Vor 400 Jahren erschien Cervantes' Don Quijote. Noch unter Friedrich dem Großen wurde Berlin zum Mittelpunkt einer Spanienbegeisterung, die ganz Deutschland ergriff

Der scharfsinnige Ritter

Eberhard Straub
8 Min

Bücher haben ihr eigenes Schicksal. Als der Don Quijote - Anfang 1605 - vor vierhundert Jahren erschien, wurde er von den meisten mit allerbestem Gewissen als das Heiterste der Bücher gelesen. Als solches wurde es sofort zu einem europäischen Ereignis. Nicht ganz dreihundert Jahre später bemerkte Nietzsche: "Wir lesen heute den ganzen Don Quijote mit einem bittren Geschmack auf der Zunge". Für Dostojewski war der Don Quijote das traurigste Buch in der Welt, weil es erschütternd zeige, wie der vornehme, schöne und hohe Charakter unvermeidlich in dieser Welt das gleiche Schicksal wie Christus erleiden müsse, unverstanden zu bleiben und verspottet, verhöhnt, gequält zu werden.Hätte Cervantes nur eine Parodie der Ritter-Romane im Sinne gehabt, wäre ihm kaum der dauernde Erfolg beschieden gewesen. Denn nichts veraltet so schnell und wird so rasch unverständlich wie Satiren. Wer kennt oder lacht gar heute noch über den "Candide" Voltaires, der zeitweise so berühmt war wie Don Quijote? Im übrigen waren die Ritter-Romane um 1605 schon längst aus der Mode gekommen. Außerdem verwarfen der Pfarrer und der Barbier, die Don Quijotes Bibliothek säuberten, nur die geistlosen Ritter-Romane. Cervantes lag es ganz fern, adelige Idealität in Zweifel zu ziehen oder lächerlich zu machen. Er begann seine Karriere mit einem anmutigen Schäfer-Roman und beendete sie mit den "Abenteuern des Persiles und der Sigismunda", einem geistreichen Spiel, wie Seelenschönheit und Adel sich im Labyrinth der Täuschungen, das diese Welt nun ist, behaupten und zur Enttäuschung des Trugs der Wirklichkeiten gelangen.Miguel de Cervantes (1547 - 1616), der seine adelige Herkunft betonte, blieb immer der adelig-ritterlichen Idealität verhaftet. Er neigte wahrlich nicht dazu, seine vorläufig meist verkannten Werke und ihren Rang zu unterschätzen. Aber das wichtigste Ereignis in seinem Leben blieb für ihn, 1571 zu den Siegern über die türkische Flotte bei Lepanto gehört zu haben. Er verlor dort seine linke Hand und geriet 1575 in türkische Gefangenschaft, die er gottergeben überstand, bis er nach mehreren Fluchtversuchen 1580 freigekauft werden konnte. Als Soldat und Gefangener erlebte er einen Ritter- und Abenteuerroman, wie von Heliodor, seinem literarischen Vorbild, im 3. Jahrhundert nach Christus entworfen. Wieder in Spanien diente er seinem König in der militärischen Verwaltung, ohne Karriere zu machen und damit zu bürgerlicher Sicherheit zu gelangen.Cervantes diente klaglos, da Armut den Adel nicht mindert, wie auch Don Quijote wusste. Zum wahren Adel gehören nach alter Vorstellung das Bündnis der Waffen mit den Wissenschaften und Künsten, die harmonische Gemeinschaft von armas y letras. Die Musen halfen dem invaliden Soldaten Cervantes, der Macht der Wirklichkeiten nicht zu erliegen. Der schreibende und kunstverständige Soldat verfeinerte im Dienst für seinen König die kastilianische Sprache zu einer wahrhaft königlichen, eben eleganten Sprache für eine elegante, vornehme Welt. Er wusste mit dem großen Grammatiker Juan de Nebrija, dass die Sprache das imperiale Werkzeug ist, um verschiedene Provinzen, endlich Kontinente zu durchdringen und zu vereinen.Cervantes, der schlichtweg alles las, was ihm unter die Finger kam, hatte für alles den richtigen Ton gefunden. Der Don Quijote, der