LEIPZIG, im März. Der Augustusplatz sieht grau aus im nasskalten Grieselwetter. Außer seinem wieder erlangten Namen hat dieser Ort, der unter Ulbricht und Honecker Karl-Marx-Platz hieß, nichts mehr von seiner alten klassizistischen Würde. Aber immerhin ist da ein kleines Zeichen. Vor dem Eingang zum Universitäts-Gebäude, einem tristen Kuben-Campus aus verwittertem 70er-Jahre-Beton, formieren sich rot lackierte Stahlträger zu einem angedeuteten Spitzgiebel.Martin Helmstedt sieht es in diesen Wochen mit besonderer Genugtuung, dass die rote Stahlkonstruktion noch immer dasteht. Für nur hundert Tage war sie gedacht gewesen, als sie im Mai 1998 errichtet wurde. Ein Erinnerungsmal. Hier ist der Ort, an dem noch ein letztes Stück vom alten Augustusplatz leben könnte. Hier hatte - vom Krieg nicht zerstört und funktionstüchtig - die kleine Leipziger Universitätskirche St. Pauli den Zeiten getrotzt. Doch dieses älteste Gebäude der Universität, von ihr seit einem halben Jahrtausend für Gottesdienste, Promotionen, Konzerte und als Begräbnisstätte genutzt, stand dem ideologischen Neuordnungswahn der SED im Wege. Walter Ulbrichts Todesurteil war früh gesprochen: "Das Ding muss weg!". Am Vormittag des 30. Mai 1968 wurde die Kirche mit zwei Tonnen Nitroglyzerin gesprengt. 728 Jahre gebaute Geschichte sanken zum Trümmerhaufen zusammen.Kein Stein aus dem Gemäuer kann auf diesem Platz noch etwas erzählen von den Dominikanern, die dort 1240 ihre Klosterkirche bezogen. Von den Umbauten zur spätgotischen Hallenkirche und den vielen Stilisierungen der Zeitläufe bis zur letzten neugotischen Fassade vom Ende des 19. Jahrhunderts. Von der Reformation, durch die die Klosteranlage 1543 an die Universität fiel und deren Herberge wurde. Kein Mauerbrocken mehr, der noch etwas davon wüsste, dass Martin Luther die Kirche weihte oder Johann Sebastian Bach auf ihrer Großen Orgel spielte. In jenem Mai 1968 bekam niemand die Zeit, das Instrument zu retten, man jagte es kurzerhand mit in die Luft. In Probstheida, dreißig Meter tief am Grunde der einstigen Etzold schen Kiesgruben, liegt alles unter schwerem Schutt begraben.Leipzig tut sich noch immer schwer mit dieser Geschichte. Es waren damals nur wenige, die Protest wagten, Verhöre, Verfolgungen und Gefängnis auf sich nahmen. Mit riesigem Aufwand fahndete die Stasi nach jener kleinen Studentengruppe, die im Juni 1968 bei der Siegerehrung zum Bach-Wettbewerb in der Leipziger Kongresshalle ein Transparent mit den Umrissen der Paulinerkirche aus dem Schnürboden fallen ließ: "Wir fordern Wiederaufbau!" Eine Tafel am Universitätsgebäude erinnert daran, dass die Partei-Oberen zuvor leichtes Spiel gehabt hatten. Die führenden Professoren der Universität hatten immer schon für Tabula rasa auf dem Platz plädiert; die Leipziger Stadtverordneten wählten zynischerweise den 23. Mai, den Tag von Christi Himmelfahrt, für ihre Zustimmung, das Gotteshaus zu sprengen.Martin Helmstedt, Privatdozent am Institut für Experimentelle Physik der Leipziger Universität, gehört heute zu jener Minderheit, die die Kirche wieder aufbauen lassen möchte. Damals, im Mai 1968, forschte er als junger Mann an einem Akademieinstitut. Mehr als "ohnmächtige Wut" hatte auch er seinerzeit nicht aufbringen können gegen "die erlebte Kulturschande in einem System, das sich so gern mit großen Sprüchen von Fortschritt und humanistischer Tradition brüstete". Umso mehr fühlte er sich nach der Wende in der Pflicht, sich im Paulinerverein mit den Widerständlern von damals zusammenzutun. "Ulbricht darf nicht das letzte Wort auf dem Augustusplatz gesprochen haben", war die Losung. "Das Ding muss wieder her!"Bekannte Fürsprecher wie der Maler Wolfgang Mattheuer, der Trompeter Ludwig Güttler oder der Gelehrte Carl Friedrich von Weizsäcker unterstützen diese Bürgerinitiative. Die rote Stahl-Installation vor dem Universitätseingang war eine der Aktionen des Vereins, und vor allem die Pauliner haben dafür gesorgt, dass die Installation im Stadtbild blieb - "gegen den Widerstand der Universität, leider", wie Helmstedt betont.Die Universität steht mit Rektorat, Senat und Studentenrat in erbitterter Gegnerschaft zu den Paulinern. Sie will die Kirche nicht wiederhaben, ist sich darin einig mit dem SPD-regierten Stadtrat und hatte bis vor kurzem auch die Landesregierung auf ihrer Seite. 