Gasag-Chef Stefan Grützmacher sieht die Versorgungssicherheit Berlins durch den Konflikt mit Russland nicht gefährdet. Der 49-Jährige will das seit 1999 privatisierte Unternehmen als Energiedienstleister ausbauen.
Herr Grützmacher, aus aktuellem Anlass: Wie viel Gas bekommt Berlin aus Russland geliefert?
Das kann man so generell leider nicht beantworten. Wir kaufen das Gas ja nicht direkt dort, sondern von großen europäischen Händlern an der Börse in Deutschland. Wir können aber davon ausgehen, dass ein gehöriger Teil des Berliner Gases aus Russland kommt. In Deutschland waren es 2013 knapp 40 Prozent aller Lieferungen. Ein Viertel des deutschen Gases kommt aktuell aus den Niederlanden, ein Fünftel aus Norwegen.
Sehen Sie ein Risiko, dass Russland wegen des Krim-Konflikts dem Westen den Hahn zudreht?
Nein, die Russen wollen ihr Gas ja verkaufen. Da gab es nicht einmal im Kalten Krieg eine Pause.
Dennoch: Was wäre in Berlin los, wenn Russland nicht mehr lieferte?
Berlin erginge es dann nicht anders als Deutschland insgesamt. Die Speicher sind durch den milden Winter noch etwa zur Hälfte gefüllt, unser Erdgasspeicher in Berlin derzeit zu 40 Prozent. Wir füllen ihn gerade wieder auf.
Wie lange reicht der Speicher?
Voll reicht er für eine Heizperiode, das heißt, bis zum nächsten Frühjahr. Auch mit unseren 40 Prozent Befüllung kämen wir also in den nächsten Monaten nicht in Schwierigkeiten, denn die kalte Jahreszeit ist ja vorbei. Nur wenn wir bis zum Winter die Speicher nicht auffüllen können, wäre die Situation eine andere. Dann würde es irgendwann kritisch, und wir müssten das Gas woanders kaufen. Aber das sind jetzt wirklich sehr viele Wenns.
Anfang April reichen Sie beim Land Ihr Angebot für die Gasnetz-Konzession ein – wie Ihre Konkurrenz, also das Land selbst und die niederländische Alliander AG. Die Konzession ist die Erlaubnis, in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren das Berliner Netz zu betreiben. Wie wichtig ist das für Sie?
Natürlich sehr wichtig. Aus dem Netz, das uns gehört, kommt ein erheblicher Teil unserer Erträge: mehr als die Hälfte des Gewinns der Gasag-Gruppe.
Was also passiert mit der Gasag, wenn Sie bei der Ausschreibung nicht den Zuschlag erhalten?
Es gibt in dem Verfahren ja auch noch die Möglichkeit, mit dem Land gemeinsam das Netz zu betreiben. Auch das wäre für uns sehr interessant, deswegen bewerben uns selbstverständlich auch für diese Option. Zunächst einmal sind wir aber der Meinung, dass wir nachweislich der beste Netzbetreiber für Berlin sind – und es daher auch bleiben sollten.
Diese Meinung verwundert nicht. Ihre Wettbewerber sprechen ja ähnlich von ihren Unternehmen.
Das glaube ich. Aber wir betreiben das Gasgeschäft in Berlin nun seit fast 170 Jahren, und zwar nach allen Regeln der Technik. Das hat uns die Bundesnetzagentur schon mehrfach bescheinigt. Wir behaupten nicht nur, dass wir das Netz einer Metropole betreiben können, wir zeigen es tagtäglich. Andere Versorger mögen mehr Kunden haben, aber eine Stadt wie Berlin, mit 3,5 Millionen Einwohnern, versorgt niemand sonst in Europa mit Gas.
Auch nicht in Holland, wo Alliander, Ihr größter Konkurrent, rund sechs Millionen Kunden hat?
Entscheidend für diese Versorgungsaufgabe sind die Komplexität und die Größe des Netzes. Dass Amsterdam 800 000 Einwohner hat, Berlin aber mehr als viermal so viel, das kann man ja überall nachlesen.
Zurück zur Frage: Was wäre die Gasag ohne eigenes Netz?
Wir wären ein Anbieter unter anderen, allerdings der mit den meisten Kunden. Für das Netz, das wir dann abgeben müssten, bekämen wir Geld, unserer Berechnung wären das eine bis 1,5 Milliarden Euro. Es wäre zu überlegen, was wir damit tun würden.
Diese Überlegung stellen sicher auch Ihre Eigentümer an: Vattenfall, Eon und GdF Suez brauchen alle Kapital, um die Energiewende zu finanzieren.
Es gibt viele gute Ideen, über die dann zu reden wäre.
Was wäre Ihre Idee? Das Gasgeschäft wird ja nicht besser.
Unabhängig von der Konzession gilt: Das Gasgeschäft wird tendenziell schrumpfen. Aber zum Glück planbar, nämlich um rund ein bis zwei Prozent pro Jahr. Das hängt mit der Sanierungsrate der Häuser zusammen. Gas ist vor allem Wärmegeschäft: Je besser also die Energiebilanz der Gebäude, desto kleiner wird unser Absatz. Wir wissen daher jetzt schon, dass wir in den nächsten 30 bis 40 Jahren um die 50 bis 60 Prozent unseres Absatzes verlieren. Wir werden das aber nicht einfach abwarten, sondern wollen die Energiewende in der Stadt aktiv mitgestalten. Schließlich verursacht Wärme nicht nur die höchsten Betriebskosten, sondern auch die meisten CO2-Emissionen.
Was tun Sie?
Wir wollen der wichtigste Energie-Manager für Berlin und Brandenburg werden und sind schon dabei. Mit Beratung, mit Planung, mit dem Bau und mit dem Betrieb von Anlagen, und zwar vom Einzelgebäude, dessen Heizung modernisiert werden soll, bis zur Versorgung ganzer neuer Wohnquartiere oder Gewerbegebiete. In Berlin gibt es da viel zu tun, denken Sie nur an die Pläne für Tempelhof.
Ihr neues Geschäft besteht also darin, das alte Geschäft kaputt zu machen?
Nein, wir verbreitern und vertiefen unsere Handlungsfelder: Wir wollen in Zukunft nicht nur Gas und Strom liefern, sondern auch ganzheitliche Energiesysteme vermarkten. Wir tun das heute schon, etwa auf dem EUREF-Campus, im Ullstein-Haus, in Marienfelde, in der O2 -World.
Seit Kurzem verkauft die private Gasag auch Öko-Strom und stellt sich damit auf wie ein Berliner Stadtwerk. Dabei plant das Land ein eigenes Öko-Stadtwerk unter dem Dach der Wasserbetriebe. Sind da Kooperationen denkbar?
Wir sind sehr offen für eine Zusammenarbeit mit einem kommunalen Stadtwerk. Wir haben den Vorteil, dass vieles von dem, was ein Stadtwerk ausmacht, bereits unser Geschäft ist. Ich will nicht soweit gehen und sagen, wir sind das Stadtwerk. Aber wir wären in jedem Fall ein guter Partner für Berlin.
Das Gespräch führte Jan Thomsen.
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