Vier Wochen noch. Vier Wochen Zeit, um die Ergebnisse von gestern zu analysieren, zu interpretieren, in den Dienst der eigenen Sache zu stellen. Klar, dass die Sozialdemokraten lauthals die Trendwende beschwören: Zwei Ministerpräsidenten der CDU, Dieter Althaus und Peter Müller, haben ihre absolute Mehrheit verloren. Und wie! Althaus ist geradezu untergegangen. Mit wem soll er eigentlich künftig noch regieren? Und die SPD hat doch noch eine Machtperspektive, jedenfalls zusammen mit der Linken und den Grünen. Siehe Saarland. Endlich einmal sacken die roten Balken an einem Wahlabend nicht immer noch tiefer in den Keller. An der kommunalen Basis der Partei, vor allem in Nordrhein-Westfalen, keimt gar die Hoffnung auf ein Comeback. Das hilft. Es muss den eigenen Leuten nicht mehr peinlich sein, bis zum 27. September ihnen unbekannte Menschen auf der Straße mit Luftballons, Kugelschreibern und ein paar Argumenten zu versorgen. Also: Es geht doch noch los in diesem bisher so müden Wahlkampf. Jetzt muss die Merkel sich aber warm anziehen!Keine Panik, tönt es dagegen aus dem Lager der Kanzlerin. Der Verlust der absoluten Mehrheiten in Thüringen und im Saarland war einkalkuliert, nur außergewöhnliche Umstände - Hartz IV, die Endzeit von Rot-Grün - haben beim letzten Mal zur Alleinregierung geführt. Schwarz-Gelb, die Wunsch-Konstellation für den Bund, ist machbar, das Beispiel Sachsen zeigt es. Dort haben Steinmeier und Müntefering schon wieder ein Debakel erlebt, in Thüringen übrigens auch. Und sowieso ist ganz klar: Wenn die SPD die Union von der Macht ablösen will, egal ob an der Saar oder sonst wo, braucht sie dazu die Linke, also die Kommunisten, die SED-Nachfolger, die Partei des Mauerbaus ... Es geht schließlich im Wahlkampf nicht zuletzt um die rhetorische Hoheit auf den Marktplätzen und in den Medien.So reden die Wahlkämpfer. Aber wer geht aus dem gestrigen Sonntag wirklich gestärkt hervor? Die Antwort liegt auf der Hand: weder Merkel noch Steinmeier. Die CDU hat in zwei von drei Bundesländern verloren, die SPD hat bestenfalls in einem gewonnen, nämlich im Saarland. In Thüringen ist die Linke deutlich stärker als die SPD, die deshalb keinerlei Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten erheben kann. Eine Koalition unter Führung der Linken hat sie vorher ausgeschlossen. Wortbruch kommt nicht in Frage, nicht mehr nach Hessen und Ypsilanti. Bleibt die Rolle des Juniorpartners von Althaus. Das ist so ziemlich das Letzte, was die Sozialdemokraten wollten. Es wäre eine klassische Koalition der Verlierer.Für die Bundestagswahl sagen die Ergebnisse von gestern immerhin so viel: Es wird knapp, weil die Linke stärker zu sein scheint als sie zuletzt in den Umfragen war. Natürlich spricht immer noch fast alles dafür, dass die Kanzlerin der Republik auch in den kommenden vier Jahren Angela Merkel heißen wird. Die Union ist in Ost und West deutlich stärker als die SPD. Die FDP, ihr Wunsch-Koalitionspartner, eilt von Erfolg zu Erfolg. Es könnte also reichen für Schwarz-Gelb. Immer noch. Es könnte, aber nichts ist sicher. Nicht einmal dort, wo die Union zuvor eine absolute Mehrheit hatte.Wenn es nicht reicht, ist Steinmeier allerdings noch lange nicht Kanzler. Die Machtperspektive mit der Linken, die einzige für die SPD realistische, hat er ausgeschlossen. Er wird dabei bleiben. Die einzige mögliche Regierung mit einem Kanzler Steinmeier ist also die Ampelkoalition: SPD, Grüne, FDP. In keinem der drei Länder, in denen gestern gewählt wurde, steht sie ernsthaft zur Debatte. Guido Westerwelle, der Chef der Liberalen, will genau diese Koalition nicht, jedenfalls am allerwenigsten. Dann schon lieber, wenn es denn sein muss, das Jamaika-Bündnis mit Union und Grünen. Mit Merkel, ohne Steinmeier. Wenn es mit der Ampel nichts wird, wegen der FDP, wenn Jamaika nicht die Farbkombination der Zukunft ist, weil die Grünen das nicht wollen - dann bleibt: die große Koalition. Mit Merkel. Und Steinmeier.Die verbleibenden vier Wochen sind zu wenig Zeit, um die politische Lage im Lande noch einmal grundlegend zu ändern. Die SPD hat die letzte Gelegenheit verpasst, noch einmal für alle sichtbar durchzustarten. Dazu sind die Ergebnisse von gestern zu differenziert. Der Wahltag hat immerhin gezeigt, dass langfristig eine Verschiebung der Machtverhältnisse nach links möglich, wenn nicht wahrscheinlich ist. Sobald die SPD mit sich im Reinen darüber ist, dass die Linke prinzipiell ein Koalitionspartner sein kann, auch im Westen, auch im Bund, wird sie wieder mehrheitsfähig sein. Vorher nicht. Im Sommer 2009 ist es noch nicht soweit. Aber wir erleben gerade den letzten Bundestagswahlkampf, in dem die Sozialdemokraten ihren eigenen Spielraum derart beschneiden. Diesen Fehler werden sie nicht noch einmal machen. Bisher haben sie Angst gehabt vor der Kampagne der Union gegen Rot-Rot. Angst ist auch im Wahlkampf ein schlechter Ratgeber. Wer Angst hat, hat schon verloren.------------------------------Der Wahltag hat immerhin gezeigt, dass langfristig eine Verschiebung der Machtverhältnisse nach links möglich, wenn nicht wahrscheinlich ist.
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