Die ersten waren schon um halb zehn da, eine halbe Stunde vor Öffnung. Wenn’s dann endlich losgeht, „ist es eigentlich immer das Gleiche“, beschreibt Bert Czujewicz das Prozedere. „Vati startet durch nach hinten in den Hof, um sich bei der Wurst anzustellen oder bei Brot und Kuchen. Mutti macht derweil vorne ihre erste Runde an den Ständen. Vielleicht findet sie ja ein Schnäppchen.“
Bert Czujewicz ist stellvertretender Betriebsleiter der Schneiderei in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel. Das, was er beschreibt, ist der Andrang zum Winterbasar im Shop der JVA. Seit zehn Jahren präsentieren die Arbeitsbetriebe von Tegel ihre Produkte in einem speziellen Basar, das geschieht viermal im Jahr. Am Sonnabend war es wieder so weit. Und Hunderte Besucher ließen sich anlocken.
Zum Beispiel Familie Schmidt. „Wir sind gerade erst in die Gegend gezogen und sind zum ersten Mal hier. Nachbarn haben uns auf die Idee gebracht, die kommen seit Jahren. Wir wollten mal gucken“, erzählt Dirk Schmidt. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern schaut er sich auf dem Gelände, das an der Außenseite der Anstaltsmauern zur Seidelstraße hin liegt, um. Wüsste man nicht, dass sich im Hintergrund das Gefängnis befindet, man würde es nicht merken. Zwar stehen hinter manchen Ständen breitschultrige Herren mit „Justiz“-Aufnähern auf den Pullis, an anderen Ständen geht es aber zivil zu.
Dass einige Verkaufshelfer Freigänger sind, fällt nicht auf. Und auch die Waren fände man so ähnlich wohl auf vielen Adventsmärkten: Tiffany-Glas, Holzklimbim, Schmiedeeisernes, Papeterie, aber es gibt auch Grillkamine für den Garten, Arbeitsschuhe, Jeans oder Büromöbel – eben alles, was die 17 Werksbetriebe der JVA hergeben. Auch die Preise sind unauffällig. Zwar sind die Jeans mit 25 Euro billig (dafür auch wenig modisch), 8 Euro für ein hochwertiges Notizbüchlein zahlt man aber auch anderswo.
Gekauft hatte Familie Schmidt nach einer halben Stunde noch nichts. „Mal sehen, vielleicht finden wir ja noch was“, sagt Dirk Schmidt und macht sich auf den Weg ins Getümmel, Frau und Kinder suchen. Mit leeren Händen stand diesmal auch Gisela von der Aue da. Das sei in den vergangenen Jahren aber oft anders gewesen, erzählt die frühere Justizsenatorin, die nach eigenem Bekunden regelmäßig zu den Basaren kommt.
Warum sie das tut? „Erstens will ich unterstützen, dass die Inhaftierten sinnvolle Arbeit machen. Zweitens gibt es prima Sachen hier.“ Zum Beispiel? „Viele kommen wegen der Adventskränze. Aber es gibt zum Beispiel auch gute Tretmülleimer. Die sind schwer und fallen nicht immer gleich um.“
Schneider Czujewicz, wie alle Meister in den Werksbetrieben im Range eines Justizvollzugsbeamten, erklärt, dass sie keinen Gewinn machen dürfen. Den Nutzen hätten neben den Kunden die Inhaftierten. Der Arbeitslohn liegt zwischen 6 und 12 Euro. Pro Tag. Ein Teil wird für den Start nach der Entlassung beiseite gelegt, für den Rest können sie einkaufen, was die Knastküche nicht hat: besonders gerne Tabak und Schokolade. Dies gilt erst recht für die Adventszeit, für Knackis die bedrückendste Zeit. Wenn draußen das Fest der Liebe ansteht, tut das Eingesperrtsein doppelt weh.
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