Die Stadt war dem Infarkt nahe an diesem Märznachmittag, die Autos quälten sich schrittweise vorwärts. Der Himmel wurde dunkel, alle Ausgänge im Norden der Stadt schienen verstopft. Irgendetwas musste passiert sein.
Die Nachrichten brachten es am nächsten Morgen, ein Vorfall von schrecklicher Dramatik, ein dummer Zufall, eine Laune des Schicksals hatte das Chaos verursacht, die Ordnung im Leben der Beteiligten durcheinander gebracht und ein Dasein jäh beendet.
Passiert war es am Mittag, kurz vor eins. Eine junge Frau, Opernsängerin von Beruf, war Zeugin. Ihr Weg führte vom S-Bahnhof Blankenburg unter der Autobahnbrücke hindurch. An der Hand hatte sie ihren vierjährigen Sohn, sie redeten darüber, was sie zu Mittag essen wollten, sie waren fröhlich. Da fiel plötzlich ein Mann von oben herab. Direkt vor unsere Füße, sagt sie, sie hat den Aufprall noch im Ohr. Sie riss das Kind herum, es sollte nicht hinsehen, sie holte das Handy aus der Tasche, schlotternd.
Im selben Moment war ein junger Mann, Angestellter im Facility-Management, gemeinsam mit seinem Vater unter der Brücke hindurch geradelt. Da kam jemand von oben runtergeflogen, sagt er, direkt vor unsere Füße. Er sagt es mit demselben Unglauben in der Stimme. Der Mann, der von der Brücke gefallen war, trug eine orange-rote Warnweste. Der Manager lief die Böschung hoch zur Autobahn. Wenn ihr einen sucht, der liegt da unten, sagte er zu den Straßenbauern. Sie vermissten keinen.
Ein Unfall war passiert auf der A114. Ein Mann war mit seinem Firmenwagen, einem silbernen VW Caddy, auf der Brücke liegen geblieben. Die Brücke hat dort keinen Standstreifen. Der Caddy stand auf der rechten Fahrspur stadteinwärts. Niemand rechnet mit einem stehenden Auto auf einer Fahrspur. Ein VW Passat knallte auf das Pannenauto. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der vor seinem Fahrzeug stehende Fahrer von der Autobahnbrücke geschleudert. So hieß es im Polizeibericht.
Der Passat-Fahrer kam mit schwerem Schock ins Krankenhaus. Ein halbes Jahr später steht er vor Gericht, angeklagt wegen fahrlässiger Tötung. Zu hohes Tempo und zu geringer Abstand werden ihm vorgeworfen Der 51-Jährige, ein Mann ohne Vorstrafen, der sich als Selbstständiger im Trockenbau durchs Leben kämpft, gibt sich Mühe, sachlich zu berichten, aber als er am Verhandlungsende nach seinem letzten Wort gefragt wird, ringt er um Fassung, er will etwas sagen und bringt es nicht heraus.
Anders der Zeuge, der das Auto hinter dem Passat steuerte und gerade noch bremsen konnte. Er ist ein Mann mit Sinn für Kontraste, von Beruf Bestatter, was vielleicht erklärt, warum er den Hergang so überaus lebendig schildert. Für ihn ist wichtig, dass er gerade von seinem Kumpel kam, der einen Garten hat, und dass schönes Wetter war, das erwähnt er mehrmals. Bedeutsam für die Verhandlung ist aber, dass er die Aussagen des Angeklagten bestätigt, dass der den Caddy zu spät sehen konnte. Vor dem Passat sei noch ein SUV gefahren, so ein großer, teurer, weißer. Plötzlich fuhr der einen Haken nach links. Der Passat vor mir bremste mit qualmenden Reifen. Da hat’s direkt schon geknallt.
Der Sachverständige, in dessen Vortrag es ausführlich um Meter und Sekunden geht, bestätigt, dass der Unfall nicht zu verhindern war, und am Ende spricht das Gericht den Angeklagten frei. Das Unfallopfer, ein 54-jähriger Mann, spielte in der Verhandlung so gut wie keine Rolle. In der Sprache des Ermittlungsbeamten war er schon tot, als er noch lebte: Es musste geklärt werden, wo sich der Verunfallte befand, als der Unfall geschah. Nur dass er das Warndreieck viel zu dicht hinter dem Caddy aufgestellt hatte, ist wichtig. Aber es ging ja hier nicht um seine, sondern um die Schuld des Angeklagten. Der taumelt nach dem Freispruch in die Arme seiner Freundin, sie küsst und herzt ihn, weint und lacht. Er lässt es geschehen, mit abwesendem Blick. Weil es noch lange nicht vorbei ist.
Der kleine Sohn der Sängerin schien den Vorfall verkraftet zu haben. Aber kurz danach pullerte er nachts wieder ein. Die Frau meidet Brücken, wo sie kann. Wenn sie doch unter einer durch muss, schaut sie nach oben. Ob nicht einer herunterfällt. Obwohl sie weiß, dass einem so etwas nur einmal im Leben passiert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de