Vollbeschäftigung sieht der Chef der Arbeitsagentur in Deutschland nicht nahen - trotz bester Zahlen

Vorsicht auf der Schnellstraße

Daniel Baumann
4 Min

Berlin Diesmal musste der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, die Bekanntgabe der Arbeitsmarktdaten der Regierung überlassen. Bereits am Mittwoch hatte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mitgeteilt, dass die Zahl der Arbeitslosen unter die Drei-Millionen-Grenze gefallen sei. Weise blieb es überlassen, diese Zahl einzuordnen - und auf die Euphoriebremse zu drücken. Wenn Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) Deutschland auf der Schnellstraße zur Vollbeschäftigung sehe, dann könne er ihm nur empfehlen, vorsichtig zu fahren, sagte Weise.Allerdings ist auch der BA-Chef Optimist. Vorausgesetzt die guten Konjunkturprognosen treffen ein, werde sich der Arbeitsmarkt auch 2011 positiv entwickeln. Dann sei es möglich, dass im kommenden Oktober sogar die Grenze von 2,7 Millionen Arbeitslosen unterschritten werde. Die Wurzeln des Arbeitsmarkterfolges sieht Weise wie viele andere Experten in den Reformen der rot-grünen Regierungszeit bis 2005. "Das waren Entwicklungen, die den heutigen Erfolg treiben", sagte Weise.Anteil der Inaktiven schrumpftNicht nur die Arbeitslosigkeit liegt auf niedrigem Niveau, auch die Zahl der Menschen in Arbeit ist so hoch wie nie. Im September hatten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 40,9 Millionen Menschen einen Job. Die Art der Beschäftigung hat sich seit der Wende allerdings deutlich verändert, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit belegt. Demnach ist der Anteil der unbefristet in Vollzeit Beschäftigten zwischen 1992 und 2007 von 45 Prozent auf 38 Prozent gesunken. Gleichzeitig nahm der Anteil der unbefristet Teilzeitbeschäftigten um vier Prozentpunkte auf elf Prozent zu. Leiharbeit war Anfang der 90er-Jahre kaum verbreitet, im Jahr 2007 waren aber der Studie zufolge bereits vier Prozent der Beschäftigten Leiharbeiter. Der Anteil der befristet Beschäftigten und der Selbstständigen ist dagegen fast unverändert geblieben. Die Zahl der Menschen, die weder arbeiten noch einen Job suchen, ist deutlich gesunken. Anfang der 90er-Jahre wurde noch jeder Vierte als inaktiv eingestuft, inzwischen ist der Anteil der Inaktiven auf ein Fünftel geschrumpft.Die IZA-Experten sehen in der Entstehung atypischer Beschäftiungsverhältnisse und der damit verbundenen Flexibilisierung eine der Hauptursachen für die Entstehung neuer Arbeitsplätze. Diese Jobs sind allerdings vor allem im Niedriglohnbereich entstanden. Der Anteil der Beschäftigen, die für niedrige Löhne arbeiten, ist nach Berechnungen des Instituts für Arbeit und Qualifikation zwischen 1994 und 2007 von 15 Prozent auf 21,5 Prozent gestiegen. Das hängt nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten auch damit zusammen, dass neue Arbeitsplätze vor allem im Dienstleistungsbereich geschaffen wurden. 4,5 bis fünf Millionen Menschen arbeiten derzeit in Minijobs. "Es gibt viele Indizien dafür, dass im Gaststättengewerbe und im Handel Vollzeitstellen durch Minijobs ersetzt werden", sagt Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI). Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Einzelhandel hat zwischen 1999 und 2008 um 4,5 Prozent abgenommen. Im Bauhauptgewerbe war ein Rückgang von 41 Prozent zu verzeichnen. Auch im Holz-, Papier- und Druckgewerbe, in der Chemie- und Kunststoffindustrie oder dem Ernährungs- und Textilgewerbe ist die Bilanz negativ.Arbeitsplätze in großem Stil sind dafür in der IT-Industrie , der Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung, in der Gebäudereinigung, dem Sicherheitsgewerbe, der Werbung und der Forschung und Entwicklung entstanden. Große Zuwächse gab es auch im Bereich der sozialen Dienstleistungen und im Gesundheitswesen. Wobei Herzog-Stein darauf hinweist, dass gerade bei letzteren die Problematik bestehe, dass die Arbeitskonditionen in diesen Bereichen oft schlecht sind.Soziale Berufe, Ärzte, Pflegekräfte und Krankenschwestern werden auch künftig stark nachgefragt werden. Bis 2020 werden in diesem Bereich einer Studie von PriceWaterHouseCoopers zufolge über 800000 Arbeitskräfte fehlen. Gesucht sind auch Ingenieure, IT-Experten und Physiker.------------------------------Mehr Stellen in der DienstleistungNeue Jobs: Die Zahl der Arbeitslosen sinkt und analog steigt die Zahl der Arbeitsplätze. Positiv daran ist, dass nicht nur Aushilfsjobs entstehen, sondern zunehmend auch regulär sozialversicherungspflichtige Stellen. Besonders viele Jobs wurden 2010 im sozialen Dienstleistungsbereich und in der Zeitarbeit geschaffen.Freiberufler: Besonders signifikant ist der Anstieg bei den Freiberuflern im Gesundheitsbereich, bei Unternehmensberatungen und auch unter den Juristen.Arbeitslose: Männer und Ältere waren lange überdurchschnittlich betroffen. Das trifft aktuell kaum mehr zu.------------------------------Grafik: Arbeitslose nach PersonengruppenGrafik: SozialversicherungspflichtigeGrafik: Freiberufler in ausgewählten BerufenFoto: Roheisenabstich an einem Hochofen: Die Beschäftigten der Stahlbranche profitieren vom Aufschwung.

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