Vögel

Der Spatz mag Berlins Unordnung

Meist flattern und hüpfen sie herum, ohne dass man Notiz von ihnen nimmt. Im Winter allerdings entdecken viele Menschen ihr Herz für die Vögel und beginnen sie zu füttern. Forscher haben nun festgestellt, dass das nicht nur positive Folgen hat.

Kerstin Viering
6 Min
Spatzenfreundliche Städte dürfen nicht zu aufgeräumt sein.

Spatzenfreundliche Städte dürfen nicht zu aufgeräumt sein.

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Schon morgens beginnt der Flugverkehr. Lärmende Spatzen, akrobatische Meisen, stoisch pickende Amseln – eine ganze Reihe von Vögeln lässt sich das Angebot an den zahlreichen Futterhäuschen derzeit nicht entgehen. All das Geflatter gibt vielen Menschen das Gefühl, den Tieren etwas Gutes getan, vielleicht sogar einen Beitrag zum Artenschutz geleistet zu haben. Aber stimmt das eigentlich?

„Das Futter kann manchen Vögeln durchaus über den Winter helfen und ihre Überlebenschancen verbessern“, sagt Andreas von Lindeiner, Artenschutzreferent beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) im bayerischen Hilpoltstein. So können die Tiere im Frühling relativ gut genährt und fit mit dem Brutgeschäft beginnen. Ob sich das auch in einem verbesserten Bruterfolg niederschlägt? Es gibt bisher nur wenige Studien, die diesen Zusammenhang untersucht haben. Die meisten davon stammen aus Großbritannien, wo das Vogelfüttern eine lange Tradition hat und bis heute äußerst beliebt ist.

Mehr Erfolg im Nest

So haben Stuart Bearhop von der University of Exeter und seine Kollegen Blaumeisen in nordirischen Waldgebieten einen Winter lang mit Erdnüssen gefüttert. Artgenossen in ähnlichen Lebensräumen mussten die kalte Jahreszeit dagegen ohne diese Unterstützung bewältigen. Im folgenden Frühjahr zeigte ein Blick in die Nester dann deutliche Unterschiede: Im Durchschnitt legten die gefütterten Meisen ihre Eier zweieinhalb Tage früher und brachten ein Küken pro Nest mehr durch als ihre auf sich allein gestellten Artgenossen. Und das, obwohl die Forscher die Erdnuss-Rationen schon sechs Wochen vor der Brutzeit komplett gestrichen hatten.

Möglicherweise waren die gefütterten Eltern in besserem körperlichen Zustand und konnten sich daher intensiver um den Nachwuchs kümmern, sodass mehr Küken überlebten. Vielleicht waren die wohlgenährten Meisen-Mütter auch besser mit Vitamin E und anderen Mikronährstoffen versorgt und konnten diese in größeren Mengen in ihren Eiern deponieren.

Ein ganz anderes Bild zeigt dagegen eine Studie aus dem vergangenen Jahr, an der Stuart Bearhop ebenfalls mitgearbeitet hat. Über mehrere Jahre haben er und seine Kollegen die Auswirkungen der Winterfütterung in Waldgebieten in Cornwall untersucht. Ein Teil der dortigen Blaumeisen bekam fettreiches Futter, eine weitere Gruppe solches, das zusätzlich große Mengen Vitamin E enthielt. Die übrigen Tiere mussten sich mit dem natürlichen Nahrungsangebot ihres Lebensraumes zufriedengeben. Wieder machte sich der unterschiedliche Speiseplan später im Nest bemerkbar. Diesmal war allerdings der Nachwuchs der gefütterten Eltern klar im Nachteil. Diese Küken waren nicht nur kleiner und leichter, sie hatten auch schlechtere Überlebenschancen. Meisenpaare, die Futterspenden bekommen hatten, brachten im Durchschnitt acht Prozent weniger Küken durch – egal, ob ihre Nahrung zusätzliches Vitamin E enthielt oder nicht.

Die Forscher sehen mindestens drei mögliche Erklärungen für diesen Befund. So könnten durch die Fütterung mehr Vögel mit Fitnessproblemen den Winter überlebt haben. Deren Kräfte reichten dann vielleicht nur für eine kleinere Kükenschar. Oder die angehenden Eltern haben sich durch die üppige Versorgung in der kalten Jahreszeit täuschen lassen und zu viel Nachwuchs in die Welt gesetzt – um dann nach dem Ende der Fütterung festzustellen, dass ihr Lebensraum nicht genug natürliche Nahrung für so viele hungrige Schnäbel hergab.

