Sie hat Matthias Brandt gleich erkannt. Nicht von früher, er war ja erst vier, als seine Familie wegzog. Aber weil er Schauspieler ist, und manchmal im Fernsehen. "Matthias" ruft Eva Sieveking, und erschrickt dann, weil sie einen erwachsenen Mann geduzt hat, der ihr fremd ist. Eigentlich. Aber sie hat ihn aufwachsen sehen, die ersten Jahre, ihre Söhne haben mit seinen großen Brüdern gespielt, und sie kannte seine Eltern: Rut und Willy Brandt. Willy Brandt wäre gestern 90 Jahre alt geworden. Und an dem Haus am Marinesteig in Schlachtensee, wo er und seine Familie von 1955 bis 1964 wohnten, wurde gestern eine Gedenktafel enthüllt. Darum ist die 89-jährige Eva Sieveking herübergekommen von ihrem Haus gleich nebenan. Darum ist auch Matthias Brandt da, und jede Menge andere Leute: Walter Momper als Präsident des Abgeordnetenhauses, Gerhard Groß, der Vorsitzende der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, Senatsmitglieder, Abgeordnete, Anwohner und die Familie Radlanski, die jetzt in der linken Hälfte des grau gestrichenen Zweifamilienhauses lebt, dort, wo damals die Brandts wohnten.Ein Mann des Friedens und des Ausgleichs sei Brandt gewesen, ein Reformer und großer Demokrat, sagt Senatskanzleichef André Schmitz vor der Enthüllung über den ehemaligen Bundeskanzler und Regierenden Bürgermeister Berlins. Als nach der Enthüllung alle beisammen stehen, wird auch über Brandt gesprochen, in einer Mischung aus Respekt und dem Gefühl, von ihm persönlich berührt worden zu sein - in einer Weise, wie es heute kaum ein Politiker mehr schafft. Ralf Radlanski, der mit seiner Familie vor acht Jahren in die großzügige 30er-Jahre-Siedlung gezogen ist, sagt, er sei sich immer klar gewesen, dass er, aus einfachen Verhältnissen kommend, es Brandts Politik zu verdanken habe, dass er studieren konnte. Heute ist Radlanski Professor am Virchow-Klinikum.Er hat seinen Kindern viel über den SPD-Politiker erzählt, und nicht nur, weil die Familie in seinem ehemaligen Haus lebt. Jetzt wissen sie eben nicht nur über seine politische Bedeutung Bescheid, sondern auch über Dinge, die sonst niemand weiß. Radlanskis Tochter Jana, 12, erzählt, dass das Arbeitszimmer ihrer Mutter auch das von Willy Brandt war, und dass der Schreibtisch an der gleichen Stelle stand. Das hat sie auf alten Fotos gesehen. Sie und ihre zwei Brüder haben die gleichen Zimmer wie damals die Kinder des Ehepaars Brandt. Ihres ist das von Matthias.Matthias Brandt, der jetzt in Halensee lebt, kann sich auch bei der Führung durch das Haus an nichts mehr erinnern. Seine ersten Erinnerungen sind aus der Villa in Grunewald, in die die Familie 1964 zog. Da war Brandt schon seit sieben Jahren Bürgermeister und auf dem Weg, einer der führenden Politiker Deutschlands zu werden. Eva Sieveking sagt, dass sie es schade fand, als die Brandts wegzogen. Andere in der Gegend aber nicht. Sie habe erlebt, wie sich Leute "vor Zorn verfärbten", wenn nur Brandts Name erwähnt wurde. Weil sie kein Verständnis hatten dafür, dass er nach dem Mauerbau zu osteuropäischen Staaten Kontakt aufnahm.Über Brandts Ostpolitik und alle anderen Stationen seines Lebens kann man sich jeden Tag in einem kleinen, etwas versteckt gelegenen Raum im Rathaus Schöneberg informieren. Nur tut das an normalen Tagen selten jemand. Am Donnerstag aber ist auch in der Dauerausstellung der Willy-Brandt-Stiftung mehr los als sonst - wenn man auch um 13 Uhr noch weit vom 90. Besucher des Tages entfernt ist, dem eine Brandt-Biografie als Geschenk versprochen wird. Anlässlich des Geburtstages gibt es jede Stunde eine Führung, oder immer dann, wenn ein Grüppchen beisammen ist. Es kommen nicht viele. Aber die, die kommen, sprechen ähnlich über Brandt wie die Besucher des offiziellen Gedenktermins in Schlachtensee. Ein bisschen Verehrung ist herauszuhören und ein Bedauern, das der Rentner aus Kreuzberg so ausdrückt: Politiker von solchem Format gebe es heutzutage nicht mehr. Ein Psychologe sagt, Brandt sei immer sein politisches Vorbild gewesen und außerdem interessiere ihn die Tatsache, dass Brandt vaterlos aufgewachsen sei - wie er selbst. Eine 23-jährige Reisekauffrau ist von Brandts Charisma begeistert, seit sie einen Film über ihn gesehen hat, und von dem, "was er für Deutschland getan hat". Sie lassen sich vorbeiführen an Vitrinen mit Fotos und Briefen, die Brandt in seiner engen Handschrift geschrieben hat. Auch die Erklärung, dass er als Bundeskanzler zurücktritt, ist dabei, geschrieben am 6. Mai 1974. Auf einem Foto sitzen Rut und Willy Brandt und die drei Kinder in einem Wohnzimmer. Es sieht aus, als wäre es am Marinesteig 14 aufgenommen.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER (2) Unter den Augen der Skulptur von Willy Brandt liefen die Besucher durch die Ausstellung im Rathaus Schöneberg.Matthias Brandt vor der Gedenktafel am Marinesteig
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