Er traut sich nicht. Den Wasserkasten lässt Ralf Siegel nach dem Einkaufen im Auto stehen. Entweder seine Frau oder seine Söhne müssen ihn dann später nach oben in die Wohnung tragen. „Ich stelle mir vor, wie ich in die Hocke gehe, den Kasten hochnehme und es wieder passiert“, sagt er.
Ralf Siegel hat wegen einer angeborenen Durchblutungsstörung schon seit jungen Jahren Arthrose und deswegen ein Hüftimplantat bekommen. Als er sich am 27. Mai 2008 mit dem rechten Fuß in seinen Schuh schlüpft, hört er ein dumpfes Knacken und sackt zu Boden.
„Ich hatte höllische Schmerzen und konnte mich nicht aufrichten“, erinnert sich der 42-Jährige. Per Krankenwagen kommt er in die Klinik. Es stellt sich heraus, dass sein Hüftimplantat gebrochen ist, erst vier Jahre nachdem es ihm in der Helios-Klinik in Zehlendorf eingesetzt worden war. Dabei soll eine derartige Prothese zehn bis fünfzehn Jahre halten. An diesem Montag wird sich das Berliner Kammergericht mit dem Fall befassen.
Firma warnte das Krankenhaus
Ralf Siegel recherchiert im Internet und trifft auf den Medizinrechtanwalt Jörg Heynemann. Von ihm erfährt er, dass er kein Einzelfall ist. Über zweihundert Patientinnen und Patienten, deren Implantate gebrochen sind, vertritt der Berliner Anwalt. Eska Implants heißt die Lübecker Firma, die das Implantat hergestellt hat, das Ralf Siegel eingesetzt worden war. Er erfährt, dass laut Aussage des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) über zehn Prozent der von Eska Implants hergestellten Hüftimplantate des bei Ralf Siegel eingebauten Typs bereits nach vier Jahren gebrochen sind.
Eine Ursache hierfür ist nach Meinung des Implantat-Experten Ulrich Holzwarth, dass das künstliche Gelenk gegossen statt geschmiedet wurde. Das sei in der Herstellung billiger, könne jedoch zu winzigen porösen Stellen führen. Noch erhöht wurde das Bruchrisiko dadurch, dass das Implantat am oberen Rand mit einer Laserschrift versehen wurde, die quasi zur Soll-Bruchstelle wurde. 15.000 Euro Schadensersatz erstreitet Ralf Siegel von der Firma Eska Implants. Und er erfährt noch etwas, das ihn fassungslos macht.
Bereits knapp zwei Jahre nach der Operation hatte die Herstellerfirma begonnen, das Implantat wegen einer erhöhten Rate von Versagensfällen zurückzurufen. Ein Jahr vor dem Bruch hatte die Firma Eska Implants, die es heute nicht mehr gibt, die Helios-Kliniken darüber informiert, dass es zu vorzeitigen Brüchen ihrer Implantate gekommen war und keine derartigen Prothesen mehr ausgeliefert würden. Darüber wurde Ralf Siegel nie informiert.
„Natürlich ist es mein Recht, zu erfahren, was in meinem Körper steckt“, sagt Ralf Siegel. Für Rechtsanwalt Jörg Heynemann erfordert das auch der Grundsatz der Patientenautonomie. „Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und das Bruchrisiko zieht ja auch noch viele anderen Risiken nach sich“, so der Anwalt, „eine Frau ist zum Beispiel beim Bruch ihres Implantates mit dem Kopf gegen einen Heizkörper gestürzt, ein Mann viele Stunden hilflos in einer entlegenen Gegend liegengeblieben.“
Nach Ansicht der Klinik habe es keine Anhaltspunkte gegeben, aufgrund derer sie die Patienten habe informieren und Risiken aufzeigen und begründen können. Zwischen 2004 und 2008 sei vierzehn Patienten ein derartiges Implantat eingesetzt worden. Bei zwei von ihnen habe es ausgetauscht werden müssen. „Eine rein prophylaktische Revisionsoperation ohne einen konkreten medizinischen Anlass ist aus medizinisch-ethischer Sicht nicht vertretbar“, so Natalie Erdmann, Leiterin Unternehmenskommunikation und Marketing Region Mitte-Nord von Helios. „Da bei den betreffenden 12 Patienten unseres Wissens keine Einschränkungen mit den Hüftprothesen bestehen, wären die Risiken eines operativen Eingriffs nicht zu rechtfertigen gewesen.“
Doch genau diesen Eingriff hätte sich Ralf Siegel gewünscht, denn nach dem Bruch wurde eine größere Operation fällig. Nicht nur das künstliche Gelenk, sondern auch die Gelenkpfanne mussten ausgetauscht werden. Auch hier erhebt Ralf Siegel Vorwürfe gegen die Helios-Klinik, denn er musste dafür sogar zweimal auf den Operationstisch, da zunächst keine geeignete Bohrmaschine zur Verfügung stand.
Angst vor erneutem Bruch
Heute, fünf Jahre nach dem Austausch seines gebrochenen Implantats, fühlt sich Ralf Siegel immer noch nicht wieder fit. „Als ich das künstliche Hüftgelenk bekam, war das für mich wie ein neues Leben, ich konnte wieder laufen gehen, Sport treiben und mit meinen Kindern toben“, so der gelernte Verwaltungswirt. „Jetzt habe ich immer wieder Schmerzen und ein taubes Gefühl im Bein, fühle mich behindert und eingeschränkt.“ Dazu kommt, dass das Vertrauen in das Implantat nicht zurück kommt. „Ich habe Angst beim Tragen oder sogar beim schnellen Gehen, dass es wieder knackt.“
Ralf Siegel hat die Helios-Klinik verklagt. Er möchte, dass sein Recht auf Information, auf eine Operation mit geeigneten Instrumenten und ein Recht auf Schmerzensgeld festgestellt wird. In einem ersten Prozess wurde seine Klage abgewiesen.
„Da entschied das Gericht, dass das Weitergeben der nach der Operation erhaltenen neuen Informationen nicht zu den Aufklärungspflichten der Ärzte gehört“, so der Anwalt. Heute geht es vor dem Kammergericht in die zweite Instanz. Jörg Heynemann ist optimistisch, dass das Gericht im Sinne der Patienten und ihrer Autonomie entscheiden wird. Damit will Ralf Siegel dann auch anderen Mut machen – ein- bis zweitausend Patienten in Deutschland haben ein Implantat der Firma Eska Implants eingesetzt bekommen.
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