2009 wird die Leipziger Universität ihr 600-jähriges Bestehen feiern. Bis dahin soll am Augustusplatz ein neuer, "dem 21. Jahrhundert gemäßer" Campus errichtet sein. Am Platz der Kirche soll eine Mehrzweck-Aula stehen mit Raum für geistliche Andacht, eingerichtet mit einigen Reliquien zur Erinnerung an das verlorene Gotteshaus.Die Pauliner hätten sich wohl schon geschlagen geben müssen, zumal Hoffnungen, die Uni-Kirche könnte wie die Dresdner Frauenkirche zum Identifikationssymbol für eine ganze Stadt werden, sich nicht erfüllten. Nur ein Drittel der Leipziger Bürger zeigte Interesse an einem originalen Neuaufbau. Aber ein einflussreicher Mann brachte den kleinen Verein noch einmal groß ins Gespräch: der deutsch-amerikanische Medizinnobelpreisträger Günter Blobel, der großherzige Förderer der Dresdener Frauenkirche. Mit einer Streitmacht von weiteren 26 Nobelpreisträgern zog er wortgewaltig gegen die "geschichtslosen" Leipziger Offiziellen zu Felde. Er beschwor die Kette großer Namen, die mit diesem Ort verbunden waren: von Luther und Bach, über Leibniz, Vater und Sohn Goethe, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Wagner bis zu Heisenberg. Er "kenne keine Kirche mit vergleichbarer Tradition in Deutschland". Der Willkürakt der SED-Diktatoren sei ein unseliges Zeichen gewesen und der Wiederaufbau der Paulinerkirche mehr noch als der der Frauenkirche "eine nationale Verpflichtung".Blobels Eingreifen heizte die Kontroverse um die Uni-Kirche weiter an. Im Frühjahr 2002 übernahm er den Vorsitz des Paulinervereins und brachte die Kontrahenten in Bedrängnis: Da die evangelische Landeskirche an dem Projekt nicht interessiert ist, warb er beim Vatikan um eine katholische Trägerschaft - und hatte Erfolg. Man signalisierte ihm Interesse und stellte gleich zehn Millionen Euro in Aussicht, das sind vierzig Prozent der vom Verein veranschlagten Gesamtkosten. "Warum", fragt Blobel, "ist jemand so dagegen, wenn er eine Kirche geschenkt bekommt?" Blobel will die Kirche in ein technisch modernes Ensemble einbinden und gewann dafür Leoh Ming Pei, den amerikanisch-chinesischen Architekten der traditionell-postmodernen Synthesen. Vorausgesetzt, es wird ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben.Der Verein sorgte in Zusammenarbeit mit der Leipziger CDU Anfang dieses Jahres schließlich für den großen Eklat: Entgegen allen vorherigen Vereinbarungen drängte der neu ins Amt gekommene sächsische Wissenschaftsminister Rößler das Dresdener Kabinett zu einem Beschluss, den Wiederaufbau von St. Pauli zu unterstützen. Die Leipziger Universität sollte angehalten werden, das einstige Gelände der Uni-Kirche frei zu halten. "Da hatten wir schon ein bisschen gefeiert", sagt Martin Helmstedt.Zu früh. Seit jenem 28. Januar überschlugen sich im Leipziger Kirchenstreit die Ereignisse, steigerte sich ein Kulturkampf zu hasserfüllten Auseinandersetzungen, die für Außenstehende nur schwer zu begreifen sind. Der Rektor der Leipziger Universität, Volker Bigl, sprach von einer "beispiellosen Einmischung in die Selbstverwaltung der Universität", von einer "Überheblichkeit der Macht, die ihresgleichen sucht". Am 30. Januar trat er von seinem Amt zurück. Tags darauf folgten ihm alle seine Prorektoren, und der Fernsehsender MDR lud eiligst zu einem Streitforum ins Gewandhaus. Martin Helmstedt war "erschrocken über die emotional und ideologisch aufgeladene Atmosphäre" im überfüllten großen Foyer und draußen auf dem Augustusplatz. Lange schon hatten die Befürworter der Kirche ihre Gegner als Erben Ulbrichts attackiert. Nun fühlten sich ihrerseits auch die Gegner des Wiederaufbaus durch den Eingriff der Landesregierung "in fataler Weise an den barbarischen Akt der Sprengung der Paulinerkirche erinnert". Aufgebrachte Studenten zogen mit Transparenten über den Augustusplatz: "Entmündigung der Uni! Genau wie 1968". In der Öffentlichkeit ist von "der schwersten Krise der Leipziger Universität seit 1989" die Rede, von einem "Kultur- und Kirchenkampf", der die Stadt zu zerreißen drohe. Die CDU lege es darauf an, den sozialdemokratischen Leipziger Oberbürgermeister Tiefensee zu beschädigen, den