Der damals noch nicht weltbekannte Designer Philippe Starck gründete vor vierzig Jahren eine Fabrik für aufblasbare Möbel. Die Idee, aus seinem Hausstand einfach die Luft rauslassen zu können, entsprach dem Trend der Zeit. Das Gediegene hatte ausgedient. Die soliden Eichenmöbel der Elterngeneration lösten Unbehagen und Hass aus: Die wuchtigen Schrankwände, die schreinartigen Betten, die zentnerschweren Kommoden - das waren Sinnbilder einer unbeweglichen Existenz. Dem immobilen Mobiliar der Eltern antwortete die Wohnmode der Jüngeren mit einem Exzess an Beweglichkeit. Bei den Studenten ersetzte die auf dem Boden liegende Schaumstoffmatratze das Bett. Man zog von einer Wohnung in die andere und nahm sein Bett einfach mit; zusammengerollt auf dem Dach des Renault R4 sah man in den Städten die Matratzen herumfahren auf dem Weg in bessere Umstände.1968 verlor der Fußboden seine Schrecken. Galt er den Generationen zuvor als unreines Reich des hereingetragenen Straßendrecks, hockten sich die 68er gern auf den Boden. Stuhl und Sessel wurden als Sitzgerät der bürgerlichen Schichten empfunden und gerade noch beim Essen und Arbeiten akzeptiert. Sobald es gemütlich wurde, ging es hinab auf den Fußboden. Viele Wohnungen waren nomadenhafte Matratzenlager: Man nahm als hinzukommender Gast nicht Platz, sondern hockte sich hin und musste sich an die herumliegende Gruppe heranrobben. Man lagerte mehr als dass man wirklich wohnte.Der Kult des Provisorischen führte zu irritierenden Erscheinungen. Es gab möbliert gemietete Wohnungen, in denen die studentischen Mieter die hölzernen Beine der vorhandenen Sessel abgeschraubt hatten, um dem Zug der Zeit zu mehr Tiefe zu entsprechen. Die amputierten Polstermöbel zwangen zu den unbequemsten Körperhaltungen. Die ganze Wohnkultur verlagerte sich eine Unterschenkellänge tiefer, vom Sitzen zum Hocken. Unter den Alt-68ern gibt es heute noch viele, die, so steif sie ansonsten auch sein mögen, stundenlang im Schneidersitz zubringen können.Das Leben auf den Teppichen versprach mehr Zärtlichkeit; die Grenze zwischen Liegen und Sitzen verwischte, und die Spärlichkeit des Mobiliars verpflichtete zu nichts. Von diesem etwas pubertären Wohngefühl aus strahlte der Trend zur neuen Mobilität auch in die kaufkräftigeren Schichten hinauf: Der leichte Kunststoff wurde zum beliebtesten Material des neuen Designs: stapelbar, aufblasbar, zusammenpressbar und alles andere als eine Anschaffung fürs Leben. Für die Möbelindustrie bedeutete der Abschied vom Soliden die Chance zum Aufschwung sondergleichen; genutzt wurde sie - in Holz - vornehmlich von Ikea. Vorbei die Zeiten, wo Möbel mehr als ein ganzes Leben lang zu halten hatten und weitervererbt werden sollten. Von nun an begannen sich die Wohnmoden immer schneller zu ändern. Der durchsichtige Plastiksessel, der einem heute gefiel, erschien in einem Jahr schon ekelhaft.Dank der aufmüpfigen Generation hatte sich die Zirkulation von Kapital erneut beschleunigt.In dieser Serie blicken wir wöchentlich zurück auf die Welt vor vierzig Jahren.www.berliner-zeitung.de/1968------------------------------Foto: Inbegriff mobilen Mobiliars: der aufblasbare Sessel.
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