Nach einer kleinen Operation verschrieb mir mein Hausarzt zwei Medikamente: "Die nehmen Sie zehn Tage; das reicht." In der Apotheke bediente der Chef und schob mir zwei Riesenpackungen zu. "So viel brauche ich nicht!" Er jovial-süßlich: "Macht nichts. Sie zahlen dieselbe Rezeptgebühr, egal, ob klein oder groß." - "Ich will nur die Ration für zehn Tage!" - "Wenn Sie meinen! Da freut sich die Krankenkasse!" - "Wer zahlt die Beiträge? Sie oder ich?" Verkniffenes Schweigen des Herrn Arzneiverhökerers. Schon im Krankenhaus brauchte ich eine starre Sandale für den rechten Fuß. Nach Angabe meiner Schuhgröße stellte mir die Krankenschwester die Sandale originalverpackt hin. Sie wurde in China gefertigt und von der bayerischen Firma Darco weiterverkauft. Mittlerweile schickte mir das Potsdamer Sanitätshaus, das den Schuh lieferte, die Rechnung über den Kleinbetrag für meine Zuzahlung zu. Dort werden im kleiner Gedruckten die Abrechnungspositionen "Entlastungsschuh", "Klinik-Hausbesuch" und "Stundenverrechnungssatz" aufgeführt. Ich habe keinen Mitarbeiter des Sanitätshauses je gesehen, nicht einmal ausgepackt hat die Firma das fernöstliche Normteil mit drei Klettverschlüssen. Hausbesuch? Stundensatz?So sieht sie aus, die kleine, alltägliche Korruption im medizinisch-industriellen Komplex. In größeren Fällen ermittelt beispielsweise die Berliner Staatsanwaltschaft gegen einen Klinikbetreiber mit dem Unschuldsnamen Deutsches Rotes Kreuz. Wo bleibt unser Gesundheitsminister? Unsere angeblich bürgerliche Regierung versprach ein durchsichtigeres Gesundheitssystem. Warum verweigert die FDP, die sich Partei wirtschaftlicher Rationalität nennt, eine Reform, die es Kassenpatienten ermöglichte, medizinische Leistungen anhand von Rechnungen zu prüfen - und im Betrugsfall einzuschreiten?Die CDU/CSU/FDP-Regierung läuft vor ihren Pflichten davon. Gerade in einer Zeit guter Konjunktur und entsprechendem Anstieg der Staats- und Sozialversicherungseinnahmen wäre es ihre Pflicht weiter zu reformieren. Aber sie drückt sich vor der effizienten Kontrolle des Gesundheitsmolochs, vor der Mehrwertsteuerreform, vor dem Abbau von Subventionen. Stattdessen belastet sie kleine Raucher mit Steuern, weil sie vor Unternehmern einknickt, die nur das Wort Arbeitsplätze nuscheln müssen, um weniger großzügigen Rabatten auf die Energiesteuer zu entgehen. So mickrig sehen Merkels "Herbst der Entscheidungen" und die "soziale Ausgewogenheit" des Sparpakets aus. Wie anders Gerhard Schröder und Franz Müntefering. Sie setzten Unangenehmes aus Einsicht in die Notwendigkeit durch, änderten die Modalitäten der Sozial- und Arbeitslosenhilfe und des Renteneintrittsalters gründlich, und zwar - daran wäre die heutige Regierung zu messen! - gegen die eigene Wählerschaft und ohne Rücksicht auf die eigenen Parteiinteressen.Von solchem Verantwortungsethos ist die Regierung Merkel/Westerwelle weit entfernt. Soeben tritt sie in ihre SED-Phase ein und verhoneckert vor aller Augen: Sie verspricht gewaltige Projekte, die bis zum Jahr 2050 reichen, sie möchte Stuttgart unterhöhlen im Namen einer herrlichen Zukunft. Aber die naheliegenden Probleme des Alltags vernachlässigt die Bundesregierung mit beispielloser Schludrigkeit. Deshalb wenden sich die Bürger ab.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de