Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
2025 ist ein Jubiläumsjahr. Ein Jubiläum begeht in diesem Jahr auch das Museum für Kommunikation in Berlin. Als verantwortlicher Architekt der Rekonstruktion des Reichspostmuseums, von 1958 bis 1991 Postmuseum der DDR, sind die jetzt 25 Jahre Museum für Kommunikation für mich der Anlass, nochmals darüber nachzudenken, was mit dem Postmuseum der DDR passiert ist.
Das bis 1990 bestehende Institut für Post- und Fernmeldewesen (IPF) mit seinem für die Planung von Gebäuden und Anlagen der Post und des Fernmeldewesens zuständigen Bereich war im Jahre 1981 im Rahmen einer größeren Studie mit der Rekonstruktion des Reichspostmuseums als bauliche Hülle für ein neues Postmuseum der DDR vom Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR (MPF) beauftragt worden.
Das Reichspostmuseum entstand im Winkel der Blockrandbebauungen des Erweiterungsbaus für das Generalpostamt an der Leipziger- und Mauerstraße. Der Erweiterungsbau war 1897 als Gebäude fertiggestellt und in ihm 1898 das Reichspostmuseum eröffnet worden. Initiator dieses Bauprojekts war als Generalpostdirektor des Deutschen Reichs Heinrich von Stephan, der auch den Standort und den „Stil“ des Erweiterungsbaus bestimmte. Von Stephan starb 1897 und erlebte seinen „Lieblingsbau“ nicht mehr.
Heinrich von Stephan, Initiator des Reichspostmuseums
© Gemini/imago
Das Baudenkmal als Ausgangspunkt planerischer Überlegungen
Das Reichpostmuseum überstand den Ersten Weltkrieg weitgehend unbeschadet. Im Zweiten Weltkrieg wurde es teilzerstört. Unsere Kollegen aus dem nach 1945 gebildeten Amt für Projektierung der Deutschen Post planten ab 1958 mit der Teilnutzung der unzerstörten Substanz des Gebäudes das Postmuseum der DDR.
Die Restsubstanz des Reichspostmuseums mit dem dreigeschossigen Lichthof mit seinen Säulenreihen und dem Bildprogramm wurde am 21. September 1977 als Teil des Erweiterungsbau in der Leipziger und Mauerstraße zum „Denkmal des Städtebaus und der Architektur“ erklärt und in die Bezirksdenkmalliste Berlin aufgenommen. Damit war der Ausgangspunkt für unsere planerischen Überlegungen das Baudenkmal.
In der Konzeption zu seiner Rekonstruktion wurden die notwendigen Maßnahmen dargestellt. Der Minister für Kultur stimmte auf Antrag des Ministers für Post- und Fernmeldewesen zu und legte damit die Handlungsanweisung verbindlich fest. „Die schrittweise Wiederherstellung … in (der) ursprünglichen Form ist daher grundsätzlich unerlässlich. (Sie) charakterisiert den Bau als ein historisches, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenes Gebäude in Berlin. Der Chefkonservator der Arbeitsstelle Berlin des Instituts für Denkmalpflege (IfD) ist beauftragt, gemeinsam mit dem Inspektor für Denkmalpflege des Magistrats von Berlin und mit dem Rechtsträger die Rang- und Reihenfolge der Rekonstruktion zu vereinbaren.“
9. November 1989: Warum ich Erich auf ewig dankbar bin
Die Arbeitsstelle Berlin bezeichnete das Museum als das „wichtigste Exponat des Museums“. Nach der Definition des Internationalen Rates für Denkmalpflege (ICOMOS) ist das Museum „ … eine Einrichtung, die das materielle und immaterielle Kulturerbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt …“.
Unsere Planungsarbeit musste an ihrem Beginn das vorhandene materielle Erbe sichern und darüber hinaus das dem Denkmal innewohnende immaterielle Erbe erforschen. Das immaterielle Erbe wurde von mir detailliert mit einem Bildprogramm beschrieben.
Aufwendige Ermittlung des materiellen Erbes
Die Ermittlung des materiellen Erbes erforderte die Kartierung des Bestandes und die Erforschung der nicht mehr an ihrem Ort vorhandenen Bestandteile. Dafür nur diese Beispiele: Das Museum als Bauwerk „von außen“ begründet seine städtebauliche Bedeutung. „Im Innern“ des Museums war es insbesondere die Kaisergruppe mit der Büste für Kaiser Wilhelm II. in ihrer Mitte und die Definition des Reiches mit einem Wappenfries auf dem doppelt gekrümmten Portalbogen mit dem großen Reichswappen.
