Nicolas zum Beispiel. Er trägt Smoking, trinkt seinen Whisky und knipst mit der Fernbedienung Mozarts "Requiem" an. Und er quält Victor. In einem Nebensatz erfährt man, dass ihm die Hoden abgeschnitten wurden. Er geht entsprechend. Sonst greint und winselt er. Der wichtigste Satz lautet: "Bring mich um".Nicolas ist ein Sadist, ein Liebesbedürftiger, ein Folterer, ein Gelangweilter, ein Herzloser, ein Verlassener. Nicolas ist ein Mensch. Was ist mit den Menschen los? Harold Pinters 1984 uraufgeführtes Drama "One für the Road - Noch einen Letzten" greift hoch hinaus. Beziehungsweise tief hinunter. Es ist eine Parabel über die Schlechtigkeit des Menschen. Nicolas' Untaten werden nicht erklärt, allenfalls gibt es vorsichtige Hinweise. Er ist ein Staatsdiener, Victor ein Intellektueller. In einem Nebenraum wird Victors Frau Gila vergewaltigt und erniedrigt. Das siebenjährige Kind der Beiden taucht kurz auf und scheint später getötet zu sein. Psychologische Begründungen, politisch-konkrete Kontexte - Fehlanzeige.So viel zum Stück. Jetzt zur Inszenierung von Volker Hesse. Er lässt im Foyer des Maxim Gorki Theater spielen. Im Treppenaufgang ein Sessel, die wenigen Zuschauer sitzen vor der Garderobe auf weißverhangenen Stühlen und Sofas. Man macht es sich gemütlich und wird vom Schrecken überrollt. Dass die Figuren in Abendgarderobe stecken, Nicolas mit frischem Obst Gila malträtiert bis sich ein süßlich-fruchtiger Geruch verbreitet, einmal auch Feuerschalen aufgestellt werden: Regiesetzungen zur Vergrößerung der Fallhöhe. Das Grauen durchstößt hier die dünne Zivilisationshülle noch ein bisschen deutlicher als bei Pinter. Hesse inszeniert so, dass jede Szene doppelt unterstrichen wirkt. Michael Wenninger als Nicolas und Prodomos Antoniades als Victor spielen die Unerklärlichkeit des Geschehens in betonter Unerklärlichkeit. Nicolas schreit, er verstellt die Stimme. Wenn er "ficken" sagt, kichert er, mit Gila (Rosa Enskat) verschwindet er auf dem Damenklo. In den starken Momenten des Abends schreibt sich so das Unbegreifliche in jede Körperfaser ein. Es gibt leider auch die anderen, wo psychologisch ausgespielt wird, was der Text verschweigen will.Volker Hesse war fünf Jahre Intendant am Gorki. Jetzt hört er auf. Mit einer letzten Inszenierung, die nicht seine schlechteste ist. Dass er seinen eigenen Abschied an ein Stück koppelt, das vom Letzten spricht und mit seiner Großthematik jede Ironie unterbindet, ist eine provokante Gradwanderung. Oder einfach nur geschmacklos.
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