Otto-Suhr-Siedlung in Kreuzberg

Leben im ärmsten Kiez Berlins

70 Prozent der Kinder wachsen in dem Gebiet in Hartz-IV-Familien auf. Ein Besuch.

Sabine Rennefanz
7 Min
Ein Mann geht an der Tafel mit der Aufschrift "Otto-Suhr-Siedlung" vorbei.

Ein Mann geht an der Tafel mit der Aufschrift "Otto-Suhr-Siedlung" vorbei.

© Markus Wächter

Zwischen Altem Waschhaus und Otto-Suhr-Siedlung

Das Alte Waschhaus steht in der Otto-Suhr-Siedlung, einer Fünfziger-Jahre-Anlage im nördlichen Zipfel von Kreuzberg, eingeklemmt zwischen Moritzplatz auf der einen und Bundesdruckerei auf der anderen Seite. Früher verlief hier mal die Mauer, aber das kann man sich kaum noch vorstellen, so vollgebaut ist alles.

In der Nähe ist die geografische Mitte Berlins markiert. Man könnte sagen, man befindet sich im Herzen Berlins, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Es ist der ärmste Kiez Berlins, laut Berliner Sozialstrukturatlas.

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Die Verwaltung zerlegt regelmäßig die Stadt in Puzzleteile, Planungsräume im Stadtplaner-Deutsch genannt, und misst − wie ein Arzt − verschiedene Werte, anhand derer man erkennen kann, wie es einem Kiez geht. Im Planungsraum Nummer 02010103, die Gegend um die Otto-Suhr-Siedlung, werden seit Jahren auffällige Zahlen gemessen: 16.000 Einwohner, 70 Prozent davon mit ausländischem Pass oder ausländischen Wurzeln, 17 Prozent Arbeitslosigkeit, mehr als doppelt so viel wie im Berliner Schnitt, 70 Prozent der Kinder leben in Hartz-IV-Familien. Es sind die ungünstigsten Werte für ganz Berlin. Man könnte sagen, das Herz der Stadt ist krank.

Die Straßen rund um das Alte Waschhaus, wo Joachim Schmidt sich über Graffiti ärgert, liegen still da. Es gibt kaum Geschäfte, die einzige Bibliothek wurde kürzlich geschlossen, auf einer Bank drehen sich Jungs einen Joint, man sieht Mütterchen mit Kopftuch und Hackenporsche. Es gibt einen kleinen Park, benannt nach einem toten Politiker namens Waldeck. Die Häuser sehen trostlos aus, aber nicht verwahrlost, einige Fassaden sind frisch gestrichen. Ein Ghetto stellt man sich anders vor.

Oben Designläden, unten Drogendealer

Das Leben spielt sich am Moritzplatz ab. Unten im U-Bahnhof wird Heroin verkauft, oben ziehen spanische Touristen durch die Designläden im Aufbauhaus. Programmierer von umliegenden Start-ups kommen auf teuren Rennrädern angebraust, um im koreanischen Imbiss Sweet-Pulled-Beef-Tacos zu verspeisen. Nur ein paar Meter weiter stehen jeden Donnerstag Menschen Schlange, um für einen Euro Tüten mit abgelaufenen Lebensmitteln zu ergattern.

Joachim Schmidt wohnt in Mitte, die Otto-Suhr-Siedlung hat er durch Zufall entdeckt, als er vor ein paar Jahren den Mauerweg entlangspazierte. Mittendrin stand dieses Häuschen mit Flachdach, das früher für die Mieter eingerichtet wurde, die keine eigene Waschmaschine besaßen. „Das war verfallen, überall hingen Spinnweben, aber die Waschmaschinen standen noch drin“, sagt Schmidt.

Joachim Schmidt, 58: Der Kampfsporttrainer musste erst lernen, sich im Kiez zurechtzufinden.

Joachim Schmidt, 58: Der Kampfsporttrainer musste erst lernen, sich im Kiez zurechtzufinden.