scharfsinnige Ritter, unterrichtet nicht zuletzt darüber, wie angemessen und schön, ja begeisternd auch die sprödesten Sachverhalte behandelt werden können. Cervantes und sein Don Quijote, unbeirrbare Aristokraten, verhalfen Schiller, der den edlen Don Quijote sehr bewunderte, zu der souveränen Haltung: "Wisset ein erhabner Sinn/legt das Große in das Leben,/aber sucht es nicht darin". Schiller war es denn auch, der sich von den grotesken und parodistischen Elementen des Cervantes nicht narren ließ und den "großen und schönen Charakter" im Ritter von der traurigen Gestalt entdeckte, ja die Tragödie des Rittertums. Der edle Räuber Karl Moor, der "enthusiastische Träumer von Größe und Wirksamkeit" mit "seiner Bitterkeit gegen die unidealische Welt" galt seinem Erfinder als Wiederholung des seltsamen Don Quijote, "den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern."Als Schiller das 1782 schrieb, konnte er nicht ahnen, dass Goethe fast gleichzeitig der Frau von Stein bekannte, nur mit Hilfe des Don Quijote seine absurde Verwaltungstätigkeit aushalten zu können. Aber unabhängig von Goethe und Schiller - schon Lessing oder Herder erkannten die Bedeutung des Cervantes. Sie entdeckten ihn wieder während ihrer Auseinandersetzung mit der französischen "Leitkultur". Deren rigide Vorschriften veranlassten schon 1687 Christian Thomasius dazu, seine Studenten in Halle in der ersten Vorlesung, die je auf deutsch gehalten wurde, aufzufordern, die Spanier nachzuahmen und nicht die Franzosen. Er dachte dabei vor allem an Baltasar Gracian, den Lehrer in der Kunst der Weltklugheit. Aber von Halle ausgehend gab es von nun an immer einen spanischen Einfluss in Preußen, meist wenig beachtet, weil die Stillen im Lande, die Pietisten, sich mit spanischen Mystikern vertraut machten, den genialen Eroberern der Innerlichkeit.Noch unter Friedrich dem Großen wurde Berlin zum Mittelpunkt einer Spanienbegeisterung, die von dort aus allmählich ganz Deutschland ergriff. 1786 trug Carlo Denina, ein piemontesischer Abbé, eine fulminante Verteidigung Spaniens, seiner Literatur, Wissenschaft und Kunst in der Preußischen Akademie vor. Durchaus mit dem Beifall des großen Königs, der anders als sein Bruder Heinrich die schönen Tage der französischen Literatur für mittlerweile längst vergangen hielt. Zuweilen hatte er Franzosen daran erinnert, aus Eifersucht auf die Spanier, die ihnen vorangingen in der Ausbildung ihrer Sprache und des guten Geschmacks, deren Verdienste mit der schwarzen Legende verdunkelt zu haben. 1783 hatte der französische "Kulturkampf" gegen Spanien seinen Höhepunkt erreicht.Nicolas Masson de Morvilliers beantwortete die selbstgestellte Frage, was Europa den Spaniern zu danken habe, mit einem lapidaren: Nichts. Die spanische Regierung protestierte, und sie erfuhr ausgerechnet aus dem bis zur Farblosigkeit erleuchteten Berlin der philisterhaften Vernünftigkeit unerwartete Unterstützung. Die genialische Jugend war der aufgeklärten Fadheiten überdrüssig und der mit ihnen verbundenen Geboten zierlicher Regelmäßigkeit, die Paris über die gebildete Welt verhängte. Spanien und Don Quijote wurden zu den wichtigsten Verbündeten bei der Bemühung, sich vom französischen Geschmack zu befreien. Der spanische Roman, der frei alle literarischen Gattungen vermengte, Elegie, Idylle, tragischen Ernst, bittere Groteske und beseelte Heiterkeit, der bunt und überraschend wie die Natur war, schlug einen Weg ein, auf dem später Goethe bequem und sicher wandern konnte.Der Don