Dieser Wappenfries beschreibt das Deutsche Reich, aber nur mit seinen inneren Reichslanden. 1884 war das Deutsche Reich aber bereits um überseeische Gebiete erweitert. Mit ethnischen Porträtköpfen des indigenen Afrikaners, des indigenen Südseeinsulaners und des Chinesen, die mit einer bleiverglasten Voute angeschlossen sind, wird nunmehr das Reich in seiner Gänze dargestellt.
Geboren in Gera, gefeiert in England: Eine Ausstellung zu Ehren des Künstlers Karl Weschke
Sehnsucht nach Schinkel: Was der legendäre Städteplaner wohl aus Berlins Mitte machen würde
Für die Besetzung der Postagenturen in diesen Gebieten schuf von Stephan einen besonderen Reichspostbeamten, den er „Homo sapiens postalis“ nannte. Die drei Portraitköpfe wurden durch dessen symbolischen Kopf ergänzt.
Schon diese Beispiele stehen für die oben genannte Feststellung des IfD, dass „das Postmuseum sein wichtigstes Exponat“ ist.
Die Kuppel des Lichthofs
© Manfred Brückels via wikimedia commons
Die Rekonstruktion begann mit der Wiederherstellung der Lichthofüberdachung. Unter unserer Federführung erfolgte mit Hilfe der Hochschule für Bauwesen in Weimar und des Metall-Leichtbau-Kombinates (MLK) Berlin die Planung und Fertigung der neuen Lichthofüberdachung. Die bauaufsichtliche Genehmigung erforderte die totale Entkernung des Gebäudes.
Diese schrittweise Entkernung machte deutlich, welche zusätzlichen Schäden (zu den Kriegsschäden) die „Begradigung“ (als Leitwort der Museumsgestaltung ab 1958) der Substanz des Bauwerks zugefügt hatte. Erst jetzt waren wir in der Lage, die reparierenden Bauleistungen zu planen, sie waren 1991 bereits zu 75 Prozent realisiert.
Die Verantwortlichkeit fällt 1991 der Generaldirektion Telekom zu
Im Zuge der Postreform 1991 fiel die Verantwortlichkeit für die Rekonstruktion des Reichspostmuseums an die Generaldirektion Telekom (GDT), die sofort den Baustopp über alle Arbeiten an der Rekonstruktion verhängte. Und obwohl die GDT zunächst das Projektteam als Projektreferat bei der Abteilung Hochbau der Oberpostdirektion Telekom (OPD Berlin/Telekom) erhalten wollte, wurde von dieser dann zuständigen und weisungsberechtigten Abteilung entschieden, unserer Planung nicht zu folgen. Ich wiederum wurde aufgefordert, alle das Reichspostmuseum betreffenden Unterlagen zusammenzustellen und der Abteilung Hochbau der OPD lückenlos zu übergeben. Damit war unsere Arbeit für die Rekonstruktion des Reichspostmuseums beendet.
1992 wurde der Baustopp aufgehoben und die Weiterführung der Rekonstruktionsarbeiten durch die GDT freigegeben. Der Abteilungsleiter der OPD Berlin/Telekom hatte – wie bereits 1991 geplant – einem (befreundeten?) Architekturbüro aus Braunschweig die Fortsetzung der Architekturleistungen direkt vergeben.
In einer Anlaufberatung der Abteilung Hochbau am 23. Juli1992 mit der Baudenkmalschutzbehörde Berlin (West) und dem Architekturbüro wurden konzeptionelle Fragen entschieden, um finanzielle Schäden sowohl von der Telekom als auch von den Ausführenden abzuwenden.
Nachfragen bleiben aus
Wir, das Planungsteam aus dem IPF, wurden weder hier noch später vom Architekturbüro an irgendwelchen Aktivitäten beteiligt, noch zu Fragen konsultiert, die sich aus der Befassung mit dem Baufortschritt ergaben. Zu den von uns geplanten, aber noch nicht begonnenen Arbeiten wurden in dieser Anlaufberatung u. a. folgende Festlegungen getroffen:
Das Reichspostamt Berlin auf einer Briefmarke von 1900
© wikimedia commons
Zu Außen:
- Eine Rekonstruktion der Turmrisalite ist aus denkmalpflegerischer Sicht nicht zwingend notwendig. Für eine städtebauliche Entscheidung sollen die städtebaulichen Aspekte im Zusammenhang mit der Bebauung im Umfeld von der Denkmalpflege alsbald geprüft werden.
Zu Innen:
- Die Kopie der Kaiserbüste über dem Hauptportal wird abgelehnt. Stattdessen soll eine die Portalarchitektur fassende Ergänzung erfolgen.