© Markus Wächter

Er ist 58, wirkt aber jünger; seinen linken Arm hat er kürzlich mit einem biblisch anmutenden Motiv von Leben und Tod zustechen lassen, ein Jahr hat das gedauert, auf dem rechten Arm prangt ein thailändisches Schutztattoo, das Glück bringen soll. Er ist gebürtiger Ost-Berliner, gelernter Kfz-Mechaniker. Nach der Wende verlor er die Arbeit, entdeckte das Thai-Boxen für sich und gründete einen Sportverein, er bietet Thaiboxen, Familienturnen, Schwimmen an.

In seinem Trainingsraum hängen Poster von Thai-Box-Wettkämpfen, von der Decke baumeln Sandsäcke. In zwei Stunden kommen die Ersten zum Training, Schmidt hat Zeit zum Reden. Ihm gefiel das Waschhaus am ehemaligen Mauerstreifen, erzählt er. Es gehört zur Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die einen guten Ruf im Kiez hat. Schmidt bewarb sich und bekam den Zuschlag. Er ließ die Waschmaschinen ausräumen, Wände einziehen, Duschen und Toiletten einbauen. Der Vermieter zahlte den Großteil der Renovierung, 65.000 Euro steckte der Vereinschef in den Umbau.

Wer zu spät kommt, muss Liegestütze machen

Der Anfang vor sechs Jahren war nicht leicht. Schmidt kannte die Sportszene in Mitte, in Friedrichshain, in Lichtenberg, er hat durch das Boxen Freunde aus aller Welt gefunden, aber Kreuzberg wirkte fremd. Sein Verein wollte etwas für die vielen türkischen Rentner im Kiez tun, bot Yoga und Senioren-Gymnastik an, keiner kam. Er stellte fest, dass die älteren Türken kaum Deutsch verstehen, obwohl sie ihr Leben in Berlin verbracht haben.

Als er Thai-Boxen anbot, ging es endlich los. „Erst stand einer da, und plötzlich war die Hütte voll.“ Rund sechzig Leute kommen heute regelmäßig, Türken und Deutsche, Araber und Vietnamesen, Männer und Frauen. Auf der Website steht, der Verein sei eine „Plattform für multikulturelle und sportliche Begegnungen“.

Zum ersten Mal feste Regeln

Als Ziele werden die Förderung von Werten und Verhaltensregeln zwischen Kulturen genannt. Schmidt hat nichts gegen Multikulti, hat aber den Eindruck, dass in der Gesellschaft Probleme beim Zusammenleben der Kulturen zu lange ignoriert worden sind.

Wenn einer bei ihm regelmäßig zu spät kommt, muss er zur Strafe fünfzig Liegestütze machen. Randalierer werden nicht geduldet, ebenso wie Drogendealer, Raucher. „Wer hier mit Rauchfahne ankommt, kann keine Leistung bringen“, sagt Schmidt. Es klingt hart, wenn er Sätze sagt wie: „Die Gesellschaft verweichlicht“, aber wenn man ihm länger zuhört, fragt man sich, ob er nicht einfach die Folgen der Armut beschreibt, die er vor Ort erlebt.

Manchen Jungs werden hier zwischen seinen Sandsäcken das erste Mal Regeln beigebracht. Neulich kamen welche und sagten, sie würden lieber ohne Frauen trainieren. Schmidt schüttelt den Kopf, als könne er nicht fassen, was er mitten in Berlin erlebt.

Gegensätze werden schärfer

Andreas Korn kannte den Kiez schon, als im Alten Waschhaus noch die Waschmaschinen liefen. In den Siebzigerjahren lief er durch die Straßen und verteilte Fleurop-Blumen. Seine Eltern führten ein Blumengeschäft am Hermannplatz, er half beim Blumenausfahren und fuhr manchmal in das Viertel an der Sektorengrenze.