Quijote galt in solchem Verständnis als der Aufbruch in die poetische Moderne, die sich mit Goethes Wilhelm Meister vollendete. Zum nur wenig älteren Kult mit Shakespeare kam nun der mit Don Quijote und Cervantes hinzu. Die Berliner Romantik konnte sich unter solchen Voraussetzungen eine Moderne ohne Frankreich entwerfen, eine Moderne, die mit Hamlet und Don Quijote beginnt - beide "gleichaltrig" - und zu Faust und Wilhelm Meister führt. Später wird noch Don Juan hinzugefügt, um moderne Mythen oder mythische Gestalten mit Wahrheit für alle Zeit den alten zur Seite zu stellen. Sie werden zu Mythen, weil Shakespeare, Cervantes oder Goethe , wie der begeisterte Deuter des Don Quijote, der Philosoph Schelling meinte, den ganzen Stoff ihrer Zeit, sofern sie als Gegenwart auch die Vergangenheit wieder begreift, poetisch unterjochen und verdauen konnten.Von Berlin aus setzte sich spätestens mit den Vorlesungen August Wilhelm Schlegels von 1803 eine umfassende neue Bewertung des Don Quijote durch. An ihr beteiligten sich Fichte, Hegel und Schelling, Ludwig Tieck, der 1801 die klassische Übersetzung vollendete, E. T. A. Hoffmann, de la Motte Fouqué, Kleist, Achim von Arnim, Eichendorff oder Chamisso. Im Don Quijote fanden sie veranschaulicht, was die Moderne überhaupt beschäftigt: den Widerspruch und die Versöhnung von naiv-natürlicher Kunst und sentimentalisch-überlegter, von Ich und Nicht-Ich, von Ideal und Wirklichkeit, Poesie und Prosa. Bis heute kaut die Don Quijotterie als Wissenschaft an diesen Brocken Berliner Einfühlung und Nachdenklichkeit."Ganz Berlin" fing an, Spanisch zu lernen. Weil es keine brauchbaren Grammatiken und Lexika gab, mussten sie geschaffen werden. Mit den napoleonischen Truppen, die Deutschland nach und nach besetzten, kamen auch Spanier zum ersten Mal nach Preußen. Die Berlinerinnen, die nicht nur Cervantes lasen, sondern längst schon mit Calderons Komödien und Tragödien vertraut waren, mit dem Dichter, wenn es je einen gab, fielen von einer Verwechslung der Poesie mit dem Leben in die nächste. Selbst sehr kluge Frauen, unter ihnen die Rahel Varnhagen, konnten sich nur mit Mühe von den Passionen erholen, die leidenschaftliche und stolze Spanier ihren überwältigten Herzen zumuteten.Die spanische Regierung schickte sehr gebildete Botschafter nach Berlin, die sogar etwas konnten, was ganz helle Berliner nicht vermochten: auf Altgriechisch korrekt und elegant zu dichten. Wilhelm von Humboldt, der 1792 Spanien bereist hatte, rief allen Spaniern und Deutschen zu: Somos hermanos, wir sind Brüder, nicht zuletzt in der gemeinsamen Absicht, sich politisch und geistig von Frankreich zu befreien. Das ermöglichte, von den vorübergehenden politisch-militärischen Verbindungen abgesehen, eine in Europa einzigartige Aneignung spanischer Kultur im deutschen 19. Jahrhundert. Deutsche gerade im romantisch-wissenschaftlichen Berlin warben für die allgemeine Anerkennung spanischer Leistungen, damit Europa erkenne, was es Spanien verdankt: seine Modernität in allen Belangen, die gerade eine "natürliche" Kunst bestätigt, die ihre scharfsinnige Berechnung, ob nun bei Cervantes oder Velazquez, vergessen macht.1905 wussten die Deutschen noch, was sie vor allem Spaniern verdankten. Sie feierten Don Quijote, der auch ihnen geholfen hatte. Heute haben sie den edlen Ritter vergessen, nicht zuletzt in Berlin.------------------------------Don Quijote und der tote Esel, Honore Daumier, 1867. Öl auf Leinwand.

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