möglichen künftigen Bewerber um das Amt des Ministerpräsidenten. Der sächsische Ministerpräsident, der sauerländische Katholik Milbradt, wolle "die Reformation zurückdrehen". Der Leipziger Nachwende-Rektor Cornelius Weiss sieht die katholische Kirche auf dem Marsch, "die Handelsmetropole auf kaltem Wege zu christianisieren". Das Kirchengrundstück sei für die Universität "heiliges Land" und werde nicht herausgegeben, sagt der Universitäts-Kanzler Peter Gutjahr-Löser.In der hitzigen Atmosphäre des Leipziger Kirchenstreits haben es Sachargumente mittlerweile schwer. Die Gegner einer Kirchenrekonstruktion sind der Überzeugung, dass die Kopie eines historischen Bauwerks, von dem es keine originalen Teile mehr gibt, ein künstliches Unterfangen ist, das kein wahres Erinnern zulasse. Es sei ein untauglicher Versuch, Geschichte ungeschehen zu machen, historische Brüche zu kitten. Vielmehr gehe es doch darum, "die Wunde offen zu halten", sagt Kerstin Kirmes, die Pressesprecherin des Oberbürgermeisters. Kirmes war im Mai 1968 Schülerin, ihr Bruder musste an jenem Tag als Bereitschaftspolizist den Sprengort mit absperren. Sie erinnert sich an die bedrückte Atmosphäre in ihrer Familie. Sie sagt: "Die Universitätskirche ist in meinem Herzen, aber ein noch so perfekter Nachbau bringt sie mir nicht zurück. " Auch andere Wiederaufbaugegner haben persönliche Bindungen an das untergegangene Gotteshaus: Rektor Cornelius Weiss sang im Chor, Martin Petzoldt, heute der erste Prediger der Leipziger Universität, hat 1968 als letzter Studentenprediger auf der Kanzel von St. Pauli gestanden.In der Kustodie der Universität betreut Cornelia Junge gerettetes Inventar der Paulinerkirche. Ganze vier Tage hatten damals Kunsthistoriker und Helfer Zeit, um kostbarstes Kunstgut in Sicherheit zu bringen. Darunter Gemälde Cranachs d. Ä. und seiner Schule, Grabplatten, einige Altäre (darunter der in den achtziger Jahren restaurierte und in der Thomaskirche aufgestellte prachtvolle Hauptaltar), die kleinere der beiden Orgeln, Glocken und liturgisches Gerät. Rund achtzig Prozent der in Jahrhunderten zusammengekommenen reichen Ausstattung der Kirche sind noch da, zu großen Teilen in Depots lagernd und in schlechtem Zustand. Den künstlerischen Wert dieses Fundus schätzt Cornelia Junge - im Gegensatz zur "eher mittelmäßigen Qualität" des Kirchenbaus - sehr hoch ein. Diesen Kleinodien wieder eine historisierende Hülle zu bauen, für die es von den technischen Unterlagen ohnehin kaum Voraussetzungen gäbe, hielte sie indes "für unehrlich".Nach dem großen Wirbel Ende Januar ist die Landesregierung seit vierzehn Tagen nun um Schadensbegrenzung bemüht. Minister Rößler rudert zurück. Von einem Klärungsgespräch kehrten Oberbürgermeister Tiefensee und Prorektor Häusler zufrieden zurück: Von einem Wiederaufbau der Paulinerkirche sei keine Rede mehr gewesen, sondern nur noch von einem modernen "Aula-Kirchen-Bau", der bis in die Fassadengestaltung hinein St. Pauli deutlich zitieren soll. Die Pauliner waren eine Woche später nach Dresden geladen, ließen sich von ihrer Forderung nach einem Wiederaufbau nicht abbringen, aber es sieht nicht gut für sie aus.Ihr Vorsitzender Günter Blobel, der Nobelpreisträger, saß derweil in seinem Arbeitszimmer in New York und wunderte sich. Er kann einfach nicht verstehen, "warum sich die traditionsreiche Leipziger Universität nicht eine zeitlos schöne, spätgotische Halle als Aula und Gotteshaus zurückgeben will". Stattdessen riskiere sie lieber, in einem kurzlebigen Mehrzweckbau vom Schlage einer Bank- oder Kaufhauslobby "Erinnerungskitsch zu bekommen". Wie viel sei denn noch original etwa am Speyerer Dom, am Kölner Dom, am Campanile von Venedig? "Lasst uns doch dem Augustusplatz, diesem bedeutenden Schnittpunkt deutscher Geistesgeschichte, etwas von seiner alten Größe zurückgeben. In hundert Jahren wird das neue Gewandhaus zusammengefallen sein. Eine spätgotische Hallenkirche aber wird man dann noch immer bewundern. "ZB/WOLFGANG KLUGE Leipzig im Jahr 1964: das alte Gebäude der Universität (l. ), daneben die Paulinerkirche.BERLINER ZEITUNG/PABLO CASTAGNOLA Leipzig im Jahr 2003: das aktuelle Gebäude der Universität.
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