Vorweihnachtszeit

Eine kleine Typologie des Pärcheneinkaufs

In der Vorweihnachtszeit im Kaufhaus lässt sich vieles beobachten.

Torsten Harmsen
3 Min
Ein glückliches Pärchen beim Weihnachtseinkauf.

Ein glückliches Pärchen beim Weihnachtseinkauf.

© imago/Westend61

In der Vorweihnachtszeit im Kaufhaus lässt sich vieles beobachten. Zum Beispiel Pärchen, die gemeinsam einkaufen. Das passiert auf so vielfältige Weise, dass es sich lohnt, eine kleine Typologie des Pärcheneinkaufs zu verfassen. Oder besser eine Verhaltensbiologie. Denn man kann das Beobachtete recht gut im Vergleich mit Tierarten beschreiben.

Eichhörnchen und tapsiger Bär

Die Frau läuft emsig durch den Laden und sammelt Vorräte. Der Mann sitzt im Bau – hinterm Vorhang der Ankleidekabine – und wartet. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wird ihm hereingereicht. Ab und zu kommt er heraus und stellt sich tapsig vor den Spiegel.

Das Eichhörnchen zippelt und zuppelt an ihm herum: „Dreh da mal! Loof mal ’n paar Schritte. Jefällt dir die Hose?“ – Brummige Antwort: „Mmmhh.“ – „Die ist doch jenauso wie deine alte, die du so jern getragen hast. Und ooch nicht teuer. Wenn de’n Jürtel rinmachst, hängtse ooch nich so. Von de Länge passt se. Zur Not lass ick den Saum raus. Sach doch mal wat!“ – „Mnnja! Jut. Ejal.“ – „Dann geh rin, zieh se aus. Ick häng derweil die andern zurück.“

Streifende Füchse

Oft sind es jüngere Paare, die sehr gern shoppen gehen. Sie ziehen durch den Laden im biologisch genau vorgegebenen Abstand, was sie in die Lage versetzt, möglichst viel zu überblicken, zugleich aber Informationen auszutauschen: „Ej, guck mal die Mütze! Sieht geil aus.“ – „Wow! Würdeste so’n Gürtel tragen?“ – „Die gleiche Tasche hat Paula.“ – „Ich find die Farbe blöd.“ Bei solchen Streifzügen geht es meist um Accessoires, nicht um die Basis-Kleidung. Diese wird von jungen Füchsen meist in Alleingängen besorgt.

Affenfamilie

Das große Problem solcher Familien ist die Divergenz der Interessen. Erst vor wenigen Tagen habe ich eine gesehen: Die junge Mutter war ganz nervös, weil sie unbedingt alle drei Kinder einkleiden wollte. Der Junge und die zwei Mädchen hopsten umher, zerrten mal dies, mal das aus dem Regal.

Eines der Mädchen wollte „unbedingt, bittääää!“ ein knallgrünes T-Shirt haben. Der Papa guckte umher und suchte was für sich. Plötzlich platzte der Mama der Kragen. Sie rüffelte ihn: „Nein, du suchst dir jetzt nichts aus hier. Wir sind da, um für die Kinder was einzukaufen. Du kannst ja extra noch mal gehen.“ Bloß weg hier!

Elster im Probierrausch

Von ihr lebt das Kabarett seit mehr als hundert Jahren. Die Freundin oder Frau probiert exzessiv Stücke an, während der männliche Part schwitzt und wartet. Oft geht es dabei um Schuhe. Legendär ist „Der Blusenkauf“ des Kabarettisten Otto Reutter, geschrieben 1927.

Hier steht der Mann stundenlang vor dem Laden, während sich die Frau drinnen nicht entscheiden kann, ob die Bluse blau, violett, gelb, grün, kariert oder gestreift sein soll. Am Ende fällt er um und ist tot.

Dösende Dachse

Um ein Ableben durch Überanstrengung zu vermeiden, gehen viele Paare in der Winterruhe gar nicht erst aus der Höhle. Sie bestellen im Internet. Was nicht über den dicken Dachsbauch passt, wird zurückgeschickt.

Ein Greenpeace-Video hat aber neulich gezeigt, dass Amazon etwa 30 Prozent seiner Online-Retouren vernichtet und der Anteil des Online-Handels am gesamten Verpackungsmüll 50 Prozent beträgt. Vielleicht ist es ja doch besser, sich ab und zu unter die verschiedenartigen Exemplare des Homo kaufhausiensis einzureihen. Es ist zwar anstrengend, aber auch unterhaltsam.

Weihnachtstipp: Torsten Harmsen: Neulich in Berlin – Kurioses aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra verlag, Berlin 2018, 14 Euro, 224 Seiten.

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