Fütterung nicht zwangsläufig schädlich

Möglicherweise spielt auch die Zusammensetzung der Nährstoffe im Futter eine Rolle. So ist Fett zwar ein hervorragender Energielieferant. Die britischen Forscher haben allerdings den Verdacht, dass sich eine unausgewogene, zu fettreiche Ernährung ungünstig auf den Fortpflanzungserfolg auswirkt. Das könnte auch erklären, warum die Meisen bei dem Experiment in Nordirland von der Fütterung profitierten: Die dort verwendeten Erdnüsse sind vielleicht einfach gesünder als die Klumpen aus beinahe reinem Pflanzenfett mit und ohne Vitamin-E-Zusatz, die ihre Artgenossen in Cornwall verspeisten. Um das alles genauer einschätzen zu können, müsse man die Auswirkungen der Winterfütterung noch genauer untersuchen: „Es wäre voreilig, aus unseren Ergebnissen zu schließen, dass eine Fütterung Wildvögeln generell schadet“, schreiben die Forscher im Fachjournal Scientific Reports.

Vogelschutzorganisationen wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) oder der LBV sind daher auch nicht grundsätzlich gegen das winterliche Vogelfüttern. „Einen großen Beitrag zum Artenschutz können Winterfütterungen aber nicht leisten“, sagt von Lindeiner. Denn die typischen Futterhausbesucher sind meist nicht diejenigen Arten, um deren Zukunft sich Naturschützer die größten Sorgen machen. Kohl- und Blaumeisen, Amseln, Rotkehlchen, Buch- und Grünfinken, Buntspechte – sie alle sind in Deutschland nicht bedroht, manche Bestände nehmen sogar zu.

Etwas anders liegt der Fall beim Haussperling. Der ist zwar auch ein begeisterter Futterhausbesucher, doch die nahrhafte Unterstützung hat ihm wenig genützt: In vielen Regionen Mitteleuropas sind die Spatzenbestände in den letzten Jahrzehnten deutlich geschrumpft. Das liegt unter anderem daran, dass sanierte Gebäude nur noch wenige Brutplätze in Nischen und Hohlräumen bieten. Und wenn die Tiere ein Sandbad gegen lästige Parasiten nehmen wollen, suchen sie oft vergeblich nach einer Gelegenheit.

Von Lindeiner hat noch heute die Szene vor Augen, die er vor ein paar Jahren in Berlin beobachtet hat. Auf einer kleinen Sandfläche neben dem Deutschen Dom war eine Art Massenbad für Spatzen entstanden, eine Kuhle neben der anderen zeugte von den Aktivitäten der geflügelten Gäste. „Das war sehr beeindruckend, weil es so etwas in Hamburg oder München überhaupt nicht mehr gibt“, erinnert sich der Ornithologe. Spatzenfreundliche Städte dürfen eben nicht zu aufgeräumt sein. Sonst hilft auch die beste Winterfütterung nichts.

An den meisten anderen Vögeln geht das Angebot der Futterstellen in Gärten und auf Balkons völlig vorbei. Von den mehr als 200 in Deutschland lebenden Arten tauchen vielleicht 15 regelmäßig an Futterstellen auf. Die übrigen sind zu scheu, leben zu weit von Städten und Dörfern entfernt oder haben spezielle Ansprüche an ihre Nahrung. Viel wichtiger für den Vogelschutz sei eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, die den Tieren auch ein besseres Nahrungsangebot biete. Lassen Landwirte zum Beispiel am Rand ihrer Äcker einen Streifen Wildkräuter stehen, siedelt sich darin oft eine große Palette von Insekten an. Und für die finden sich dann zahlreiche gefiederte Interessenten.

Auch Gartenbesitzer können einiges tun. Zum Beispiel auf eine abwechslungsreiche Bepflanzung mit einheimischen Gewächsen achten. Besonders Sträucher mit Beeren und die Samenstände von Stauden und Gräsern sind im Winter beliebte Vogelrestaurants. Und wer im Herbst Laub auf den Beeten liegen lässt, bietet vielen Insekten und damit potenziellen Vogelleckerbissen einen Unterschlupf. „Mit solchen einfachen Maßnahmen lässt sich schon viel erreichen“, betont Andreas von Lindeiner. Wahrscheinlich mehr als mit Meisenknödeln.

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