch die Planungen wurden 2016 ausgesetzt, teilte Claudia Stutz mit. Grund war, dass der Senat erst prüfen wollte, was mit der Autobahnüberführung am Breitenbachplatz geschieht. Die umstrittene Brücke und der Tunnel, die beide dem inzwischen überholten Ideal der autogerechten Stadt entsprechen, liegen nicht weit voneinander entfernt. Inzwischen hat die Verwaltung entschieden, dass die Brücke „zurückgebaut“, also abgerissen werden soll. Als möglich wurde auch eine Variante bewertet, die außerdem die „Schließung der übergeordneten Verkehrsverbindung durch den Tunnel Schlangenbader Straße vorsieht“, heißt es in einer früheren parlamentarischen Drucksache, die das Datum 26. April trägt. Auf sie bezieht sich die neue Verkehrsstaatssekretärin.

Schon damals hieß es, dass im Tunnel „diverse sicherheitstechnische Mängel“ identifiziert wurden, so der Senat. Weil Notrufeinrichtungen fehlten, Lüftungsanlagen nicht vorhanden oder defekt seien, hätten die Nutzer im Notfall keine Möglichkeiten, sich selbst zu retten. Verkehrsorganisatorische Maßnahmen wie ein Lkw-Verbot würden nicht ausreichen, um den Tunnel sicher weiterhin betreiben zu können. Der Tunnelsicherheitsbeauftragte habe gefordert, die Anlage solange außer Betrieb zu nehmen, bis die gravierendsten Mängel beseitigt worden sind, hieß es weiter. Doch schon eine provisorische Lösung würde mindestens 15 Millionen Euro kosten – deutlich mehr als die jährlichen Betriebskosten, die zuletzt 100.000 Euro im Jahr betrugen.

Schlangenbader Tunnel: Im Zeichen der autogerechten Stadt

Die drei Kilometer lange Schnellstraßenverbindung vom früheren Kreuz Wilmersdorf nach Steglitz entstand Anfang der 1970er-Jahre. Sie hieß lange A104, wurde 2006 zu einer Straße 1. Ordnung mit Autobahncharakter herabgestuft und gilt seitdem als Ast der A100. 1976 bis 1981 wurde die Straße unweit der Schlangenbader Straße mit einem Wohnhaus überbaut. Das rund 600 Meter lange Gebäude, das mit dem Tunnel baulich nicht verbunden ist, steht seit 2017 unter Denkmalschutz.

Nach der Tunnelsperrung beschwerten sich Anwohner über Durchgangsverkehr in ihren Vierteln. Um den gesperrten Abschnitt zu umfahren, suchten sich Autofahrer andere Wege. Inzwischen hat sich der Verkehr anders verteilt. Trotzdem gibt es weiterhin Kritik. „Die grüne Anti-Auto-Politik geht offenbar auch mit dem schwarz-roten Senat weiter“, so der AfD-Abgeordnete Wiedenhaupt. „Opfer sind die Anlieger rund um Breitenbachplatz und Schlangenbader Straße, durch deren Wohnstraßen sich der Durchgangsverkehr wohl dauerhaft quälen wird.“

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