In Weißensee verunsichert die Wahl der weiterführenden Schule, die nun ansteht, die Eltern und die künftigen Siebtklässler im besonderen Maße. In dem stark wachsenden Pankower Ortsteil gibt es nur ein Gymnasium. Und dieses Primo-Levi-Gymnasium war im vergangenen Jahr bereits das begehrteste aller Berliner Gymnasien, 70 Schüler mussten allein dort abgewiesen werden.
„Wir Eltern geraten in Entscheidungsnöte“, sagt Otmar Lell, der deshalb nun einen offenen Brief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) geschrieben hat. Für Lells Tochter, die einen Grundschul-Notenschnitt von immerhin 1,8 vorweisen kann, steht die Anmeldung an. Eigentlich wäre das Primo-Levi-Gymnasium die erste Wahl, zumal in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen. Vor Jahren war an der beliebten Schule nur ein Notenschnitt von 2,3 nötig, um sicher aufgenommen zu werden.
Anmeldung
Phase: Ab diesem Dienstag bis zum 21. Februar können künftige Siebtklässler an den Gymnasien und Sekundarschulen angemeldet werden. Drei Wünsche können angegeben werden. Es empfiehlt sich dabei nicht, drei besonders begehrte Oberschulen anzugeben.
Regelung: An „übernachgefragten Oberschulen“ werden 60 Prozent der Plätze über den Notenschnitt der Grundschule besetzt,10 Prozent der Plätze sind für Härtefälle reserviert und die restlichen 30 Prozent werden verlost, um für eine breitere Schülermischung zu sorgen.
Fünfte Klasse: Möchte ein Kind zur fünften Klasse wechseln, kann es vom 27. bis 6. März angemeldet werden. Für Musikgymnasien und das Französische Gymnasium gilt eine verkürzte Anmeldung bis 16. Februar. Auch für Mathe- und Naturwissenschafts-Klassen gibt es Tests.
„In den letzten Jahren sind die Anmeldezahlen aber so gestiegen, dass die Zutrittshürde bei einer Durchschnittsnote von 1,6 lag“, schreibt Lell. Würde die Tochter also das Primo-Levi-Gymnasium als Erstwunsch-Schule angeben, gehörte sie wohl nicht zu den besten 60 Prozent, die über den Notenschnitt Einlass finden. Als Härtefall gilt sie auch nicht. Sie könnte also nur darauf hoffen, dass sie aus dem Lostopf gezogen wird – denn 30 Prozent der Plätze an begehrten Schulen werden verlost, um einen gewissen Ausgleich zu schaffen.
Kriterien nicht kalkulierbar
Für Vater Otmar Lell ist damit klar: „Das Aufnahmeverfahren stellt sich insgesamt als Mischung aus elitärem Auslesewettbewerb, Spekulation und Losglück dar.“ Er fordert Senatorin Scheeres auf, das Verfahren zu verändern. Neben einer wohnortnahen Schule sollten vor allem die Zulassungskriterien für Eltern kalkulierbar sein, fordert er. Derzeit ist völlig unklar, ob ein bestimmter Notenschnitt ausreicht, um angenommen zu werden.
Denn der aktuell nötige Durchschnitt steht ja erst nach der zweiwöchigen Anmeldungsfrist fest. Einige Eltern warten gar bis zu den letzten Tagen der Phase, um dann von der Schulleitung die sich abzeichnende Durchschnittsnote informell mitgeteilt zu bekommen. Ralf Treptow, Leiter des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, stellte diese sogar während der Anmeldephase in die Schul-Homepage ein. Doch das wird in der Verwaltung nicht gern gesehen, weil es ja offiziell nach freier Schulwahl aussehen soll.
Notenhürden für Sekundarschulen
„Man ist also gehalten zu spekulieren, wie sich die anderen Eltern verhalten werden: Schrecken die hohen Zutrittshürden des vorigen Jahres ab?“, schreibt Lell. „Oder sollte man lieber auf eine weniger nachgefragte Schule ausweichen?“ Lell, seine Partnerin und die Tochter haben sich nun nach Alternativen umgeschaut. Die Tochter müsse nicht unbedingt ein Gymnasium besuchen. Eine Sekundarschule könne es auch sein, aber bitte mit gymnasialer Oberstufe. Womöglich würde dort sogar eine zeitgemäßere Pädagogik angeboten.
„Doch hohe Notenhürden gibt es inzwischen auch bei Sekundarschulen“, hat Lell festgestellt. Die recht nahe gelegene Kurt-Schwitters-Sekundarschule in Prenzlauer Berg habe im vergangenen Jahr nur Schüler bis zu einer Durchschnittsnote von 1,8 sicher aufgenommen. An anderen Sekundarschulen mit Oberstufe, etwa an der Pankower Tucholsky-Schule, sehe es ähnlich aus.
Klagen über Klagen
Und an der Gutenberg-Sekundarschule in Alt-Hohenschönhausen weise man ja schon auf der Homepage darauf hin, dass 70 Prozent der Schüler über eine Gymnasialempfehlung verfügten. „Von gemeinsamen Lernen und Integration ist diese Realität weit entfernt“, schreibt Lell und fordert, dass wenigstens an Sekundarschulen keine Auslese nach Noten erfolgen sollte.
Die Tochter wird nun wahrscheinlich mit Erstwunsch an der Kurt-Schwitters-Sekundarschule angemeldet – auch wegen des Schulprofils.
Ganz ähnliche Klagen kommen derweil aus Karlshorst. Auch dort gibt es nur ein Gymnasium, das Coppi-Gymnasium, das sehr begehrt ist. Und auch dort haben die umliegenden Schulen entweder hohe Notenhürden – oder einen schlechten Ruf. „Wir wissen nicht, was wir machen sollen“, sagt eine Mutter.
Zumutungen für die Kinder
Eine andere Mutter in Kreuzberg ist da schon weiter. Sie wollte ihren Sohn eigentlich gerne auf das dortige Leibniz-Gymnasium schicken. Doch laut Förderprognose der Grundschule hat das Kind einen Notenschnitt von 2,1. „Völlig hoffnungslos“, sagt die Mutter. Denn zuletzt hätten man an dem begehrten Gymnasium einen Notenschnitt von wenigstens 1,4 aufweisen müssen.
Leider hätten ihr und ihrem Sohn die anderen Gymnasien und Sekundarschulen in Kreuzberg nicht wirklich zugesagt. „An einer Sekundarschule soll ein Lehrer überfordert während des Unterrichts aus dem Klassenraum gegangen sein“, sagt sie. Das möchte sie ihrem Kind nicht zumuten müssen.
Letzter Ausweg Privatschule
Stattdessen hat sie sich nun dafür entschieden, ihr Kind an einer Privatschule anzumelden. „Auch wenn wir das eigentlich gar nicht wollten“, sagt sie. Zur Auswahl stehen nun die Evangelische Schule Neukölln, die Katholische Sankt Franziskus-Schule in Schöneberg oder die Schule Sankt Marien ebenfalls in Neukölln.
An den staatlichen Gymnasien, Sekundar- und Gemeinschaftsschulen können die künftigen Siebtklässler bis zum 21. Februar angemeldet werden. Wer nach der 5. Klasse wechseln will, kann vom 27. Februar bis 6. März dort angemeldet werden.
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