Es sei wie das Ende der Welt gewesen, sagt er. Der 54-Jährige sitzt in der St.-Jacobi-Kirche auf einer Holzbank, er ist hier Kirchwart. Im Krieg wurde das Gebäude bis auf die Grundmauern zerstört. Auf das ganze Viertel fielen 1945 Bomben. Ende der Fünfziger wurde eine neue Siedlung eingeweiht, die den Namen des früheren Berliner Bürgermeisters erhielt, Otto Suhr.

Es sei eine kleinbürgerliche Gegend gewesen, viele Beamte, einfache Angestellte wohnten in den 1- und 2-Zimmer-Wohnungen, erinnert sich Andreas Korn. In den Neunzigerjahren zogen türkische und arabische Familien zu, immer weniger deutsche Familien meldeten ihre Kinder in den umliegenden Schulen an.

In den vergangenen zehn Jahren sind die Gegensätze noch schärfer geworden, türkische Rentner, zogen in die Suhr-Siedlung, der Moritzplatz wurde hip. „Da sind die Schönen und Reichen, die haben sogar ihre eigene Kita“, sagt Kirchwart Korn.

Aber auch die Zahl der Drogendealer und die Beschaffungskriminalität haben zugenommen. Korn sagt, er kenne kaum eine Sozialeinrichtung in der Gegend, die nicht mit Einbrüchen zu kämpfen habe. Er hat sich daran gewöhnt, morgens, wenn er durch den Kirchgarten geht, ausgeplünderte Brieftaschen zu finden, die Diebe über den Zaun geworfen haben.

Regellosigkeit? Kriminalität? Ghetto? Wenn die 23 Jahre alte Hülya über ihr Zuhause spricht, dann klingt das, als würde sie über eine andere Welt sprechen. „Ich liebe unseren Kiez, ich bin hier groß geworden und möchte auch nicht woanders wohnen“, sagt sie. Sie sitzt mit Freundinnen vor dem einzigen Café in der Kommandantenstraße. Mit ihrem Vater teilt sie sich eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung für 500 Euro. Wenn sie ausgehen will, ist sie schnell in einer der Shisha-Bars am Kotti, zum Shoppen geht’s ins Alexa am Alexanderplatz. Nur die Schulen könnten besser sein, sagt sie. Sie hat die Otto-Wels-Grundschule um die Ecke besucht, mit vielen anderen Migrantenkindern, hat aber das Abitur in Charlottenburg gemacht.

Hülya genießt die Sonne, als Sevim Aydin vorbeikommt. Die SPD-Politikerin, 44, Juristin, tritt im Wahlkreis als Kandidatin an und stellt sich der jungen Frau vor. „Was wollen Sie denn ändern“, fragt Hülya forsch. Sevim Aydin fängt an zu reden. Sie will sich für bessere Bildung einsetzen, die Schulabbrecherquote senken und eine Beratungsagentur gründen, sodass Jugendliche mit ausländischen Wurzeln früh über Ausbildungsmöglichkeiten informiert werden.

Hülya nickt. So etwas hätte sie auch gut gebrauchen können. Nach der Schule hatte sie sich für Informatik eingeschrieben, ohne genau zu wissen, was sie erwartet. Sie brach das Studium nach ein paar Semestern ab, wechselte zu Economics, inzwischen schreibt sie ihre Bachelor-Arbeit. Nach der Prüfung will sie ein halbes Jahr reisen, nach Australien. Nur ihren Vater muss sie davon noch überzeugen, sagt sie. Sevim Aydin nickt und fragt, ob sie denn wählen gehen werde am 18. September.

Die Antwort ist der jungen Berlinerin offensichtlich ein wenig peinlich. „Ich bin türkische Staatsbürgerin und kann gar nicht wählen“, sagt sie. Dann trinkt sie ihren Tee aus, verabschiedet sich von ihren Freundinnen und läuft los. „Aber ich werde Sie meinen Freunden empfehlen“, ruft sie Sevim Aydin hinterher.

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