Vor 50 Jahren begann die Sprengung des damals noch weitgehend erhaltenen Berliner Stadtschlosses

Die Legende von der Ruine

Michael Mönninger
4 Min

Der größte Irrtum im Zusammenhang mit dem Untergang des Berliner Stadtschlosses ist, dass das Gebäude nach den amerikanischen Bombenangriffen vom 3. Februar 1945 eine einsturzgefährdete Ruine war, deren Wiederaufbau unmöglich erschien und die 1950 schließlich abgerissen werden musste. Diese Annahme beruht auf weit verbreiteten zeitgenössischen Fotografien, auf denen ausgehöhlte Reste der Umfassungsmauern aus Schuttbergen aufragen. Allerdings stammen diese Bilder aus dem Herbst 1950, als die Abrissarbeiten schon weit fortgeschritten waren. Bevor am 7. September 1950 um 12.30 Uhr die Sprengungen begannen, die zuerst den gesamten Ostflügel des Schlosses mitsamt der Hofapotheke niederlegten, konnte von einer unrettbaren Ruine noch keine Rede sein. Allerdings sind bisher aus dem Sommer 1950 kaum Originalfotos bekannt. Dass es sie sehr wohl gibt, zeigt ein vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen 1950 in Auftrag gegebener "Bildbericht über die Zerstörung Berliner Kulturdenkmäler", der die letzten überlieferten Erhaltungsfotos enthielt und der 1951 im Berliner Tauber Verlag erschien war. Hier ist in mehr als 100 Bildern vom Juli 1950 zu sehen, dass zwar der Mittelflügel, der die beiden Innenhöfe teilte, zur Hälfte eingestürzt war. Auch die meisten Innenraumausstattungen waren ausgebrannt. Aber in seiner Grundsubstanz und den Hauptfassaden war das Gebäude als Ganzes erhalten geblieben. In mehreren Flügeln fanden seit 1946 wieder Veranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen statt. Die Westseite an der Schlossfreiheit nahm nach Reparaturen die noch erhaltenen Sammlungen des Kunstgewerbemuseums wieder auf. Im so genannten Weißen Saal gab es im Sommer 1946 die Ausstellung "Moderne französische Malerei" und im Dezember die Schau "Wiedersehen mit Museumsgut". Dort fanden auch die beiden folgenden Ausstellungen "Berlin plant" von 1948 und zum Jubiläum der Revolution von 1848 statt. Die Wiederaufbaukosten wurden damals auf 30 Millionen Mark geschätzt, und neben dem Berliner Architekten Hans Scharoun war bis 1948 sogar die SED für eine Rekonstruktion des Schlosses als Regierungsgebäude eingetreten.Der Anfang vom Ende begann mit einem grausamen Kuriosum. Im Oktober 1949 richteten sowjetische Filmemacher das Schloss als originalen Kriegsschauplatz für den Film "Das Ende von Berlin" her. Panzer fuhren auf der Schlossfrei-heit auf und zermalmten Figurengruppen, die zuvor von der großen Treppe im Schlüterhof abgeschlagen worden waren. Im Feuer der Filmgeschütze zersprangen mehr als 200 bereits wiederhergerichtete Fenster des Schlossmuseums. Bis zuletzt, als Walter Ulbricht am 22. Juli 1950 den Abriss des Schlosses verkündete, gab es widersprüchliche Auffassungen über die Erhaltungsmöglichkeiten. Während der Ostberliner Magistratsdirektor Heinrich Starck 1949 den Abriss des vom Architekten Eosander stammenden Westflügels an der Schloss-freiheit forderte, aber dafür den östlichen Schlüterhof erhalten wollte, veröffentlichte die "Berliner Zeitung" am 15. Februar 1950 die entgegengesetzte Regierungsmitteilung: "Aus kulturellen Gründen soll der um das Westportal gelegene Teil des Schlosses erhalten bleiben. Der übrige Teil wird sich infolge der übergroßen Zerstörungen nicht mehr erhalten lassen und soll nach Sicherstellung der dort noch vorhandenen baulichen Kunstwerke abgetragen werden." Erst sollte der Eosandersche Teil erhalten und der Schlütersche Teil abgerissen werden, jetzt war es umgekehrt. Das legt den Schluss nahe, dass beide Teile zu retten gewesen wären. Fünf Monate dauerte der Abriss des fünfhundert Jahre alten Schlosses, bis es am 30. Dezember 1950 unter Einsatz von insgesamt 13 Tonnen Sprengstoff endgültig dem Erdboden gleich gemacht worden war. Die weithin unbekannten Bilder des Bundesminsteriums über den Erhaltungszustand vom Juli 1950 können Zweifel daran nähren, ob Walter Ulbricht tatsächlich das letzte Wort über die Berliner Stadtgeschichte behalten soll. (Seite 24)Morgen beginnt im Berliner Stadtmuseum/Märkisches Museum an der Wallstraße die Ausstellung "50 Jahre Schlosssprengung - eine Spurensuche", die unbekannte Messbilder und Spolien zeigt. Öffnungszeiten : Di. bis So. 10 bis 18 Uhr.TAUBER VERLAG BERLIN (4) Was wie ein Vorkriegsbild erscheint, stammt in Wahrheit aus dem Sommer 1950: der erhaltene Westflügel an der Schlossfreiheit mit ausgeglühter Kuppel.Erhaltene Bauplastik der Innenräume 1950: Schlüters Wandseiten des Elisabethsaales (oben), Hermen an der großen Treppe im Schlüterhof (unten).

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