Vor 200 Jahren begründete Heinrich von Kleist mit den "Berliner Abendblättern" den Revolverjournalismus - noch vor der Erfindung des Revolvers

Ideale Wurstzeitung

Karsten Krampitz
6 Min

Im Herbst 1810 schrieb Wilhelm Grimm seinem hessischen Jugendfreund Paul Wiegand: "In Berlin erscheint jetzt vom Kleist (...) ein Abendblatt". Dieses koste jährlich höchstens vier Taler und enthalte eine Menge köstlicher Anekdoten. "Es erscheinen alle Wochen sechs Octavblätter, ganz bescheiden gedruckt, und soll eigentlich eine ideale Wurstzeitung sein." Allein dem peniblen Ordnungssinn der Brüder Grimm als Archivare verdanken wir die beinahe einzige erhaltene, gesammelte Ausgabe, sind doch die "Berliner Abendblätter" nahezu gänzlich dem üblichen Zeitungsschicksal anheim gefallen: Nach dem Lesen warf man sie weg. Und noch kurz vor seinem Tod im Jahre 1863 vermerkte der greise Jakob Grimm in dem Einband: "liber nunc rarissimus" ("ein jetzt sehr seltenes Buch"). Wie der Kleistforscher Helmut Semdner 1980 im Nachwort zum Faksimile-Nachdruck hervorhob, waren die "Berliner Abendblätter" seinerzeit durchaus eine originelle Erscheinung. In großer Auflage auf schlechtem Papier billig gedruckt und zu niedrigstem Preis ausgegeben, seien sie ihrem Format nach eher ein Flugzettel als eine Tageszeitung gewesen. Und doch hat Heinrich von Kleist mit diesen 9-Pfennig-Blättchen Pressegeschichte geschrieben. Anders gesagt: Dieser große deutsche Dichter hat das Revolverblatt erfunden, noch bevor die Welt überhaupt den Revolver kannte.Von ihrem ersten Erscheinungstag an, dem 1. Oktober 1810, waren seine Abendblätter Stadtgespräch. Selbst seine Majestät der preußische König geruhten dieses Periodikum zu rezipieren. Es wird berichtet, die Berliner hätten derart die Ausgabestelle gestürmt, dass sogar Polizei nötig wurde.Doch nicht die höchst anspruchsvollen Artikel aus Kultur und Politik, unter anderem auch aus den Federn des Staats- und Geschichtsphilosophen Adam Müller und Achim von Arnims, haben Furore gemacht, oder die humorvollen und freilich antifranzösischen Anekdoten, Epigramme und schon gar nicht die wenigen Gedichte und Prosastücke - die kuriosen Lokalnachrichten und das schnöde Verbrechen in Form der täglichen Polizeiberichte ließen die Auflage steigen. Der Polizeipräsident persönlich, Karl Justus Gruner, mit dem Kleist befreundet war, lieferte die Rapporte. Ähnlich der goldenen Regel des Boulevardjournalismus: "Mit Kindern und mit Tieren kannst du nicht verlieren." erregten bereits vor 200 Jahren die "Berliner Abendblätter" Furcht und Mitleid ihrer Leser. Etwa mit der Ausgabe vom 9. Oktober 1810, in der von einem tollwütigen Hund die Rede geht, der just in Charlottenburg erschossen worden war - und das auch noch mit den Hunden, die er gebissen hatte. Eine ganze Stadt hielt den Atem an!Ein vierjähriger Junge war auf der Straße Unter den Frankfurter Linden überfahren worden. Doch: "Weil der Bauer nur im Schritt fuhr, gleich still hielt und das Pferd über ihn wegsprang, ist er (der Bub) bloß am Kopf vom Rade ein wenig gestreift und außer aller Gefahr." Na Gott sei Dank! Für den Historiker interessant ist an jenem Tag das so betitelte "Stadt-Gerücht": "Die berüchtigte Louise, von der Mordbrennerbande, soll vorgestern unerkannt auf dem Posthause gewesen sein, und daselbst nach Briefen gefragt haben." - Das qualvolle Sterben der Friederike Luise Delitz, die am 28. Mai 1813 auf der Jungfernheide dem Scheiterhaufen überantwortet wurde, sollten die "Berliner Abendblätter" und ihr Gründer schon nicht mehr erleben; es war die letzte Hinrichtung durch Verbrennung in Deutschland.In jenem Herbst avancierte Kleist in Personalunion zum Herausgeber, Schlussredakteur, Kommentator und Korrespondenten. Aus dem Scheitern seines vormaligen Zeitungsprojektes, der Literaturzeitschrift "Phöbus", hatte er Konsequenzen gezogen: Kein intellektuelles Blatt wollte er mehr herausbringen, vielmehr ein intelligentes, eines "zur Unterhaltung aller Stände des Volks". Wozu sich die damalige Konkurrenz nicht in der Lage sah, namentlich die 16-seitige "Königlich Privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen" - die "Berliner Abendblätter", deren Redaktion so klein war, dass sie auf einem Pferd Platz gefunden hätte, sie schafften es: eine Tageszeitung zu sein.In der Zeit vom 1. Oktober 1810 bis zum 30. März 1811 erschienen täglich außer sonntags vier einspaltige Seiten, insgesamt 153 Ausgaben. Hinzu kamen noch einige "Extrablätter". Der überwiegende Teil der Artikel stammte von Kleist selbst: neben wenigen Erzählungen vor allem Rezensionen, Anekdoten, Diskussionsbeiträge und lokale Meldungen. Und anfänglich sah auch vieles danach aus, als sollte dieses Unternehmen von Erfolg gekrönt sein. Wenn auch die Druckqualität nicht immer die beste war und so manche der kleinen Meldungen und "Miscellen" heute etwas merkwürdig erscheinen, in ihrer Zeit waren die "Berliner Abendblätter" durchaus eine vollwertige Tageszeitung - und leider eben in Berlin auch die einzige.Keine ihrem Anspruch nach politisch unabhängige Zeitung oder Zeitschrift kann auf Dauer im Vakuum existieren, das heißt ohne Öffentlichkeit im Sinne einer, wie sie Habermas definiert, Sphäre der Kritik. Wohl war das Bürgertum mittlerweile ökonomisch erstarkt, und auch politisch drängte es nach mehr Einfluss. Kristallisationspunkt neuen bourgeoisen Selbstbewusstseins waren jedoch noch immer die Privatsalons und Gasthäuser der Stadt, bei letzteren nicht selten die Hinterzimmer - aber nicht die Presse. Eine Rolle, die eines Tages in Berlin die "Vossische Zeitung" übernehmen sollte.Die Konzession zur Herausgabe einer Tageszeitung war ein "Privileg", eine königliche Gnade, derer die Inhaber, so sie sich als "unwürdig" erwiesen, durchaus auch verlustig gehen konnten. Dem Chefredakteur und Herausgeber der "Berliner Abendblätter" stand eine Erfahrung bevor, die noch viele Journalisten nach ihm machen sollten: Bedauerlicherweise ist es nie möglich, die Realität an eine Zeitung anzupassen. Den (Papier-)Krieg mit dem preußischen Regierungsfilz konnte Kleist nicht gewinnen. Obwohl er dem Reformwerk Hardenbergs aufgeschlossen gegenüberstand, war es dessen Regierung, die, nicht zuletzt aus diplomatischer Rücksichtnahme auf das napoleonische Frankreich, mehr und mehr die Zensurbestimmungen verschärfte. Wie Heinrich Aretz in seiner Dissertation von 1983 betont, war es den Zensoren bereits Ende Dezember 1810 gelungen, durch "Informationsentzug, Präventivzensur und explizite Verbotsvorschriften" die "Berliner Abendblätter" in ihrer politischen Brisanz zu neutralisieren. Bald schon verlor das Publikum jedes Interesse - und wohl auch Kleist selbst. Der Inhalt der Abendblätter bestand fortan zu drei Vierteln aus nachgedruckten Artikeln anderer Gazetten. Die letzte Ausgabe vom 31. März 1811 beschloss Kleist mit einer Anzeige in eigener Sache:"Gründe, die hier nicht angegeben werden können, bestimmen mich, das Abendblatt mit dieser Nummer zu schließen. Dem Publiko wird eine vergleichende Übersicht dessen, was diese Erscheinung leistete, mit dem, was sie sich befugt glaubte, zu versprechen sammt einer historischen Construktion der etwaigen Differenz, an einem anderen Orte vorgelegt werden. H. v. K." Dazu ist es nicht mehr gekommen.Mit dem Niedergang der von Kleist herausgegebenen "Berliner Abendblätter" ging auch sein persönlicher einher. Seine Stücke wurden nicht gespielt. "Der Prinz von Homburg" war immer noch mit einem Aufführungsverbot belegt und sollte erst 1828 in Berlin uraufgeführt werden. Der erste Band seiner Erzählungen fristete ein Schattendasein unter Hunderten anderer Buchveröffentlichungen dieser Zeit. Und so nahmen in den kommenden Monaten die Gedanken an einen Freitod überhand. Auf Erden war ihm nicht zu helfen. "Und nun lebe wohl", schrieb er seiner Schwester Ulrike in einem letzten Brief. Der Himmel möge ihr einen Tod schenken, "nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich ..."------------------------------Foto: Heinrich von Kleist, 1777 bis 1811. Für acht Monate war er Berlins wichtigster Journalist. Dann war seine Zeitung am Ende.Foto: Ausriss aus dem "Berliner Abendblatt": "7tes Blatt. Den 8ten Oktober 1810".

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