Ost-West-Debatte

War die DDR eine Diktatur? – Die Historikerin Christina Morina sagt: Ja, aber ...

Auch in der DDR sei darüber nachgedacht worden, was Demokratie ausmacht und wie man eine gerechte Gesellschaft schafft, sagt Christina Morina.

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Die Historikerin Christina Morina 

Die Historikerin Christina Morina 

© Universität Bielefeld/S. Jonek

Hier die westdeutsche Demokratiegeschichte, dort die ostdeutsche Diktaturgeschichte – dieser Blick auf Ostdeutschland ist der Historikerin Christina Morina zu schematisch. Die DDR war eine Diktatur, sagt sie.  „Zugleich aber hieß dieser Staat Deutsche Demokratische Republik, und dieser demokratische Anspruch war mehr als eine Propagandaformel.“ Viele Menschen in der DDR hätten sich an der Rede von der sozialistischen Demokratie abgearbeitet, sagt Morina im Interview mit der Berliner Zeitung. „Es ist mir wichtig, diese Idee von der apathischen Nischengesellschaft im Gegensatz zur liberalisierten westdeutschen Gesellschaft aufzubrechen und zu zeigen, dass auch in der DDR-Bevölkerung darüber nachgedacht wurde, was Demokratie ausmacht, was Gemeinwohl ist, wie man eine gerechte Gesellschaft schafft.“

Den Herbst 89 haben laut Christina Morina vor allem basisdemokratische und sogenannte volksdemokratische Ideen geprägt, die mit der repräsentativen Ordnung des Grundgesetzes nicht viel gemein haben. Doch alternative Entwürfe und basisdemokratische Ideen seien bald nicht mehr relevant gewesen, seien gewissermaßen auf der Straße liegen geblieben. „Darin sehe ich auch einen Grund für den AfD-Aufstieg: dass die plebiszitären Impulse des Umbruchs in die politische Kultur des vereinten Deutschlands kaum Eingang gefunden haben.“

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Natürlich müsse man über den Erfolg der AfD im Osten bestürzt sein, sagt sie. Zugleich sei die AfD eine genuin gesamtdeutsche Partei. Und die große Mehrheit im Osten wähle die AfD gerade nicht, sondern schätze die Grundgesetzordnung. „Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die Zustimmung zur Demokratie auch in der Bundesrepublik eine Generation nach Gründung des Staates ungefähr so hoch war, wie sie heute eine Generation nach 1990 in Ostdeutschland ist. Und das war sie in der Bundesrepublik mit Wirtschaftswunder, während sie in Ostdeutschland trotz einer Wirtschaftskatastrophe und der Rieseneinschnitte in sozialer, materieller, kultureller und politischer Hinsicht so hoch ist. Die Ostdeutschen haben keine Schönwetter-Demokratie kennengelernt. Es wurde ihnen viel abverlangt, und gemessen daran ist die Zustimmung zur Demokratie bemerkenswert hoch.“

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