Mancherorts reibt man sich gerade die Hände. Viel zu lange habe es denen gedauert bis zu diesem Moment. Viel zu lange auch haben die einen über ihre Verhältnisse gelebt, und zwar deutlich. Auf so etwas wie Normalmaß seien sie gestutzt, die Aufmüpfigen, Widerborstigen, auch manchmal Neunmalklugen. Die Alte Försterei und eine Festung? Vorbei! Der Weg des 1. FC Union Berlin führe immer nur nach oben? Träum weiter! Auf Dauer im oberen Tabellendrittel festsetzen? Lächerlich! Dem Establishment den Marsch blasen? Wie witzig! Beweisen, dass Fußballromantik eine Zukunft habe? Kein Stück! Ihre Defensive sei eine der stabilsten im Land?
Ach komm …
Häme hinter vorgehaltener Hand
Mit dieser Häme, meist nur hinter vorgehaltener Hand geäußert, müssen sie in Köpenick gerade leben. Geschieht ihnen ganz recht, so hier und da der Tenor. Was haben sie, zumal in Europas Königsklasse, auch international zu suchen? Sollen sie froh sein, überhaupt in der Bundesliga gelitten zu sein, im fünften Jahr nun schon.
1. FC Union Berlin: Ex-Stürmer Cedric Teuchert blüht in der 2. Bundesliga auf
Der Augenblick ist für die Eisernen gerade nicht schön, zugegeben. Drei Niederlagen in Folge in der Bundesliga und zwischendurch eine vierte in der Champions League sind nicht das, wovon ein Verein träumt. Ein einziges Tor nur haben sie erzielt in diesen sechs Stunden, aber acht gefangen, ein entscheidendes davon in der Nachspielzeit. Das müssen sie erst einmal verdauen nach all dem Lob, das ihnen zugeflogen ist. Seit über zwei Jahren, seit genau 70 Spieltagen, sind sie wieder auf einen zweistelligen Tabellenplatz abgerutscht. Das ist alles andere als schlimm, aber eben ungewohnt.
Diesen Einbruch, wenn es überhaupt einer ist, haben andere schon viel früher erwartet. Ist ja auch irgendwie logisch. Deshalb kann von Alarmstimmung (noch) keine Rede sein. Dass dennoch jemand Alarm schlägt, der Trainer nämlich, ist trotzdem richtig und normal. Keine Basics habe seine Mannschaft in der ersten Halbzeit beim 0:2 zuletzt gegen Hoffenheim gehabt, sagte Urs Fischer. Was aber sind Basics auf dem Niveau eines Teams, das in Europa spielt? Gehört das Stoppen des Balls noch dazu? Dessen Weiterspielen auch? Müssen die rot-weißen Profis neu lernen, sich freizulaufen und zu decken? Darum kann es nicht gehen. Das ist das, was täglich auf dem Trainingsplatz passiert und was jedem in Fleisch und Blut übergegangen ist. Gerade weil hier die Grundlagen in einer deutlich höheren Schublade liegen als bei Bezirksligist Grünauer BC oder bei Landesligist Polar Pinguin.
Keine Frische und kein Esprit: Der 1. FC Union Berlin enttäuscht seinen Trainer
Manchmal sind es tatsächlich nur die winzigen Momente, die sprichwörtlichen Details, die die Stimmung versauen, sich aber möglicherweise zu einer Spirale ausweiten. Ein Beispiel nur: Maximilian Beier, der 20-jährige Angreifer der Hoffenheimer und nunmehr mit vier Saisontoren auf einer Stufe mit Kevin Behrens, zirkelt den Ball bei seinem Treffer zum 2:0 gerade so ins linke untere Eck. Mit einem nur um ein Haar kleineren großen Onkel wäre er nicht einmal an das Zuspiel von Grischa Prömel gekommen. Später hat es Behrens aus der Distanz versucht, als das TSG-Tor ziemlich leer war. Nur ging der Ball knapp links vorbei.
Oft entscheiden nur Winzigkeiten über Anstoß oder Abstoß
Das mag am Können liegen, manchmal aber ist es auch Glück oder eben Pech. Mit 68 Metern Breite ist die Spielfläche des Stadions an der Alten Försterei angegeben. Das eine Mal geht der Ball 20 Zentimeter rechts vom linken Pfosten ins Tor, das andere Mal 20 Zentimeter links davon ins Aus. Das macht mit dem Alu einen Unterschied von einem halben Meter oder auf die gesamte Breite einen von 0,7 Prozent und etwas Kleinem dahinter. Das ist, schräger Vergleich, nicht einmal ein Zehntel der in Deutschland seit zwei Jahren üblichen Inflationsrate. Trotzdem entscheidet diese Winzigkeit oft über Anstoß oder Abstoß.
Die Rot-Weißen sind etwas aus der Spur. Das kommt vor. Ihre Leichtigkeit hat gelitten. Auch das passiert. Ihr Selbstverständnis ist angekratzt. Das kennen andere auch. Deshalb, Jungs: Durchatmen, neu sortieren, breite Brust zeigen und den Kopf frei kriegen, dann habt ihr den nächsten Dreier bald wieder vor euren Füßen.
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