- Eine Rekonstruktion der Bleiverglasung der Voute ist aus brandschutztechnischen Gründen und zu geringen historischen Befunden (historische Fotos) nicht zu vertreten.
- Gegen den Einbau der Original-Stuckdecke des Bildhauers Andreas Schlüter (1660 – 1714) in den bereits dafür vorgesehenen Raum im Postmuseum bestehen keine Einwände.
Wie ging das Architekturbüro mit diesen Entscheidungen um?
- Zu den Turmrisaliten: Die von der Aufbauleitung vergebenen Aufträge zur Fertigung, die bereits von der Materialbeschaffung begleitet waren, wurden storniert.
- Zu den Kaisermedallions: Meine Vorbesprechungen mit Künstlern zur Anfertigung dieser Portraitmedallions und mit Galvanobetrieben über die Herstellung der Galvanobronzen wurden nicht weiterverfolgt.
- Zur Kaisergruppe: Die Reduzierung der Kaisergruppe auf die Büste des Kaisers verkennt die Bedeutung dieser Gruppe aus „Allegorie der Arbeit - Allegorie des Friedens“ vor einer diese drei verbindenden Muschelschale. Neben der Repräsentation von Staatsgewalt und Staatsziel leitet die barocke Gestaltung dieser Gruppe zum barocken Gesamtbild der großen Portalöffnung über. Der verbleibende Abschluss des Hauptportals mit der dorischen Attika und die darauf stehenden Brüstungselemente konterkarieren die geplante barocke Anmutung.
- Zur Bleiglasvoute: Die abgelehnte Rekonstruktion dieser Voute führt zu bizarren Erklärungen der nunmehr einzeln stehenden Porträtköpfe. Das Buntglas war nach der erfolgten Bestätigung der Rekonstruktionsvorschläge bereits mit Devisen beschafft. Der vergebene Auftrag wurde storniert.
Das Museum für Kommunikation Berlin heute
© Schoening/imago
Die Unmöglichkeit, diese Elemente des Bildprogramms neu zu schaffen, wurde mit den unzureichenden Befunden für eine solche Neuschaffung begründet. Die Plastiken, die die Gigantengruppe flankieren; Statuen, die die Dienstzweige der Post imaginieren, ethnischen Portraitköpfe sowie das Wappenfries und die ihn begleitenden kranzspendenden Genien auf der Portalöffnung waren bereits als selbständige Kunstwerke neu geschaffen und von der Denkmalpflege (West) akzeptiert und eingebaut.
Schmerzhafte Einschnitte in berufliche Karrieren
Für diese Neuschaffungen standen keine anderen Befunde zur Verfügung, als sie jetzt vom Architekturbüro für weitere Neuschaffungen als unzureichend bezeichnet wurden.
Zur Schlüter-Decke: Für den Einbau der Original-Schlüter-Decke war der Raum, den diese in der „Alten Post“ zierte, von uns im zweiten Obergeschoss nachgebaut worden. Es fehlte nur noch die Montage der sanierten Deckenteile. Dieser Raum sollte ein Kabinett „Postbau“ aufnehmen, das die Bautätigkeit Heinrich von Stephans würdigen, gleichzeitig aber auch von der architektonischen Qualität des Posthausbaus in alter und neuer Zeit künden und auch als Beitrag der Deutschen Post zur Ostmoderne gedacht war.
Das Architekturbüro hängte jedoch die Decke als ein Exponat ins Museums-Café. Damit ignorierte es die Zustimmung der Denkmalpflege (West) zum von uns vorgesehenen Einbauort.
Mein Nachdenken darüber, welche Folgen die Änderung der Auftraggeberschaft für die Rekonstruktion des Reichspostmuseums im Jahre 1991 hatte, macht nicht nur deutlich, welche wesentlichen Folgen die Unterschiede zwischen der Denkmal-Rezeption Ost und West hatten. Schlimmer noch: Der Bruch in der Planung führte zu schmerzhaften Einschnitten in die beruflichen Karrieren der Mitglieder des Planungsteams.
Klaus Niebergall, geboren 1937 in Suhl/Thüringen, 1955-61: Architekturstudium an der TH Dresden. 1961 Aufnahme in den hochbautechnischen Dienst der Deutschen Post. 1964-66: Wissenschaftlicher Assistent an der TU Dresden. 1966 Rückkehr zur Post, planerische Tätigkeiten mit begleitenden Forschungsarbeiten. 1978 Promotion zum Dr.-Ing. an der Hochschule für Bauwesen Leipzig. 1981-91: Teamleiter Rekonstruktion „Reichs“-Postmuseum Berlin. 1992 Ausscheiden aus der Telekom.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de